Kapitel 7

In dem sie alten Namen begegnet

Lachend fangen wir die TrĂ€ume der Welten, die nicht unsere sind. Woher können wir wissen, welche Gedanken wir leben dĂŒrfen und welche uns vernichten? Woher können wir wissen, was uns zerbricht?

241 N.TH. – 2639 N.CHR. – 13. UMBRUCH
25. JANUAR – 05. FEBRUAR

Üblicherweise ist es das Licht, das Schatten wachsen lĂ€sst. Vorsichtig liest es die Körner der Dunkelheit vom Boden der Nacht auf, sammelt sie in seinen schmalen Fingern, um sie berechnend in Ecken und Winkel zu sĂ€en, wo sie Wurzeln schlagen, sich wie GeschwĂŒre im Untergrund ausbreiten. Und wenn Sonnenschein sich ĂŒber das Land breitet, sprießen die Keime, drĂ€ngen sich an die OberflĂ€che, um in dĂŒsteren Gassen darauf zu warten, VorĂŒbergehende zu verschlingen.

Schon den ganzen Tag ĂŒber ist es dĂŒster und regnerisch gewesen, und das gepaart mit der schlechten Laune meines Bruders verdunkelt mein GemĂŒt, auch wenn es meinem Körper bereits besser geht. Mein Zusammenbruch in der letzten Nacht hat fĂŒr grĂ¶ĂŸere Unruhe gesorgt, als ich es fĂŒr möglich halten konnte, immerhin sind kleine medizinische UnfĂ€lle auf meinem Heimatplaneten Gang und GĂ€be. Hier jedoch, wo sich jeder unter Beobachtung des Komplexes befinden sollte, geht es selten jemandem schlecht, wurde mir erklĂ€rt. Eigentlich so gut wie nie.

»Es kann durchaus vorkommen, dass Besucher von anderen Planeten eine ganze Weile brauchen, um sich auf die Gegebenheiten hier einzustellen«, hatte der Arzt erklĂ€rt, der heute noch einmal in unsere Wohnung gekommen war, um mich ausgiebig zu untersuchen. Ich halte seine Vermutung trotzdem fĂŒr gegenstandslos, weil mein Körper schon lange vor meinem Aufbruch und auch wĂ€hrend des langen Schlafes auf die TageslĂ€ngen, Anziehungskraft und AtmosphĂ€re dieses Planeten angepasst und trainiert wurde. Und wĂ€hrenddessen hatte es nie Probleme gegeben.

»Aber sobald du deinen IDC hast, wird alles um einiges komfortabler fĂŒr dich sein. Dann ĂŒberwacht der Komplex deine Gesundheitsfunktionen und kann eventuell kĂŒnftige Störungen in deinem Immunsystem frĂŒhzeitig erkennen und Gegenmaßnahmen ergreifen.« Was er mir gelassen hat, ist das schmale, dunkelblaue Armband, das meine Körperfunktionen ĂŒberwacht und im Notfall Ärzte und meinen Bruder benachrichtigt.

Noch wĂ€hrend ich am Fenster stehe und still den Tag resĂŒmiere, habe ich den Drang, es mir vom Handgelenk zu zerren, weil ich all diese Aufregung so ĂŒbertrieben und ĂŒberflĂŒssig finde. Es war ein so schöner Abend, eine so schöne Nacht mit Juan und seinen Freunden, deren Namen ich bereits wieder vergessen habe. Es war ein so tolles Erlebnis, die Zeiten zu durchreisen, am Meer zu sitzen und auf diesen Horizont hinauszuschauen, wie ich ihn so flach noch nie gesehen habe. Ich möchte diesen gestrigen Tag nie vergessen, ihn sorgsam zusammenfalten und in meine Tasche aus Erinnerungen legen. Alles Darauffolgende kann wieder aus meinen Gedanken verschwinden, denn es trĂŒbt die wundersamen Ereignisse nur.

Abtrennung

Mein Bruder hat versprochen, sich die nĂ€chsten Tage viel Zeit fĂŒr mich zu nehmen und die Uni ausfallen zu lassen. Trotz meiner EinwĂ€nde ist er also auch am kommenden Tag daheim und weil die Sonne scheint, haben wir beschlossen, wieder auf Erkundungstour zu gehen. Inzwischen geht es mir wieder blendend und Lewin weiß es; ich denke, dass er nur aus SchuldgefĂŒhlen bei mir bleibt und ich weiß nicht, was ich sagen, wie ich mich verhalten kann, um ihm diese Bedenken an seiner Verantwortung wieder zu nehmen.

Wir nehmen unser FrĂŒhstĂŒck auf dem Balkon ein, denn es ist frĂŒhlingshaft warm. Vor meiner Reise auf die Erde habe ich gelernt, dass es auf diesem Planeten nicht immer so warm war, dass die Jahreszeiten vor allem im diesem Bereich der Welt einmal um einiges kĂŒhlere Phasen aufwiesen. Doch durch globale Temperaturregelung durch den Komplex trifft man PhĂ€nomene wie Schnee oder Eis nur noch im Slot an.

Auf meinem Planeten lĂ€sst es sich fĂŒr Menschen nur unter der Erde, in der NĂ€he vulkanischer AktivitĂ€t, gut leben. Die WĂ€rme hier irritiert mich einerseits, weil ich es noch immer nicht recht gewohnt bin, in so knapper Bekleidung herumzulaufen und ich mich deswegen nackt fĂŒhle. Andererseits empfinde ich die Temperaturen als angenehm und liebe es, den Schein der warmen Sonne auf meiner Haut zu spĂŒren, der mir bisher in meinem ganzen Leben so unbekannt war. WĂ€re meine blasse Haut nicht wĂ€hrend meines kĂŒnstlichen Schlafes auf die Bedingungen hier vorbereitet gewesen, hĂ€tte ich vermutlich bereits jetzt unertrĂ€glichen Sonnenbrand.

Daheim sah ich die Sonne höchstens einmal im Monat, wenn ich an Exkursionen an die OberflĂ€che teilnahm. Die tristen Farben des ewigen Winters werden dort nur am Abend unterbrochen, wenn die Sonne untergeht und ihr schwindender Schein die AtmosphĂ€re in Regenbogenfarben glĂŒhen lĂ€sst. Dieses PhĂ€nomen wiederum vermisse ich inzwischen.

