Kapitel 5

In dem sie Wahrheit und Blut aus Traumwelten stiehlt

Vielleicht war es nicht immer so leicht f├╝r uns, zu glauben, wie es jetzt ist. Vielleicht gab es schon Zeiten, zu denen wir zweifelten und verzagten, ohne uns nun daran zu erinnern. Am Ende kann niemand wissen, wohin die Wege der Tr├Ąume f├╝hren ÔÇô vielleicht nur tief hinein in unsere Seele. Vielleicht aber auch weit aus ihren Sph├Ąren heraus.

241 N.TH. ÔÇô 2639 N.CHR. ÔÇô 13. UMBRUCH
24. & 25. JANUAR

Eben wie die Perfektion selbst ist diese Welt, in die ich gefallen bin, um in ihr zu leben. So viel habe ich ├╝ber sie gelernt, so viel ├╝ber sie wieder vergessen und doch wei├č ich, dass ich sie nie so h├Ątte erdenken k├Ânnen, wie sie tats├Ąchlich ist. ├ťberwachung und Kontrolle habe ich erwartet, Anonymit├Ąt und Unfreundlichkeit; und vor allem K├Ąlte auf dieser so hoch liegenden Stadt, in der so viele Menschen leben, dass man sie kaum mehr z├Ąhlen kann.

Doch nun, da ich hier bin, ist alles so anders als erwartet. Ich begegne lachenden Personen und fr├Âhlichen Gesichtern wohin ich auch schaue, werde h├Ąufig sogar von wildfremden Menschen angesprochen, die mir helfen wollen, wenn ich ziellos durch die sonnenbeschienen Stra├čen irre. Noch immer wirkt alles eigenartig k├╝nstlich und doch so herzlich und offen, dass es nur wahr sein kann.

Mir war nicht klar, dass es eine solche Welt ├╝berhaupt geben kann.

Zum ersten Mal habe ich gestern ├╝ber den Weltenfunk mit Freunden aus meiner alten Heimat gesprochen, doch sie alle begreifen nicht, welche Bilder und Chancen sich hier auftun, welche Tr├Ąume zwischen den Milliarden von K├Ârpern leben. Aber noch w├Ąhrend des Gespr├Ąches hatte mir klar werden m├╝ssen, dass sich zu vieles ver├Ąndert hat. W├Ąhrend ich drei Jahre geschlafen habe, haben die Planeten sich weitergedreht und vieles ist nun anders, nicht nur die Orte, sondern auch die Menschen. Und w├Ąhrend es mir vorkommt, als w├Ąre es erst wenige Tage her gewesen, dass ich meine Eltern und meine Freunde umarmt und mich von ihnen verabschiedet habe, so sind f├╝r sie inzwischen Jahre ins Land gezogen. Sie f├╝hren nun Leben, von denen ich nichts mehr wei├č und in die ich auch nie wieder werde eintauchen k├Ânnen.

Und so habe ich inzwischen wohl auch nichts mehr, das mich an dieses alte Zuhause bindet.

Wir werden in den n├Ąchsten Tagen ausgehen, damit du ein paar Menschen kennenlernst, hat mein Bruder gestern vorgeschlagen, nachdem wir die Slot-Zentrale und dann die Uni besucht hatten, aber ich habe herausgefunden, dass er viel mit dem Lernen zu tun hat und ich im Grunde sehr ungelegen gekommen bin. Zumindest f├╝hle ich mich so. Also habe ich ihm gesagt, es w├╝rde mich nicht st├Âren, mich erst einmal in Ruhe einzuleben, w├Ąhrend er lernt.

Und so verbringe ich nun meinen dritten Tag in der neuen Welt allein in unserer Wohnung sitzend. Inzwischen trage ich die kurze Hose, das d├╝nne Top und all die anderen Kleidungsst├╝cke, die wir gestern Abend gemeinsam gekauft haben, und ich f├╝hle mich ├╝berraschend wohl in der lockeren, schlichten Kleidung. Drau├čen regnet es wieder und die Wolken h├Ąngen so tief ├╝ber der Stadt, dass unsere Wohnung bereits in ihnen zu versinken scheint. Trotzdem ist es warm und gem├╝tlich in ihrem Inneren und fast gef├Ąllt es mir, diesen Tag in vollkommener Ruhe und Abgeschiedenheit verbringen zu k├Ânnen, um meinen Gedanken freien Lauf zu lassen.

