Prolog

In dem wir unsere Allmacht bereuen

241 N.TH. – 2639 N.CHR. – DIE QUALLENPHASE – 13. UMBRUCH

Gebannt von der Last der Unendlichkeit ist es manchmal nur das Jetzt, das uns zu Helden oder Monstern macht, nur der Moment, in dem sich entscheidet, was wir sind, bevor wir wieder in unsere Glassplitter zerfallen, die zusammen nichts als ein taubes Chaos ergeben. Erfüllt von dem Wissen darum, dass es nicht immer so war wie jetzt, schweben wir in Erinnerungen an damals, als wir noch nicht zu vergleichen waren mit der der Welt zugrundeliegenden Weisheit.

Seit damals bin ich gewachsen; in den Himmel und über mich hinaus, und inzwischen spannen sich nicht nur Muskeln und Fleisch um meine blanken Knochen, nein, inzwischen sind mir Fell und Federn gewachsen, und ich fliege, lasse alles hinter mir zurück. Ich bin der Nachthimmel, an dem sich die Sterne sammeln, und ich bin der Gott, der sie gen Erde fallen lässt. Ich bin die Planeten und das Universum und ich bin das System. Welchen Tod könnte ich noch sterben, der nicht süß und willkommen auf meiner Zunge schmeckte? Welches Leben könnte ich noch kosten, das sich nicht vor mir auf die Knie werfen und um Gnade winseln würde? Gegen mich ist die Erde nur ein nacktes, trauriges Geschöpf, das Zuflucht in mir sucht, mein Herz zerreißt, um sich darin zu verbergen. Gegen mich ist das Universum nur ein Bettler, den ich verführe, warte, dass er meine Beine auseinander drückt, dass er in mich dringt, damit ich ihn verschlingen kann und wir beide brennen.

Wie kann es also sein, dass ich am Ende hier bin, allein, verlassen und gefangen in diesem Käfig aus Emotion und Verpflichtung? Unter mir sollte sich die Welt spalten, wenn ich mich spalte, und doch sehe ich nur das Gras unter meinen Füßen und das Leben, das sich darin räkelt. Über mir sollte der Himmel zerbröckeln wie meine Seele und doch sehe ich nur die Beständigkeit alter Sterne, wenn ich meinen Blick hebe.

Ich möchte die Finger ausstrecken, um meine neue Welt zu berühren, sie mit den Fingerkuppen zu streifen, um ihre Magie in mich aufsaugen zu können. Aber seitdem das Wissen des Systems mir die Sprache geraubt hat, fühle ich mich nicht einmal mehr in der Lage, mich am bloßen Betrachten der Wunder zu erfreuen.

Dieser Nachtwald wird noch lange in meiner klaren Erinnerung verharren. Die Schwärze zwischen den breiten, knorrigen Stämmen hoher Bäume, das weiße Mondlicht, das durch das Blätterdach auf sanfte Grasflächen fällt und die Stille mit seinem Zauber benetzt. Ich war es, die die Insekten schuf, die nun leuchtend durch die Luft schwirren und jedes Blatt, jede Blume, jeden Grashalm durch ihre Berührung zum Schimmern bringen. Ich war es, die die Lichtblitze in diese wiederbelebte Erde brachte, die in bunten Farben durch die Leben jagen und tausende Erinnerungen vergangener Zeiten in sich gefangen halten.

Schöpferin nennen sie mich, Weltenschafferin, doch scheint es mir, als sei das Leben aus mir gekrochen, während ich es um mich herum geschaffen habe. Und während sich alles vergnügt und lacht, bin ich ein einsamer Gott zwischen all den Menschen und Bäumen, zwischen all den Quallen und Planeten. Ich möchte sie wieder schmecken auf meiner Zunge, die Echtheit des Schmerzes und die Bitterkeit der Liebe. Aber nun bin ich hier, in diesem nächtlichen Idyll, wo nicht die Gedanken am Boden zerbrechen, sondern der Boden an den Gedanken.

Bei jedem Schritt, den ich durch Moos und Gras tue, bleibt ein Stück von mir zurück, während ich anderes in mich aufnehme und mich Sekunde für Sekunde neu erfinde.

Und doch endet es dieses Mal anders, denke ich. Jetzt gibt es zwei Splitter, die sich nicht von mir vereinen lassen: Ich und das düster grinsende Etwas, das mir der Spiegel zeigt.

9 Wolkengedanken zu “Prolog

  1. Ich bin bereits von dem Prolog gefesselt. Beinahe habe ich vergessen, wie toll sich dein Schreibstil lesen lässt, wie sehr er verzaubert und wie nachdenklich er einen zurück lässt. Danke. Ich liebe es!