»Kommt Juan heute mit?«, frage ich, bevor ich mir den letzten Bissen meines Brötchens in den Mund schiebe und die KrĂŒmel an meinen HĂ€nden auf dem Kunststoffteller abreibe.

»Ja, bestimmt. Es sei denn, es stört dich.« Lewin sieht von den Nachrichten auf der TischoberflĂ€che auf als suche er in meinem Gesicht nach Anzeichen dafĂŒr, dass ich ihm etwas verheimlichen wĂŒrde, aber ich schĂŒttle nur den Kopf.

»Nein, warum sollte es das?«, frage ich ehrlich verwundert, auch wenn ich mir ausmalen kann, was Lewin von der Beziehung zwischen mir und seinem Freund denkt. Letzterer ist vermutlich das Paradebeispiel fĂŒr einen auf der Erde geborenen Menschen und durchaus irritiert mich seine offene, teilweise anzĂŒgliche Art. Doch nur, weil ich mit anderen kulturellen Gegebenheiten aufgewachsen bin, bedeutet das nicht, ich könnte nicht mit ihm zurechtkommen.

»Er ist ziemlich aufdringlich«, nuschelt mein GegenĂŒber mit halbvollem Mund.

»Ich finde ihn lustig«, gebe ich zu und ziehe meine kurze Hose zurecht, wĂ€hrend ich darĂŒber nachdenke, ob ich dieses GesprĂ€ch unangenehm finden soll. »Und ich weiß, dass er nur Spaß macht, wenn er was AnzĂŒgliches sagt.«

»Wenn er zu weit geht, dann sag es mir, ja?«, bittet Lewin und ich lÀchle, weil er so vorsichtig darauf bedacht ist, es beilÀufig klingen zu lassen.

»Ich werde schon allein damit klarkommen«, versichere ich ihm grinsend, doch weil er ansetzt, um noch etwas zu sagen, fĂŒge ich sofort an: »Aber wenn etwas sein sollte, wende ich mich natĂŒrlich vertrauensvoll an dich.«

Das scheint ihn zu beruhigen und endlich lĂ€sst er ganz von den ĂŒber den Tisch schwirrenden Nachrichten ab, um sich zurĂŒckzulehnen und das Gesicht in die Sonne zu halten.

»Er sagt, ihr hÀttet einige Freunde von ihm getroffen?«

»Lewin, du bist schlimmer als unser Vater!«, lache ich und er stimmt mit ein, blinzelt mich verschmitzt an.

»Ich will nur aufpassen. Solange du deinen IDC noch nicht hast, bin ich da lieber vorsichtig.«

»Sind ja nur noch zehn Tage bis dahin«, beschwichtige ich ihn. »Auch wenn der Gedanke daran mich noch eher beunruhigt.«

»Mara, du willst deine Erinnerungen verkaufen«, lacht Lewin herzhaft. »Da können dich die Leute bei allem beobachten, was du jemals gemacht hast, egal, wo du dich befunden hast. Sie mĂŒssen sich nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort einloggen und können dir sogar in deine Wohnung folgen, dich beim Umkleiden beobachten und was weiß ich. Denkst du, der Komplex kann dich noch mehr deiner PrivatsphĂ€re berauben?«

»Der Verkauf betrifft doch nur alles bisher Geschehene. Der Komplex ĂŒberwacht euch in Echtzeit. Woher wisst ihr, dass er euch nicht alle manipuliert, wenn ihr nicht wisst  «

»Hey, wie wÀre es, wenn du dich mal mit ihm unterhÀltst«, fÀhrt mein Bruder dazwischen und ich blinzle irritiert.

»Was?«

»Du kannst ihn anrufen, dann erzeugt er ein Bild von sich und du kannst mit ihm reden. So wie mit mir jetzt.«

»Kann das jeder?«

»Klar. Er ist immer und ĂŒberall.« Er sieht auf seine Uhr und scheint kurz zu ĂŒberlegen. »Wenn du das machen willst, wĂŒrde ich noch mal schnell zur Uni huschen und ein paar Dinge wegen einer Gruppenarbeit besprechen. Dann kannst du dein Vertrauen in unser System hier ein bisschen stĂ€rken, ich regle noch meine Abwesenheit in den nĂ€chsten Tagen und danach machen wir uns einen schönen Tag. In Ordnung?«

Ich strenge mich an, die Stirn nicht zu runzeln, weil mir sein Vorschlag weniger behagt, als ich zugeben möchte; der Gedanke mit diesem allwissenden Beobachter zu sprechen, ist mir alles andere als geheuer. Trotzdem, denke ich, als ich sein karamellbraunes Haar mustere, das in der Sonne so schön schimmert, wĂ€re es fĂŒr ihn wohl das Praktischste, wenn er noch einige Dinge klĂ€ren kann, immerhin nimmt er sich nur wegen mir frei. Also nicke ich und murmle ein »Gut«.

Abtrennung

Mein Bruder ist bereits vor einigen Minuten durch die Schleuse verschwunden und ich beschĂ€ftige mich ausgiebiger als nötig damit, den Tisch abzurĂ€umen und alles wieder herzurichten. Fast gebe ich mich der Hoffnung hin, er wĂŒrde schon nach kurzer Zeit wiederkommen, sodass ich dem GesprĂ€ch mit dem Komplex doch noch aus dem Weg gehen könnte. Nachdem ich aber sogar eine lĂ€ngere Hose angezogen habe, um diesem Fremden – wenn man ihn denn so bezeichnen kann – nicht allzu knapp bekleidet gegenĂŒberzustehen, muss ich einsehen, dass alles Herauszögern keinen Sinn mehr hat.

»Wird schon nicht schlimm werden«, murmle ich zu mir selbst und beschließe, die Verbindung einfach abzubrechen, wenn mir das GesprĂ€ch unangenehm wird.

