Kapitel 9

In dem sie zerbricht

Nichts hat uns je mehr verbunden als die alten Netze aus den Phasen, lange vor dem Leben und lange vor dem Universum. Lange vor der Sprache und den Quallen, vor der Sonne und der Materie. Nichts kettet uns enger aneinander als die alten Worte der Gedanken; nichts verkn├╝pft Seelen besser als ihre ewigen Namen.

241 N.TH. ÔÇô 2639 N.CHR. ÔÇô 13. UMBRUCH
09. FEBRUAR

┬╗Letzte Nacht habe ich getr├Ąumt, du w├Ąrst eine Qualle.┬ź Meine Stimme durchbricht das eintr├Ąchtige Schweigen zwischen Juan und mir, und er schaut mit einem belustigten Stirnrunzeln zu mir auf, als ich ihm eines meiner vielen wirren Erlebnisse der letzten Nacht offenbare.

┬╗Wie bitte?┬ź

Ich lache, ebenso wie er, und lehne mich in meiner Sitzschale zur├╝ck.

┬╗Ja, es war echt komisch, ich ÔÇŽ wei├č auch nicht, wie ich jetzt darauf komme.┬ź
├ťber der Stadt ist inzwischen die Sonne aufgegangen. Schon seit Tagen scheint sie und ich liebe es, sie zu beobachten, ewig an den breiten Fenstern oder auf dem gro├čen Balkon zu sitzen und ihren Lauf zu verfolgen. Sie ist so anders als die Sonne, die ich kenne; ihre Farbe ist so warm und ihre Strahlen so beruhigend und fr├Âhlich.

Obwohl noch Februar ist, scheint es, als w├╝rde langsam Fr├╝hling, die Knospen der B├Ąume, die zwischen all den H├Ąusern das Leben in die Stra├čen bringen, zaubern allm├Ąhlich gr├╝ne und bunte Bl├Ątter hervor, die ich mir nur zu gern ansehe. Ich dachte so lange, die Natur h├Ątte sich in die letzten Winkel dieser Welt zur├╝ckgezogen, doch in Wahrheit umgibt sie uns, wenn auch nur unscheinbar.

┬╗Schau mal, wie sieht es damit aus?┬ź Juan und ich haben die Fensterfront aufgel├Âst und das Wohnzimmer in eine Art vergr├Â├čerte Terrasse verwandelt, auf der wir nun ├╝ber den Tisch gebeugt sitzen, um in fast schon sommerlicher Kleidung Kurse an der Universit├Ąt f├╝r mich anzusehen und auszusuchen. Er zieht mir einen Artikel ├╝ber Sprachen auf Behryu ├╝ber die Platte zu und ich studiere ihn ├╝berfliegend.

┬╗Davon kenne ich schon die meisten┬ź, sage ich, noch immer von der schieren Vielfalt der F├Ącher dieser Einrichtung begeistert.

┬╗Ja, aber es sind nicht alle verzeichnet. Nubina steht zum Beispiel gar nicht drauf. Das sprichst du doch, oder?┬ź

┬╗Ja, das ist sogar meine Muttersprache. Warum?┬ź

Ich schaue interessierst zu ihm auf. Er war in den letzten drei Tagen nicht hier, weil er irgendwelche Freunde am anderen Ende der Welt besucht hat, doch heute ist er den ersten Tag wieder da. Gestern h├Ątte unser Termin f├╝r die Abholung des ID-Chips sein m├╝ssen, doch aufgrund der Komplikationen, die mir der Komplex bereits angek├╝ndigt hatte, wurde die ganze Prozedur auf unbestimmte Zeit verschoben. Also versuchen wir, Zeit totzuschlagen, sind sp├Ąter noch mit einigen anderen Leuten verabredet, die wir auf unserem ersten Ausflug in den Slot kennengelernt haben, und ich bin bereits mehr als gespannt darauf, sie wiederzusehen.

┬╗Na ja, du k├Ânntest dich vielleicht mit einem der Dozenten zusammensetzen und einen Kurs ├╝ber die Sprache anbieten. Du musst das ja nicht allein machen, aber so kannst du dir vielleicht ein wenig zus├Ątzliches Geld verdienen.┬ź

┬╗Hm┬ź, mache ich und schaue wieder zu meinen Fingern hinab, die ÔÇô wie auch der Rest meines K├Ârpers ÔÇô von den letzten Tagen im Sonnenlicht von unz├Ąhligen, dunklen Sommersprossen ├╝berzogen sind. ┬╗Nach dem Verkauf der Erinnerungen brauche ich sicherlich kein Geld mehr ÔÇŽ aber ich finde die Idee trotzdem interessant┬ź, gebe ich zu und er nickt.