    1. Hey Jess! Mensch, vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Es freut mich wahnsinnig, dass dir der Prolog schon so gut gefallen hat und dich fesseln konnte ♥ Hoffentlich können auch die kommenden Kapitel deinen Geschmack treffen. Ich kann es kaum aushalten, die ersten Kapitel hier zu posten!

      Liebe Grüße
      Marie

    1. Hallo Roberto, tausend Dank für’s Lesen und deinen lieben Kommentar. Es freut mich total, dass dich der Prolog schon überzeugen konnte!

      Hast du “Kernstaub” (also Teil 1) eigentlich auch schon gelesen? Nur so aus Interesse :)

      Liebe Grüße
      Marie

  2. Wow, sehr toll :) Ich bin begeistert wie immer. Dein Schreibstil ist einfach wunderschön und beeindruckend. Der Prolog hat mich gefesselt, lässt mich nachdenklich und traurig zurück und ich muss unbedingt weiterlesen.

    1. Hi Anna,
      wow, wie klasse, dass du jetzt auch hier einsteigst! Das freut mich ja wahnsinnig! Und ich hoffe natürlich total, dass dir Weltasche gefällt und bin schon gespannt auf deine Meinungen und Kommentare! Hast du schon entdeckt: Wenn du am Desktop liest, kannst du auch auf die kleinen Plus-Zeichen neben jedem Absatz klicken und deine Kommentare direkt rauslasse :D

      Ich danke dir, dass du hier liest und deine Meinung da lässt! Nun bin ich ganz aufgeregt! :)

      Liebe Grüße
      Marie

  3. Liebe Marie,
    ich habe den Prolog jetzt seitdem er gepostet wurde das zweite Mal gelesen. Diesmal mit dem Ziel, es über diesen Einstieg hinaus zu schaffen und weiter zu lesen.

    Es gibt ja verschiedene Lesetypen und ich gehöre zu der Sorte, die sich gerne Wortbilder als Film im Kopf vorstellt. Das ist mir hier besonders gut gelungen und ich bin immer noch so hin und weg von diesen Worten, diesen Beschreibungen, diesen Bildern. Und dennoch ist da diese dunkle Seite von Mara, die du angedeutet hast und die man ja am Ende des letzten Buches schon deutlich bemerkt hat.

    Ich bin sehr gespannt, wie du uns die unendlichen Weiten deines Universums noch näher bringen möchtest und ich bin gespannt auf die Charas und was für Abenteuer du dir hier wieder für Mara ausgedacht hast. Meine Meinung von ihr ist immer noch nicht die beste, aber vielleicht schaffst du es ja hier, mich vom Gegenteil zu überzeugen, dass ich mich ihr wieder etwas annähern kann.

    Liebste Grüße

  4. Hallo Marie,

    ich muss mich mal bei dir entschuldigen.
    Ich habe ja bereits geschrieben, dass ich Kernstaub angefangen habe zu lesen, und ich habe auch bereits das zweite Kapitel gelesen. Bin im Moment so im Dauerstress, bzw. weiß selbst gerade nicht, wo mir mein Kopf steht, dass ich deswegen erstmal nicht weiterkomme.
    Habe aber gerade gelesen, dass du Weltasche erst einmal ruhen lässt, und musste hier jetzt einfach mal vorbeischauen.
    Ich habe den Prologe gelesen und ganz ehrlich, er geht runter wie Öl.
    So wunderschön formuliert, dass mir die Worte dafür fehlen.
    Ich glaube ich habe dir schon mal geschrieben, dass ich es schade fände, wenn du solch wundervolles Kunstwerk fallen lassen würdest.
    Wenn ich mehr Zeit habe, und bei mir selbst Ruhe eingekehrt ist, werde ich Kernstaub und auch das was du bisher bei Weltasche geschrieben hast, zuende lesen.

    Mach weiter so
    Du brauchst dich in der Autorenwelt sicherlich nicht verstecken.

    Gruß Dom

  5. Oookay. Ich musste es anfangen. Könnt nicht widerstehen und hier bin ich – beim Prolog. Drei Dinge:
    1.) Er gefällt mir um Welten (haha) besser als der Prolog aus Kernstaub. Liegt vielleicht einfach daran, dass ich mittlerweile an deinem Stil “gewohnt” bin.
    2.) Er ist wirklich ein starker Einstieg
    3.) Er sagt mir nicht wirklich viel Neues. Das Ende von Kernstaub hatte zahlreiche dieser Gedanken bereits in sich getragen. Aber gut. Lesen wir weiter! ^^

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