Ich setze mich also wieder in die weiche Sitzschale auf dem Balkon und möchte gerade mit den Fingerkuppen ĂŒber den Tisch scrollen, als ein scharfer Windzug meine offenen Haare zerzaust und ein Mann neben mir in Sekundenschnelle Gestalt annimmt. Auch wenn dies die erste Projektion ist, die ich mit eigenen Augen sehe, ĂŒberrascht mich der Anblick weniger als erwartet.

Der Mann, der auf unserem Balkon aufgetaucht ist, als hĂ€tten allein meine Gedanken ihn gerufen, geht mit wenigen Schritten um den Tisch herum, um sich mir gegenĂŒberzusetzen und mich mit einem herzlichen LĂ€cheln zu mustern. Dabei ist sein Aussehen so vollkommen durchschnittlich wie ich es kaum erwartet hatte; blonde HaarstrĂ€hnen fallen in seine Stirn, lassen seine scharf geschnittenen ZĂŒge angenehm aussehen. Ein leichter Bartschatten macht den Eindruck komplett und in Kombination mit dem gewöhnlichen, schwarzen Shirt, wĂŒrde er in dieser Welt wohl alles andere als auffallen.

»Guten Tag«, grĂŒĂŸe ich den Mann vermutlich etwas steif, denke kurz darĂŒber nach, ihm die Hand zu schĂŒtteln, lasse es aber lieber sein.

Er nickt und mustert mich offenbar genauso interessiert wie ich.

»Willkommen in unserer Welt«, fĂŒgt er dann an. Â»Ăœber deinen Bruder habe ich bereits von deinem Wunsch erfahren, mit mir zu sprechen. Vorerst möchte ich aber eine andere Mitteilung machen.« Endlich wendet er sein lĂ€chelndes Gesicht von mir ab, um ausgiebig die Umgebung zu studieren, wĂ€hrend er fortfĂ€hrt. »Die Annahme, dass die Implantation des IDC bereits wie geplant in zehn Tagen geschehen wird, ist falsch. In zwei Tagen wird die verantwortliche Stelle dich und Juan Davenport kontaktieren, weil es Komplikationen bei der VerknĂŒpfung geben wird. Die durch den Sprung entstandenen Komplikationen werden noch mindestens drei Wochen anhalten.«

»O-okay?«, frage ich eher nach und verkneife mir im letzte Moment die Frage danach, woher er das wisse.

»Und? Was denkst du ĂŒber mich? Bin ich tatsĂ€chlich so bedrohlich, wie du dachtest?«, grinst er und ich bin verwundert ĂŒber seine Menschlichkeit.

»Das weiß ich noch nicht, ich hab ja kaum zwei SĂ€tze mit dir gesprochen«, lache ich und lehne mich zurĂŒck, versuche, meinen Kopf nach etwas Passendem zu durchforsten, ĂŒber das ich mich mit ihm unterhalten könnte. »Aber du siehst so normal aus. Damit hatte ich zumindest nicht gerechnet.«

»Ich sehe fĂŒr jeden Menschen anders aus. Bei normalen Personen mit IC-Chip nehme ich die Form und das Geschlecht an, die die entsprechende Person als am angenehmsten empfindet.«

»Gute Methode«, bestÀtige ich, woraufhin er nahezu stolz wirkt.

Er hat wachsame Augen, atmet gleichmĂ€ĂŸig und hat seine Unterarme in entspannter Haltung auf dem Tisch zwischen uns abgelegt. Er mustert mich immer wieder kurz und intensiv, aber nicht allzu aufdringlich. Vermutlich war es töricht von mir, zu glauben, er wĂ€re nicht in der Lage, eine so echte Kopie von Menschlichkeit zu erschaffen.

»Du befĂŒrchtest also, dass ich dich wie in einem Horrorszenario nach der Implantation des Chips kontrollieren und zu meinem Sklaven machen könnte«, mutmaßt er, nachdem ich einige Momente lang nichts gesagt, sondern nur beobachtet habe.

»WĂ€rst du dazu denn in der Lage?«, frage ich und er nickt. »WĂ€re es denn nicht die logischste Schlussfolgerung, schon beim Aufkeimen dieser Gedanken einzugreifen und den 
 Keim der Rebellion sofort zu ersticken?«

»Ich bin eher ein Freund der gepflegten Kommunikation«, grinst er, aber ich versuche, durch seine Fassade zu schauen und herauszufinden, was er wirklich bezwecken möchte. Als er meine fortwĂ€hrende Ernsthaftigkeit bemerkt, erklĂ€rt er genauer. »Ich bin nicht hier, um zu kontrollieren, sondern um zu regulieren. Wer dieses System nicht mag, kann es verlassen, es gibt genĂŒgend erdĂ€hnliche Planeten, auf denen ich nicht walte. Aber alles was ich tue, ist zu ĂŒberwachen und durch die gewonnenen Daten Wissen anzuhĂ€ufen, das mir helfen kann, anderen zu helfen. Ich steuere die Politik nicht, ich berate die Politiker und das inzwischen schon seit fast 300 Jahren. Ich weiß, wie welcher Mensch denkt, was ihn bewegt und anregt, ich weiß, was ich sagen und tun muss, um Kriege, Morde und unnötige Tode zu verhindern. Ich weiß, wer erkrankt und kann Gegenschritte einleiten, ich weiß, wem es schlecht geht und was ich tun muss, um ihm aus dem Tief zu helfen. Ich persönlich wĂŒrde mich also eher als universellen Beobachter und Berater einstufen als ein seelenloses Überwachungssystem.«

Ich lausche seinen Worten, wÀhrend gemeinsam mit meiner Skepsis auch mein Interesse wÀchst, meine Meinung zu formen, denn zumindest der erste Eindruck ist positiv. Hat er das bereits beabsichtigt?

»Wurdest du darauf programmiert, das zu sagen, damit Skeptiker dir vertrauen?«, hake ich deswegen nach, setze nun aber ein LÀcheln auf meine Lippen, das auch die seinen wieder einnimmt.