┬╗Du kannst es ja in den Ordner f├╝r die Ideen packen und es dir ├╝berlegen┬ź, meint er und ich folge seinem Vorschlag.

┬╗Gut, danke┬ź, murmle ich und st├Âbere auf meiner Fl├Ąche weiter, auf der Suche, nach weiteren interessanten Angeboten. Mein K├Ątzchen, das ich Winn getauft habe, schnurrt um mich herum und ich streichle es gedankenverloren, bis die Kleine sich auf das Ladefeld in der anderen Ecke des Tisches zur├╝ckzieht und lautlos einige Lichtspritzer ├╝ber den Tisch purzeln, w├Ąhrend sie leise mit sich selbst spielt.

┬╗Ich mach mir mal Essen┬ź, verk├╝ndet Juan irgendwann und erhebt sich. ┬╗Magst du auch was?┬ź Ich sch├╝ttle lediglich meinen Kopf, weil mich gerade etwas anderes abzulenken begonnen hat, das er zum Gl├╝ck noch nicht gesehen hat, als er neben mir sa├č. Und als er sich umwendet und in die K├╝che verschwindet, studiere ich es genauer.

Das medizinische Kontrollarmband, das meinen rechten Arm schm├╝ckt, leuchtet rot, blinkt mich warnend an, und ich runzle die Stirn, weil ich mich nicht schlecht f├╝hle. Eine Fehlfunktion? Oder etwas, das innerhalb meines K├Ârpers nicht stimmt?

Ich nehme es ab, weil ich Angst habe, dass es meinen Bruder benachrichtigt und er seine Veranstaltung verlassen muss, obwohl alles mit mir in Ordnung ist.

Seufzend schaue ich auf die kleine Zelle hinab, zu der sich das Band wieder zusammengezogen hat, nachdem ich es abgezupft habe. Ich ├╝berlege kurz, Juan zu fragen, was das bedeuten k├Ânnte ÔÇô doch nach dem Aufstand, den er und Lewin veranstaltet haben, nachdem ich nur Nasenbluten hatte, verzichte ich am Ende doch darauf.

Ich widme mich also wieder den Notizen, als mich ├ťbelkeit so pl├Âtzlich ├╝berf├Ąllt, dass ich alles irritiert von mir schiebe, die Augen schlie├če und mich dann nicht mehr bewege, in der Hoffnung, das taube Gef├╝hl in meiner Kehle w├╝rde wieder verschwinden. So harre ich einige Sekunden lang aus, will gerade nach Juan rufen, als zu dem Kribbeln in meiner Kehle ein dumpfer, tiefer Schmerz in meinem Magen einsetzt. Und so schnell wird er so rei├čend scharf, dass ich die Arme um den Baum schlinge und kein Wort ├╝ber meine zitternden Lippen bringe.

Verflucht, was soll das?

Ich rapple mich auf, werde aber von so heftigem Kopfschmerz ├╝berrollt, dass ich schwanke, fast falle, weil sich Schw├Ąrze vor meine Augen legt, bis ich mich nur unter Anstrengungen an einer der Sitzschalen abst├╝tzen kann. Weiche Knie, schwerer Atem, und das alles so pl├Âtzlich, dass ich zittere und sp├╝re, wie mein Puls h├Âher schl├Ągt.

In Schlangenlinien taumle ich auf das Bad zu, w├Ąhrend meine nackten F├╝├če ├╝ber den Boden stolpern und ich nur mit gr├Â├čter M├╝he meinen unendlich schweren Arm heben kann, um das T├╝rfeld zu ├Âffnen und in den wei├čen Raum mit den alten Fliesen zu schwanken; mich hin├╝ber zur Toilette zu schleppen und mit fahrigen Fingern den Deckel zu heben. Ich mache einen metallischen Geschmack in meinem Rachen aus, eine irritierende W├Ąrme, bevor ich mich vorn├╝ber beuge, mich ├╝bergebe ÔÇô und nichts als ein Schwall Blut zwischen meinen Lippen hervorspritzt und erschreckend schnell im Abfluss verschwindet.

Was ÔÇŽ

Ich wische mir mit dem Handr├╝cken ├╝ber den Mund, ├╝berall sind Spritzer der roten Fl├╝ssigkeit auf meinen Armen und den W├Ąnden, die sich mit den bunten Punkten vor meinen Augen verbinden, hinter denen alles in Schw├Ąrze versinkt.