Fremde Musik spielt aus der Anlage, die mir mein Bruder gezeigt hat. Es ist trotzdem noch etwas schwer f├╝r mich, mich zwischen all diesen neuen M├Âglichkeiten und Technologien zu orientieren, deswegen bin ich nur sehr vorsichtig mit allem, benutze lieber meine F├╝├če als die Schleusen, esse nur die Dinge, die ich bisher kenne.

Nachdem ich eine ganze Weile lang in den Unterlagen ├╝ber Geschichte und Politik der Erde gelesen habe, die mir Lewin ├╝berreicht hat, rapple ich mich aus dem Sessel auf und schlurfe zum Fensterfeld hin├╝ber. Ich muss mich noch immer daran gew├Âhnen, dass keine Regentropfen an der Scheibe h├Ąngen bleiben, weil es keine Scheibe im tats├Ąchlichen Sinne gibt. Ich k├Ânnte die Hand durch das Feld halten und die erfrischende Fl├╝ssigkeit auf meinen Arm regnen lassen, denn einiges ÔÇô wenn auch keine ganzen K├Ârper, Gegenst├Ąnde oder Tiere ÔÇô l├Ąsst es hindurch. Trotzdem h├Ąlt das Feld den Regen zuverl├Ąssig vor der Abgrenzung und l├Ąsst ihn ├╝ber den breitfl├Ąchigen Balkon mit den vielen Pflanzen wieder ablaufen, zu den Stra├čen hinab, bis er die ganze Stadt reingewaschen hat.

Nach einigen Minuten lasse ich mich in eine der Sitzschalen fallen und fahre mit den Fingern ├╝ber die k├╝hle Oberfl├Ąche des Esszimmertisches, durchsuche die News nach Interessantem, mache einige Streifz├╝ge durch informative Artikel und warte darauf, dass die Zeit vergeht.

Als der Himmel drau├čen sich immer weiter verdunkelt und von irgendwo weit weg ein tiefes Grollen das n├Ąchste Gewitter ank├╝ndigt, erhebe ich mich abermals und streife gedankenverloren einige der Regale und Gegenst├Ąnde, die auf die Ber├╝hrung an der richtigen Stelle hin zu leuchten beginnen. Die warmen Lichtquellen schaffen eine etwas diffuse, gem├╝tliche Stimmung und ich streife mit meinen nackten F├╝├čen ├╝ber den wolligen Teppich, murmle bei der fremdartig klingenden Musik mit, esse ein paar Snacks und schaue alle paar Minuten nach den Nachrichten, die ich auf das Fensterfeld projiziere. Irgendwann deaktiviere ich das Info-Feld gar nicht mehr und so flimmern fortw├Ąhrend Informationen dar├╝ber, die den Raum zus├Ątzlich mit bunten Lichtern benetzen und vom Regen ablenken.

Weder nach einem Buch noch nach Fernsehen ist mir zumute und Hinausgehen stellt keine Option dar. Gestern Nachmittag und heute Vormittag habe ich es schon versucht, mich aber jedes Mal hoffnungslos im Gewirr der Stra├čen verirrt, sodass ich Fremde um Hilfe bitten musste, um ├╝berhaupt wieder heim zu finden. Und so denke ich wieder dar├╝ber nach, in die K├╝che zu gehen und mir zum Vertreiben der Langeweile Essen zuzubereiten, als ein dumpfer Signalton aus den W├Ąnden ert├Ânt und ich erschrocken zusammenzucke.

┬╗Ja?┬ź, frage ich irritiert und erinnere mich erst dann daran, was mein Bruder mir erkl├Ąrt hat. Der Ton ist das Anfragezeichen der Schleuse. Mit den Zugangsdaten kann jeder Mensch direkt die Verbindung zu unserer Wohnung herstellen. Nat├╝rlich aber nur, wenn wir es erlauben.

┬╗Ich bin’s, Juan.┬ź Ich gehe ein paar Schritte durch den Wohnbereich, sodass ich die rote, kreisrunde Fl├Ąche in der Ecke im Auge habe. Selbst wenn ich wei├č, dass er meine Genehmigung braucht, um eintreten zu d├╝rfen, habe ich die unbegr├╝ndete Bef├╝rchtung, es k├Ânnte ihm auch ohne sie irgendwie gelingen. T├╝ren und Schl├Âsser kommen mir noch immer sicherer vor als diese Art von Eingang.