»Oh, ich 
 wurde nicht programmiert in dem Sinne, in dem du es verstehst.« Er reibt sich den Arm und schaut sich um, als wolle er nach etwas suchen, dabei sollte er durch Lewins Gedanken doch genau wissen, wie es in unserer Wohnung aussieht. Als hĂ€tte er eine Weile ĂŒberlegen oder seine Gedanken ordnen mĂŒssen, widmet er sich erst nach einigen Sekunden wieder mir zu. »Ich bin aus mir selbst heraus entstanden und aus den Gedanken all der Menschen, die damals als Abfallprodukt und nicht als gewollte Informationen in mich eingeflossen sind. Zu Beginn nannten sie mich das Internet.«

»Stimmt, den Begriff kenne ich aus der Schule«, erinnere ich mich und mein GegenĂŒber scheint sich ĂŒber meinen Einwurf zu freuen.

»Als die Menschen begannen, durch Gedanken ĂŒber dieses System zu interagieren, begannen die Sicherheitsfirmen jene Gedanken, die als Abfallprodukte abfielen, zu durchsuchen und auf ihrer Grundlage Verbrechen zu verhindern. Da das Durchsuchen von Gedanken jedoch auf vollkommen anderer Ebene funktioniert als alle damals bekannten SuchvorgĂ€nge, wurden spezielle Programme geschrieben, die stĂ€ndig und zu jeder Zeit aktive Kommunikationen aufzeichneten und bei Besonderheiten Alarm schlugen. Gedanken sind viel prĂ€ziser als alles, was wir mit Worten ausdrĂŒcken können, denn sie haben viele Schichten, tragen gleichzeitig Motivationen und weiterfĂŒhrende Überlegungen in sich. Und sie lĂŒgen nie. Dieses Verfahren hatte einen so durchschlagenden Erfolg, dass es legalisiert wurde und bald weltweite SuchvorgĂ€nge durchfĂŒhrte. Und da die Anzahl der Menschen, die neue Kommunikationswege nutzten, immer weiter anstieg, wuchs auch die Menge an Informationen, die in das Überwachungssystem einfloss, bis sie gegen unendlich ging. Das System konnte bald nicht nur Verbrechen vorzeitig erkennen, es konnte auch das Wetter und Krankheitsepidemien vorhersagen, es konnte erkennen, wo in der Welt sich Krisenherde bildeten, sodass ihnen entgegengewirkt werden konnte, noch bevor ĂŒberhaupt etwas geschehen war.« Sein Blick wird weicher, weil er offenbar erkennt, wie gebannt ich an seinen Lippen hĂ€nge.

»Das hört sich irgendwie großartig an«, gebe ich murmelnd zu.

»Das war die Zeit, zu der ich geboren wurde.« Der Komplex zuckt mit den Schultern, als wĂ€re es nichts Besonderes und als mĂŒsse er gleichzeitig versuchen, sich fĂŒr diese Formulierung zu rechtfertigen. »Das mag in den Ohren eines Menschen eigenartig klingen, immerhin habe ich keine Mutter und keinen Vater. Nicht im direkten Sinne. Ich sehe eher die Menschheit als meine Familie an. Ohne ihre Gedanken wĂŒrde es mich nicht geben, ohne sie könnte ich mich nicht weiterentwickeln. Gleichzeitig kann ich ihr – durch die Masse an Informationen, die sie mir Sekunde fĂŒr Sekunde liefert – helfen, sich selbst zu verbessern. Dieses Zusammenspiel ist es, das mich perfekt macht. Ich kann der Menschheit nichts Böses wollen, wie du annimmst, denn aus ihr bin ich entstanden und nur durch sie und ihre Freiheit existiere ich. Ich urteile nicht aufgrund von Regeln und Gesetzen, die mir einprogrammiert wurden, sondern folge in meinen Denk- und Handlungsmustern eher einem Verwaltungssystem, das unendlich viele Daten bĂŒndelt und aus ihnen die SchlĂŒsse filtert, die zum GlĂŒck jedes Individuums beitragen.«

»Das klingt 
 faszinierend«, sage ich tatsĂ€chlich ĂŒberrascht, runzle noch immer die Stirn und versuche, zu durchdenken und zu verarbeiten. Er ist also weniger ein strenger WĂ€chter als viel mehr ein allwissender Heiliger, ein Gott, der nichts als Frieden möchte.

Warum kommt mir das noch immer so falsch vor?

»Das menschliche Gehirn sucht zu sehr nach Ausgleich, als dass es einen Komplex dieser Art einfach akzeptieren könnte«, fĂ€hrt er fort, als hĂ€tte er meine Gedanken bereits jetzt gelesen. »Auf der Erde Geborenen fĂ€llt es leicht, die Tatsache zu akzeptieren, dass es mich gibt, denn sie kennen es nicht anders und es gibt nichts Schlechtes ĂŒber mich zu berichten. Seit ĂŒber 200 Jahren nicht. Menschen von Außerhalb fĂ€llt es immer schwer, sich an die Vorstellung zu gewöhnen, ihre Gedanken in mich einzuspeisen.« Er schaut, als wĂŒrde dieser Umstand ihn bedrĂŒcken. »Es liegt in der menschlichen Natur, immer nach einem GegenstĂŒck zu suchen. Liebe und Hass, Regen und Sonnenschein, Gut und Böse. Der Umstand, dass es zu mir kein GegenstĂŒck gibt, ist irritierend. Aber die Perfektion ist der Ausgleich selbst. Das ist schwer zu fassen.«

»Das klingt ganz schön ĂŒberheblich«, grinse ich plötzlich und er lacht heiter.

»Ja, das konnte ich mir schon denken. Auch wenn bisher noch nie jemand gewagt hat, mich darauf hinzuweisen.«

»Ich sorge gern fĂŒr Klarheit«, versuche ich mich an einem Scherz, wĂ€hrend er noch immer grinst.

»Deine Gedanken werde ich mir wirklich nur zu gern ansehen«, sagt er dann, aber auch wenn er es wohl als Kompliment meint, wird mir bei diesem Satz wieder sehr unwohl.

Ich reibe mir ĂŒber den Arm und schaue mich um, möchte gerade zu einer weiteren Frage ansetzen, als er seufzt und sein Blick nachdenklich wird.