Entkr├Ąftet lasse ich mich auf den k├╝hlen Boden sinken, lege meinen Kopf auf dem Rand des Sp├╝lbeckens ab, atme nur angestrengt die pl├Âtzlich so schwere Luft ein und sto├če ein Wimmern aus, in der Hoffnung, Juan im anderen Ende der Wohnung w├╝rde es h├Âren. Zu mehr bin ich nicht mehr imstande.

Die Augen schlie├čend versuche ich, mich zu beruhigen, auch wenn ich so ├╝berrumpelt von diesem Schmerz, dieser Schw├Ąche bin, dass all meine Gedanken fliegen, verwirbeln, sich zu einer fahlen Masse verklumpen.

Wieder ein Husten und W├╝rgen, dieses Mal schaffe ich es nicht, mich rechtzeitig aufzurichten, schaue schockiert und nur mit verschwommenem Blick auf die Blutlache, die sich am Boden sammelt, und die Spritzer, die alles benetzen.

┬╗Juan?┬ź Die leise, verzweifelte Frage nach seinem Namen ist die letzte Hoffnung, an die ich mich klammere. Doch dann bricht ein Schmerz mein Handgelenk, meinen ganzen rechten Arm, bis alles in dem Schrei, den ich aussto├če, untergeht. Wimmernd wende ich meinen von Blut und Tr├Ąnen verschleierten Blick an mir hinab, fasse nicht, was ich sehe, was ich sp├╝re, denn das alles ist so falsch, nicht einmal in einem Traum h├Ątte es noch Platz. Paralysiert sehe ich, wie die Fingerkuppen meiner rechten Hand sich sch├Ąlen, schreie, als die Finger von einem unsichtbaren Gewicht zerdr├╝ckt werden wie d├╝nne Zweige, als das Handgelenk zerstampft, die Knochen gespalten und die kl├Ąglichen ├ťberreste des Fleisches von meiner Schulter gerupft werden. Und ich kann nichts tun, als mich am Boden kr├╝mmen und schreien, schreien, bis sich meine Kehle ebenfalls zu spalten scheint.

┬╗Mara?┬ź Juans Stimme rei├čt mich aus der Trance und trotzdem kann ich nicht zu ihm aufschauen, winde mich am Boden, dr├╝cke die Augen fest zusammen, bis aus dem Schrei ein Weinen wird, sich Schritte entfernen und Juan laut flucht.

Wohin geht er? Es h├Ârt nicht auf. Es h├Ârt nicht auf.

Rote Schlieren vor meinen sich ├Âffnenden Augen, die in das viel zu grelle Licht der Deckenlampe starren, ein Brennen, das meine Haut erst kribbeln l├Ąsst und sich dann tiefer und tiefer in das Fleisch frisst, als wolle es bis zu den Knochen durchdringen; ├╝berall von meinen Zehenspitzen bis hinein in meine Augen, meine Kopfhaut, meinen Hals.

Und ich kann nicht mehr atmen. Ich kann nicht mehr atmen.

2 Wolkengedanken zu “Kapitel 9

  1. Wie schrecklich! Die arme Mara. Ich hatte mir schon gedacht, dass sie wohl auch etwas von Ngajas Schmerz sp├╝ren wird, aber so grausam hatte ich es mir nicht vorgestellt. Was wird jetzt aus ihr?
    Und ausgerechte das ist jetzt vorerst das letzte Kapitel…Hoffentlich kommt bald wieder ein neues :)

    1. Ja, die beiden sind doch etwas enger verbunden, als man bis zu diesem Punkt annehmen w├╝rde. Es tat auch ziemlich weh, dieses Kapitel zu schreiben :(

      Es freut mich aber megam├Ą├čig, dass du echt SO schnell aufgeholt hast und deine Kommentare machen mich total gl├╝cklich ÔÖą Ich wei├č, dass viele still mitlesen, aber die Gedanken der Leser dann lesen zu k├Ânnen und zu erfahren, was sie wirklich Kapitel f├╝r Kapitel denken, ist immer etwas ganz Besonderes. Danke daf├╝r! :)

      Jeden Samstag geht es ja weiter. Und so auch diesen. Und ich kann schon mal verraten: Kapitel 10 wird ein besonderes Kapitel, weil weder die eine, noch die andere Mara darin vorkommt! :)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht ver├Âffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>