┬╗Aha┬ź, mache ich und sch├╝ttle dann den Kopf. ┬╗Mein Bruder ist nicht da.┬ź

┬╗Ja, ich wei├č┬ź, sagt er und schaltet sich auf den aktivierten Screen auf dem Fenster, zu dem ich mich herumdrehe. ┬╗Er hat mich angerufen und gefragt, ob ich mich ein bisschen mit dir besch├Ąftigen kann, weil er doch sp├Ąter nach Hause kommt, als er dachte.┬ź

┬╗Hm.┬ź Ich schaue das Abbild des schwarzhaarigen Mannes an, der in seiner lockeren Alltagskleidung so viel weniger beeindruckend aussieht als in Uniform. Im Hintergrund erkenne ich nur verschwommen ein wenig von seiner Wohnung und versuche unbemerkt, einen besseren Blick darauf zu erhaschen, w├Ąhrend ich nachdenke.

Einerseits kann ich mir angenehmere Gesellschaft vorstellen als ihn ÔÇô andererseits ist selbst diese Gesellschaft vermutlich besser als keine, deswegen frage ich: ┬╗Hast du denn nichts zu tun?┬ź
┬╗Nein. Ich lerne nicht und Fl├╝ge gibt es zurzeit f├╝r mich auch nicht. Ich muss ja wegen der Chip-Sache jetzt zwei Wochen aussetzen.┬ź
┬╗Oh.┬ź
┬╗Also, kann ich r├╝berkommen?┬ź Er zieht seine Augenbrauen auffordernd hoch und als ich ihm nicht sofort eine Antwort gebe, sondern noch kurz dar├╝ber nachdenke, ob ich Lust auf seine Gesellschaft habe oder nicht, grinst er breit. ┬╗Oder hast du Angst vor mir?┬ź

┬╗Unsinn!┬ź, grummle ich l├Ąchelnd und sch├╝ttle dann resignierend den Kopf. ┬╗Na gut, dann komm schon r├╝ber.┬ź

Er klatscht in die H├Ąnde, als h├Ątte er nur auf dieses Zeichen gewartet.

┬╗Gut, jetzt musst du nur noch ÔÇŽ┬ź

┬╗Ich wei├č, was ich machen muss┬ź, lache ich und gehe zum Tisch hin├╝ber, auf dem die Schleusenanfrage von Juan Davenport neben einem kleinen Bild von ihm blinkt. Ich ├Âffne das Men├╝, um ihm Zugang zu gew├Ąhren.

Ich habe mich kaum wieder aufgerichtet, als er bereits mitten im Raum steht und mir gr├╝├čend zunickt.

┬╗Ich w├╝rde dir ja die Hand sch├╝tteln, aber ich hab inzwischen gelesen, dass das bei euch als sexuelle Bel├Ąstigung gilt┬ź, provoziert er mich. Ich schnaube, kann mir ein Lachen nicht verkneifen, auch wenn ich ihm ungern die Genugtuung lasse, es mir entlockt zu haben.

┬╗So nun auch wieder nicht┬ź, erkl├Ąre ich, auch wenn ich nicht den Eindruck habe, dass es ihn ernsthaft interessiert. ┬╗Jemanden direkt zu ber├╝hren gilt nur schon als eine sehr ÔÇŽ intime Handlung. Au├čerdem geht es ja vor allem um den Hautkontakt. Wenn man sich bei uns die Hand sch├╝ttelt, tr├Ągt man f├╝r gew├Âhnlich Handschuhe.┬ź

┬╗Ich denke, die Denkweise musst du dir auf jeden Fall abgew├Âhnen.┬ź

┬╗Ich arbeite schon daran┬ź, funkle ich ihn an und wieder zieht er eine seiner Augenbrauen hoch.

┬╗Na wenn das so ist┬ź, sagt er, tritt einen Schritt auf mich zu und reicht mir seine Hand, die ich etwas z├Âgerlich nehme, bis wir beide lachen.

┬╗L├Ąsst dich Lewin echt den ganzen Tag allein hier rumgammeln?┬ź, m├Âchte er dann wissen und schaut sich demonstrativ im Raum um.

┬╗Ich hab es ihm erlaubt und es w├Ąre eh nur f├╝r diese Woche. Er hat einiges zu tun.┬ź

Juan scheint nicht zu glauben, dass das der Wahrheit entspricht, denn w├Ąhrend er einige Schritte geht und unbestimmt in einige Ecken sieht, ├╝berlegt er laut.