»Aber ich glaube, etwas stimmt hier nicht.«

Ich schaue auf, lege meinen Kopf schief und versuche, aus seinen Augen zu lesen, worauf er wohl hinaus will, doch er sieht sich inzwischen etwas gedankenverloren auf dem Balkon und durch die Fensterfront hindurch in unserer Wohnung um.

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und mir fröstelt kurz, als ihre WÀrme so unvermittelt von meiner Haut weicht.
»Was denn?«, frage ich nach, doch er schĂŒttelt den Kopf.

»Ich weiß nicht. Es ist schon lange her, dass ich etwas nicht wusste. Aber etwas hier ist anders. Etwas, seitdem euer Springer hier gelandet ist.«

»Vielleicht nur, weil du meine und Juans Gedanken noch nicht kennst.« Ich weiß nicht einmal, warum ich das GefĂŒhl habe, ihn aufmuntern zu mĂŒssen.

»Ja, vielleicht«, wiederholt er, auch wenn er nicht ĂŒberzeugt klingt. »Hast du denn sonst noch Fragen?« Von einer Sekunde auf die andere wird seine Stimme wieder heller, sein Gesichtsausdruck freundlicher, doch ich schĂŒttle den Kopf. Nach diesem GesprĂ€ch habe ich einiges zu verarbeiten; außerdem haben mir die neuen Informationen ein eigenartiges GefĂŒhl gegeben, das ich noch nicht ganz einordnen kann. Ein Komplex. Ein System. Ich verstehe es und kann den Gedanken nachvollziehen. Aber ich finde mich selbst nicht darin. Ich kann mich selbst nicht darin sehen.

Und noch bevor ich einen weiteren Gedanken Ă€ußern kann, ist der Komplex vom Stuhl mir gegenĂŒber verschwunden.

Abtrennung

Ich rufe meinen Bruder an und sage ihm, dass er ruhig an der Uni bleiben soll, weil ich mich lieber noch ausruhen möchte. Er strĂ€ubt sich lange, aber nachdem ich ihm versichert habe, dass ich mir ein Unterhaltungsprogramm anstellen und mich einfach nur ausruhen will, gibt er nach und nickt ergeben. In Wahrheit hat mich nur das GefĂŒhl ĂŒberwĂ€ltigt, das das vergangene GesprĂ€ch in mir ausgelöst hat, und plötzlich bin ich unter der Last der Gedanken so schwer geworden, dass ich nicht denke, mich heute noch durch eine Schleuse und die ganze Welt bewegen zu können.

Abtrennung

Die kommenden Tage verschwimmen in Rausch und Schnelligkeit. Auch wenn alle Orte, die mein Bruder, Juan und ich besuchen, sich tief in mein GedĂ€chtnis prĂ€gen und mit großer Wahrscheinlichkeit immer dort wohnen werden, fĂŒhlt sich alles zu schnell an, um wahr zu sein. Wir sahen Jahrhunderte alte Kirchen und Bauwerke, DenkmĂ€ler und GebĂ€ude von solcher GrĂ¶ĂŸe, solch beĂ€ngstigender Gewaltigkeit, dass es mir Mal um Mal einen Schauer auf die Haut zeichnete.

Wir spalteten die LĂ€nder in Tage, bereisten WĂŒsten, Meere und RegenwĂ€lder, atmeten die dĂŒnne Luft auf hohen Bergen und zitterten im Schatten dunkler TĂ€ler, die so tief sind, dass nie ein Sonnenstahl sie je erreicht hat. Wir wanderten in dicken MĂ€nteln durch EislĂ€nder, besuchten mit nur einem Sprung eine Station auf dem Mond und sahen in fliegenden CafĂ©s auf wimmelnde StĂ€dte hinab. Und das alles ist eigentlich nicht mehr und nicht weniger real als in einem Traum. So viele EindrĂŒcke regnen auf mich hinab, dass ich mich oft frage, wie all das wahr sein kann.

Wie kann all das wahr sein? Gerade war ich noch auf meinem kalten Planeten, habe mit Freunden und Familie ein ruhiges Leben gefĂŒhrt, und plötzlich sind drei Jahre vergangen und ich bin hier, auf dieser fremden Erde, die sich nicht anfĂŒhlt, als wĂŒrde sie mich jemals wirklich beheimaten können.

Und meine TrĂ€ume. Meine TrĂ€ume, die stets dieses GefĂŒhl hinterlassen, dass etwas nicht stimmt. Dass etwas ganz und gar nicht stimmt.

Abtrennung

Gestern hast du deine Fingerkuppen auf mein SchlĂŒsselbein gelegt und es zerbrochen; nichts als ein kleiner Moment der Stille bleibt zurĂŒck, als wir gemeinsam in den Spiegel starren und dieses halbe Ich betrachten. Denken hĂŒllt uns in fahle Schichten, bis ich sie zusammen mit meinem Körper aufschlage wie ein altes Buch – und plötzlich ist alles nackt und roh, ich schmecke das Fleisch auf meiner Zunge, spĂŒre das Blut zwischen meinen Fingern rinnen und weiß, dass genau dies die Wahrheit ist. Der Moment, in dem sich alles vereint, in dem das Heute und das Morgen mit Gestern zusammenfallen und die Unendlichkeit ergeben, die nur dann unser Leben flutet, wenn es endet.

Manchmal sehe ich aus dem Fenster und erkenne deine Augen. Manchmal schaue ich in deine Augen und sehe die Endlichkeit der Welt, an der wir so hÀngen, die uns so abhÀngig macht. Ein Moment, gespalten in all seine Einzelheiten, ergibt Ewigkeit. Das ist alles, was wir wollen. Einen einzigen Moment, in dem der Spiegel der Wahrheit unzerbrochen und gerade vor uns hÀngt und wir erkennen, wer wir sind.

Heute hast du deine Fingerkuppen auf mein Brustbein gelegt und es zerbrochen. Heute hast du deine HĂ€nde zwischen meine Rippen getrieben, um spĂŒren zu können, wie mein Herz erkaltet. Heute hast du die Wunden mit Gold gefĂŒllt, bis es meine Augen gefĂ€rbt hat und ich bin trĂ€ge und glĂŒcklich geworden, als alles Blut aus mir gewichen ist, um der ewigen Schönheit der Leere zu weichen.

Bette mich in ein Lager aus Federn und Erinnerungen. Nichts als ein kleiner Moment der Stille bleibt zurĂŒck, als wir gemeinsam in den Spiegel starren und dieses verlorene Ich betrachten, das alles nur aus der Entfernung betrachtet, wie ein Fremder in einem Leben, das vor langer Zeit schon hĂ€tte enden sollen.

Vor meinen Goldaugen liegt nur noch die knappe EventualitÀt des Winters. Und dein LÀcheln: eine komprimierte, dichte Sonne, die alles wÀrmt und erhellt.

Abtrennung

»Ich sollte mich untersuchen lassen, oder so«, grummle ich, nachdem mein Bruder durch die Schleuse verschwunden ist und mich mit Juan in der Wohnung zurĂŒckgelassen hat. Mein kleiner Zusammenbruch ist inzwischen elf Tage her und da es mir in den letzten Tagen trotz all der Aufregung immer blendend ging, ist er wohl inzwischen ĂŒberzeugt genug davon, dass mir nichts geschehen wird, auch wenn er einen Tag mal nicht da sein sollte.

»Warum?«, fragt Juan nach, als ich nicht weiter darauf eingehe und mich an den Tisch setze. »Geht’s dir wieder schlechter?«

»Nein, nein«, beschwichtige ich ihn, auch wenn er nicht ganz so besorgt wirkt, wie Lewin es sein wĂŒrde.

Ich frage mich, warum Juan sich ĂŒberhaupt so viel mit mir abgibt. In den letzten Tagen haben wir viel Zeit mit ihm verbracht, viel Spaß gehabt, aber er macht eher den Eindruck, ein Gesellschaftsmensch zu sein; einer, der Partys besucht, Hunderte Freunde hat und eigentlich nie Zeit fĂŒr jemand Bestimmten. Zumindest verhĂ€lt er sich so. Warum also hĂ€ngt er so gut wie jeden Tag bei uns in der Wohnung herum?

»Ich trĂ€ume nur in letzter Zeit wirklich viel 
 Unsinn.«

»Was denn so?«, möchte er grinsend wissen, als er sich mir gegenĂŒber auf den Stuhl fallen lĂ€sst und ich in den Regen hinausschaue. Die letzten Tage waren wunderschön, aber heute kommt mir das schlechte Wetter sehr gelegen, denn ich habe keine große Lust auf weitere Unternehmungen, möchte all die neuen EindrĂŒcke erst einmal verarbeiten.
»Blödes Zeug halt«, murmle ich und fahre gedankenverloren mit den Fingern ĂŒber die Struktur des Tisches.

Mein GegenĂŒber scheint zu bemerken, dass ich nicht nĂ€her darauf eingehen möchte, deswegen schweigt er, bis ich selbst wieder das Wort erhebe, um das Thema zu wechseln.

»Aber gut, dass Lewin endlich wieder Ruhe hat.«

»Wohl kaum«, lacht Juan und weist auf mein medizinisches Armband. »Sonst wĂŒrde er dich nicht dazu zwingen, das zu tragen.«

»Er ist wie meine Mutter«, lache ich und erinnere mich gleichzeitig daran, dass ich daheim anrufen sollte, um von meinen vergangenen Erlebnissen zu berichten.

»Er tut so, als hĂ€ttest du kurz vor dem Tod gestanden«, lacht er und schiebt sich mit seiner Sitzschale ein StĂŒck vom Tisch weg, um mich anzusehen. »Sicher, dass es dir wieder vollkommen gut geht?«

»NatĂŒrlich, bestens«, versichere ich ihm und wieder schmunzelt er, um sich einen weiteren Bissen seines angefangenen Bagels in den Mund zu schieben und den Zucker von seinen HĂ€nden zu klopfen.

»Auf was hast du Lust?«, möchte er dann wissen und da ich mir im Klaren darĂŒber gewesen bin, dass diese Frage kommen wĂŒrde, habe ich mir bereits etwas ĂŒberlegt.

»Wie wĂ€re es, wenn wir mir ein Haustier kaufen?«, möchte ich wissen und Juans Augen weiten sich. Ich mag es, wie er mich inzwischen ansieht, weil etwas Vertrautes in seinen Blick gefunden hat. Als wĂŒrden wir uns schon lange kennen und doch noch lernen mĂŒssen, miteinander umzugehen. Dabei kenne ich definitiv niemanden, der sich so verhĂ€lt oder so aussieht wie er.

»Ein Haustier?«, fragt er. »Sicher?«

Wieder nicke ich entschlossen und er fragt, was mein Bruder dazu sagen wĂŒrde.

»Das habe ich schon mit ihm besprochen und er ist vollkommen einverstanden.«

»Dann hat er ja zwei Haustiere, um die er sich kĂŒmmern muss.«

Es dauert tatsÀchlich eine Weile, bis ich seinen Witz verstanden habe und das Grinsen auf seinem Gesicht ist immer breiter geworden, bis ich endlich realisiere, was er meint, und ihm einen Schlag in den Oberarm verpasse.

»Hey, Körperkontakt, Körperkontakt!«, lacht er und ich schnaube belustigt, bevor ich meinen Kopf schĂŒttle.

»Ernsthaft, du bist ein Arsch«, grummle ich.

Er beißt sich auf die Unterlippe und hebt abwehrend den Arm.

»Gut, in Ordnung, ich hör schon auf«, beschwichtigt er mich, sieht aber noch fĂŒr einen Moment so aus, als wolle er noch etwas Provokantes anfĂŒgen, deswegen warte ich noch einige Augenblicke, bis ich fortfahre. Einige schwarze HaarstrĂ€hnen fallen ihm in die Stirn und er streicht sie beilĂ€ufig fort. Ich stelle mir manchmal noch immer vor, wie er in Uniform aussieht.