┬╗Ich vermute eher, dass er endlich mal eine Freundin hat┬ź, grummelt er unbestimmt. ┬╗Er h├Ąngt schon seit viel zu vielen Jahren nur ├╝ber seinem Unizeug.┬ź

┬╗Hm┬ź, mache ich nachdenklich und sehe an meinem ÔÇô f├╝r meine Gewohnheiten ÔÇô viel zu knapp bekleideten K├Ârper hinab, der mein Gegen├╝ber jedoch gar nicht zu interessieren scheint. ┬╗Hast du denn eine Freundin?┬ź

Und wieder grinst er und zieht neckisch seine Augenbauen in die H├Âhe.

┬╗Warum? Interessiert?┬ź

┬╗Tr├Ąum ruhig weiter┬ź, schmunzle ich und l├Ąchle meine F├╝├če an.

┬╗Also, was machen wir?┬ź, bricht er erst nach einigen Momenten wieder ernster die entstandene Stille und verschr├Ąnkt die Arme vor der Brust, w├Ąhrend ich mich an den Tisch lehne und mit meinen Zehen wackle.

┬╗Ich wei├č nicht. Was k├Ânnen wir denn machen?┬ź

┬╗Tja, alles was du willst. Ich w├╝rde dir ja die Sehensw├╝rdigkeitentour vorschlagen, aber daf├╝r ist mir ehrlich gesagt das Wetter zu beschissen.┬ź

┬╗Au├čerdem interessieren dich Sehensw├╝rdigkeiten nicht┬ź, vermute ich und er wiegt ertappt den Kopf hin und her.

┬╗Ja, das kommt erschwerend hinzu.┬ź Er ├╝berlegt eine Weile und das Schweigen zwischen uns ist seltsam dr├╝ckend. Ich habe das Gef├╝hl, dass ich etwas sagen sollte, aber ich habe selbst keine ├ťbersicht dar├╝ber, was man alles unternehmen k├Ânnte ÔÇô was immerhin der einzige Grund f├╝r mich war, den ganzen Tag in der Wohnung zu sitzen. ┬╗Du warst sicher schon ein paarmal im Slot, oder?┬ź, m├Âchte er wissen, doch ich sch├╝ttle den Kopf. ┬╗Pff, dann wissen wir doch, was wir machen┬ź, meint er und bedeutet mir mit einem Wink seines Fingers, ihm zu folgen, als er zu einer T├╝r neben der offenen K├╝che geht. Ich war schon einige Male in diesem kleinen Raum, kann aber mit all den Anlagen darin nichts anfangen.

┬╗Ist gut┬ź, stimme ich etwas unruhig zu, als Juan mit einem doppelten Tippen seiner Finger gegen die Wand alle Lampen im Wohnraum l├Âscht und daf├╝r ein schummriges Licht in dem fensterlosen Zimmer erzeugt, das wir betreten. Bis auf sechs Liegen, mit denen einige Kabel verbunden sind, und eine runde, leuchtende Anlage in der Mitte des kleinen Sitzkreises gibt es hier nichts, nicht einmal einen Schrank oder etwas Vergleichbares. ┬╗Und es ist in Ordnung, wenn wir das machen, ohne meinen Bruder zu fragen?┬ź

┬╗Klar┬ź, meint Juan, der sich bereits zwischen den bequem aussehenden Liegen mit dicker Polsterung hindurchgeschoben hat, um sich mit der Konsole in der Mitte zu befassen. Ich beobachte, wie er mit dem Pad, das er aus seiner Tasche gekramt hat, ├╝ber eine Kontrollfl├Ąche f├Ąhrt und das wei├če Ger├Ąt daraufhin beginnt, milchig und blau zu leuchten und einige Optionen anzuzeigen, mit denen ich nichts anfangen kann. ┬╗Setz dich schon mal hin┬ź, fordert er mich auf und ich tue wie gehei├čen, lasse mich auf einen der tiefliegenden, schwarzen Sessel sinken, lehne mich jedoch noch nicht zur├╝ck.

┬╗Was passiert jetzt?┬ź

┬╗Aufgeregt?┬ź

Ich schnaube ein ┬╗Nein┬ź, doch ohne darauf einzugehen, bittet er mich, ihm mein Identit├Ątspad zu ├╝berreichen, das ich daraufhin aus meiner Hosentasche ziehe und ihm zwischen die ausgestreckten Finger schiebe.

┬╗Wenn wir unseren Chip haben, geht das einfacher. Er verbindet die Signale in unserem K├Ârper dann direkt mit dem System. Solange wir uns aber nur ├╝ber das Pad ausweisen k├Ânnen┬ź, er rappelt sich auf, ┬╗ist es etwas komplizierter. Los, lehn dich zur├╝ck, sodass es bequem ist┬ź, fordert er mich auf und ich rutsche ein St├╝ck tiefer in die Sitzgelegenheit, dr├╝cke mich in die Polster, die aus demselben undefinierbar weichen Stoff sind wie auch mein Bett und vieles andere in der Wohnung.