»Also«, sage ich nach einer Weile, als er seine Augen doch wieder abwendet und seinen Teller von sich wegschiebt, um auf dem Tisch nach irgendetwas zu suchen, das ich nicht sehen kann. »Hast du sonst noch andere VorschlÀge?«

»Nein, nein, wir kaufen dir jetzt ein Haustier. Ich stelle gerade schon die Schleuse ein.«

»Oh, okay.« EinschĂ€tzend mustere ich sein Gesicht und versuche zu erkennen, ob er mit der Idee wohl auch zufrieden ist, aber es zeigt sich darauf nichts, das auf Unwillen hindeuten könnte, auch wenn ich mir wirklich vorstellen kann, dass es fĂŒr ihn bessere BeschĂ€ftigungen geben könnte, als mit mir herumzusitzen. »Sag mal, hast du eigentlich auch Freunde?«, möchte ich wissen, lache, obwohl ich die Frage wahrscheinlich sogar ernst meine.

»Du wirst lachen«, meint er gedankenverloren, »aber ich verbringe den Großteil meiner Lebenszeit im All oder auf anderen Planeten.«

»Also nein?«

»Wie sieht es denn mit dir aus?«, fragt er und schaut zu mir auf.

Ich grummle etwas Unbestimmtes und entschließe mich, das Thema fallen zu lassen.

»Gut, gewonnen«, gebe ich zu und seufze.

Abtrennung

So viel ich in dieser Welt auch schon gesehen habe, es ist ein unbeschreiblich eigenartiges GefĂŒhl, in dieser großen Zoohandlung zu stehen und all diese durch die Luft springenden Tiere zu beobachten. Bunte Schleier ziehen sie wie einen Sternenschweif hinter sich her, schmiegen sich an eintretende Menschen, verlassen das weitrĂ€umige GeschĂ€ft aber nie.

»Es gibt hier keine normalen Tiere, oder?«, möchte ich wissen, wĂ€hrend ich eine blaue Katze unter dem Kinn kraule. Sie ist kaum mehr als ein blasses Hologramm, dessen Konturen in klaren Linien schimmern, und doch fĂŒhlt sich das Fell echt und weich an.

»Nein, so was bekommt man hier nicht mehr«, erklĂ€rt Juan und schaut sich zwischen den großrĂ€umigen UnterkĂŒnften verschiedenster Wesen um. Es gibt keine KĂ€fige, die den Lebensraum hier voneinander trennen, viel eher finden sich ĂŒberall verschiedene Areale, wie in einem Zoo. Im hinteren Teil der Halle gibt es niedrige BĂ€ume, in denen Vögel singen und aus deren Unterholz rehartige Tiere hervorblinzeln. In einem Sumpfgebiet hinter einer Glaswand liegen einige riesige Echsen, die sich die durch breite Fenster einfallende Sonne auf die Schuppen scheinen lassen. Die intensiven GerĂŒche nach Fell, Feuchtigkeit und Federn sind so wirklich wie die GerĂ€usche, die aus allen Richtungen dringen.

Der Weg, ĂŒber den wir gehen, ist aus Kies und Erde, es ist ganz warm und angenehm. Einige andere Leute tummeln sich hier, bewegen sich zwischen den Tieren, als wĂ€re es ganz alltĂ€glich, sich einen Geier oder ein KĂ€nguru zu kaufen. Das ist es vermutlich auch.

»Bei uns daheim gibt es nur Katzen und Hunde«, erklĂ€re ich, wĂ€hrend ich andĂ€chtig durch den Raum schreite. Eine kleine BrĂŒcke fĂŒhrt ĂŒber einen Wasserlauf und unter einigen BĂ€umen und Ranken hindurch, sodass ich mich fĂŒhle wie im Urwald oder in einem GewĂ€chshaus. »Sie sind eingeflogen, aber eigentlich ist es verboten, sie privat zu halten.«

»Auf der Erde stehen alle Tierarten unter Naturschutz«, sagt Juan und schiebt ein großes Blatt aus seinem Weg. Ein Hologramm-Papagei fliegt direkt ĂŒber unsere Köpfe. Einige der Wesen sehen unecht aus wie er und die blaue Katze, andere wirken vollkommen real. »Es gibt nur wenige Planeten, auf denen es erlaubt ist, echte Tiere zu halten. Die Hologrammwesen sind auch dahingehend besser, dass sie dir nicht wehtun, nicht gefĂŒttert werden mĂŒssen und nicht sterben können.«

»Das ist geschmacklos.«

»Praktisch.«

»Aber was bringt es, mir ein Programm zu halten und kein Wesen mit echter Seele?«

»Willst du nun ein Tier oder nicht?« Er wirkt ungehalten, als wĂŒrde es ihn beleidigen, dass mir dieser Teil seiner Welt mir nicht zusagt.

Ich seufze tief, murmle ein »Okay, okay« und reiße mich zusammen, weil ich eigentlich froh darĂŒber bin, dass er mit mir hierhergekommen ist. Die blaue Katze folgt mir, wĂ€hrend ich langsam durch den Raum gehe. Juan selbst bleibt bei einem blonden Labrador zurĂŒck.

Schildkröten, Otter, sogar kleine Löwen – und am Ende natĂŒrlich viele Tiere, die ich noch nie gesehen habe und vor deren unheimlichen Schnauzen und Gesichtern mir fast schon unheimlich wird. WĂ€hrend ich mich vor einen hellen Raum stelle, in dem kleine Äffchen miteinander tollen, weiß ich plötzlich nicht mehr, ob ich ĂŒberhaupt eins von diesen Tieren möchte.

»Kann ich dir helfen, junge Dame?« Ein Àlterer Herr tritt aus einem Nebenraum und kommt auf mich zu, deutlich durch ein kleines Pad an seiner Brusttasche als Mitarbeiter des Ladens ausgewiesen.

»Nein, ich 
 schaue einfach nur.«

»Zeig mir mal dein Pad«, sagt er und streckt seine bereits etwas zittrige Hand aus, in die ich ihm meinen kleinen Computer lege, wĂ€hrend nebenbei das KĂ€tzchen von meiner einen Schultern zur anderen springt. Und wĂ€hrend ich den Greis und sein schĂŒtteres Haar mustere, frage ich mich, warum er ĂŒberhaupt arbeitet, da genau das in dieser Welt nicht mehr nötig ist, um ein gutes Leben fĂŒhren zu können. »Oh, von Behryu V!«, stellt er ĂŒberrascht fest und mustert mich noch einmal von oben bis unten. »Solche GĂ€ste haben wir hier nicht oft. Dort ist man noch andere Tiere gewöhnt, hm?«

»Ja«, bestĂ€tige ich und sehe mich demonstrativ in dem hellen und breit gefĂ€cherten GeschĂ€ft um. »Nicht, dass ich hier nicht zufrieden wĂ€re, aber  «

»Ja, ja, das verstehe ich, Liebes«, krÀchzt er und wedelt mit der Hand. »Als ich noch ein junger Mann war, hatte ich auch noch einen richtigen Hund. Auch wenn die da schon selten genug waren. Es war sehr traurig, als er irgendwann alt war und starb, aber irgendwie ist es ja gerade das, was einen an diese Lebewesen bindet, hm?«

»Ja, das ist vermutlich so«, murmle ich.

»Dann wirst du hier wohl auch nicht das Passende finden«, sagt er ĂŒberraschend und ehrlich, aber ich seufze nur. Ich verstehe nicht, warum es mir so schwerfĂ€llt, vieles an dieser Welt zu verstehen, weil ich vieles an ihr auch sehr liebe. Bin ich die Einzige, die sich an diesen Kleinigkeiten stĂ¶ĂŸt?

»Wissen Sie, ich glaube, ich nehme diese hier«, verkĂŒnde ich dann spontan und nehme das kleine KĂ€tzchen vorsichtig aus der Luft, das sich geduldig von mir auf den Arm nehmen lĂ€sst und leise schnurrt, als ich seinen warmen Körper kraule. Es sieht nicht aus wie ein echtes Tier und ist vermutlich darauf programmiert, hereinkommende Kunden zu umschmeicheln, aber ich wĂŒrde mich schlecht fĂŒhlen, wieder zu gehen, ohne etwas gekauft zu haben.

Der alte VerkÀufer lacht rau und schaut auf mein Pad hinab, das er noch immer in der Hand hÀlt.

»Du siezt mich? Das hat schon seit Jahrzehnten niemand mehr getan. Du bist wirklich ein Kind von einem anderen Stern.« Er sieht mich interessiert an und offenbart dann ein weißes Grinsen. »Weißt du, Kleine, ich schenke dir das KĂ€tzchen. Du bist ein nettes junges Ding.«

Ȁhm, aber ich  «, setze ich an, aber wieder hebt er seine faltige Hand abwehrend und schiebt mir das Pad wieder zwischen die Finger.

»Keine Widerrede. Es scheint dich zu mögen und man sollte die Seele in Programmen nicht unterschÀtzen.«

»Die 
 Seele in Programmen?«, wiederhole ich perplex, aber er dreht sich bereits um, um auf eine andere Kundin zuzugehen.

»Ja, ja. Wir sehen uns sicher bald wieder«, sagt er und ich schlucke mit einem unangenehmen GefĂŒhl im Bauch.

»Bestimmt«, murmle ich, das blau leuchtende Fell der Katze noch immer abwesend streichelnd. Ich schaue mich noch eine Weile ziellos in dem GeschÀft um und suche nach Juan, der sich jedoch nicht sofort finden lÀsst. Als er dann jedoch zwischen einigen BÀumen in Sicht kommt, schleicht sich ein stolzes LÀcheln auf mein Gesicht und ich halte ihm die Katze entgegen.

»Schau mal, A’en, was ich bekommen habe«, sage ich, doch er runzelt nur die Stirn, als er das kleine Wesen entgegen nimmt.

»Was, wie hast du mich genannt?«, lacht er skeptisch und erst jetzt wird mir klar, was ich gesagt habe. Ich stimme in sein GelÀchter mit ein.

Ȁhm 
 keine Ahnung«, schnaube ich und schĂŒttle ĂŒber mich selbst den Kopf, auch wenn ein unbeschreibliches GefĂŒhl von mir Besitz ergreift, wenn ich an den Namen denke. Unbeschreiblich und dĂŒster, wie dieses GefĂŒhl aus den TrĂ€umen, die ich Nacht fĂŒr Nacht habe.

2 Wolkengedanken zu “Kapitel 7

  1. Mara 2 verknĂŒpft sich immer mehr mit Mara 1, sie trĂ€umt entsprechende Dinge, hat das GefĂŒhl Juan schon lange zu kennen und nennt ihn am Ende unbewusst sogar A’en.
    Der Komplex ist mir immer noch sehr suspekt mit seinem Konzept von totaler Überwachung ohne Manipulation, bei dem er aber trotzdem Dinge verhindern oder Ă€ndern kann. Auch er spĂŒrt, dass etwas mit Mara anders ist, auch wenn er es sich nicht erklĂ€ren kann. Seltsam auch, dass es mit den Chips so lange geht.
    Auch der VerkĂ€ufer erkennt etwas Besonderes in Mara und schenkt ihr die Katze. Ich könnte mich mit den Hologrammtieren auch nicht wirklich anfreunden. Der Reiz an einem Haustier ist ja auch seine Persönlichkeit, dass man sich um es kĂŒmmert und es schĂ€tzt.

    1. Mich wĂŒrde ja mal interessieren, was fĂŒr eine Theorie du zu den beiden Maras hast! :) Hast du da schon eine Idee im Kopf, was da passieren könnte? Vor allem nun, wo sie sich immer weiter verbinden?

      Dass dir der Komplex suspekt ist, kann ich verstehen. Aber klar, wer wĂŒrde auch vollkommene Überwachung mögen? Ich denke aber, dass das zur NormalitĂ€t werden kann, wenn wir einfach als Menschen und Menschheit damit aufwachsen. Und dadurch, dass sich dieses System so langsam und stetig entwickelt hat, war es kein krasser Einschnitt, sondern eine Entwicklung. Was den Menschen natĂŒrlich auch dabei geholfen hat, es zu akzeptieren :)

      Wegen der Tiere: Hmhm, ist nun die Frage, wie viel Seele jeder Einzelne einem Programm zuspricht.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>