┬╗Wof├╝r ist das alles?┬ź

┬╗Um eine Verbindung herzustellen┬ź, sagt er und mustert die verschiedenen Aufs├Ątze an den bunten Schn├╝ren, die er aus dem Kontrollmodul in der Mitte zieht. Eins legt er mir in die Hand und noch bevor ich fragen kann, was ich damit anfangen soll, bildet sich eine Art schimmernder, wei├čer Handschuh um meine Finger, den ich nicht f├╝hlen, sondern nur sehen kann. Dasselbe wiederholt er mit meiner anderen Hand, bevor er beginnt, etwas an meinem Kopf anzubringen, das ich nicht sehen kann. ┬╗Wenn du deinen Chip hast, dann ist die Kabelei nicht mehr mehr notwendig, weil der IC dann die Kommunikation mit dem System ├╝bernimmt. Jetzt l├Ąuft das ├╝ber unsere Pads und K├Ârper gleichzeitig. M├Âchtest du etwas essen?┬ź

┬╗Was?┬ź

Er schaut mich ├╝berrascht an und sch├╝ttelt seinen Kopf.

┬╗Hast du dich ├╝berhaupt schon ein bisschen ├╝ber den Slot informiert, bevor du hergekommen bist?┬ź, will er wissen und ich weiche seinem Blick abermals aus.

┬╗Nat├╝rlich┬ź, murmle ich, doch wieder seufzt er nur schwer, bevor er zu neuen Erkl├Ąrungen ansetzt.

┬╗Also, du kannst im Slot auch etwas essen gehen, bis du dich innerhalb des Systems satt f├╝hlst. Wirklich gegessen hast du dann aber nat├╝rlich nicht und damit dein normaler K├Ârper nicht verreckt ist es schon angebracht, ihn ab und an zu f├╝ttern. Du kannst dir also aussuchen, ob du einmal dort isst und dann hier noch einmal, wenn du wieder drau├čen bist, oder┬ź, er wedelt mit einem Kabel herum, ┬╗ob du dir die N├Ąhrstoffe, noch w├Ąhrend du im Slot bist, injizieren l├Ąsst.┬ź

┬╗Was? Wer macht denn so was?┬ź, will ich stirnrunzelnd wissen und als ich den Kopf sch├╝ttle, legt er die letzte Verbindung bereits wieder weg und macht sich daran, sich selbst anzuschlie├čen.

┬╗Eigentlich alle. Was bringt es, im Slot essen zu gehen, wenn du aufwachst und sofort wieder Hunger hast?┬ź

┬╗Das hat irgendwie etwas Surreales┬ź, meine ich und lehne mich zur├╝ck, betaste vorsichtig meinen Kopf, an dem durch Kraftfelder die Verbindungsmodule befestigt wurden.

┬╗Ich muss dazu sagen, dass diese Version hier auch schon etwas veraltet ist. Es gibt deutlich h├╝bschere Zug├Ąnge.┬ź Er l├Ąsst sich in dem Sessel neben mir nieder und schiebt unsere Pads in zwei der daf├╝r vorgesehenen Spalte, dann dimmt er das Licht, bis das wei├če und blaue Leuchten zwischen uns das Einzige ist, das den Raum noch zart erhellt. ┬╗Und wenn du deinen Chip hast, dann kannst du theoretisch von ├╝berall aus in den Slot gehen.┬ź

┬╗Ah, interessant┬ź, sage ich und versuche, meine leichte Nervosit├Ąt zu ├╝berspielen. ┬╗Was passiert jetzt?┬ź

┬╗Nichts┬ź, lacht er. ┬╗Nur mit der Ruhe, wir m├╝ssen eh noch den Ort und die Zeit aussuchen. Also, wohin soll es gehen?┬ź Er legt sich zur├╝ck und macht es sich bereits in seinem Sessel bequem ÔÇô ich unterdr├╝cke die Frage, ob er Ort und Zeit denn nicht noch eingeben muss.

┬╗Ich wei├č nicht. Hast du keine Lieblingsstelle?┬ź

┬╗Doch┬ź, schmunzelt er, ┬╗aber die zeige ich niemandem.┬ź

┬╗Kann man den Ort denn innerhalb des Slots auch wechseln?┬ź

┬╗Klar, jederzeit.┬ź

┬╗Dann fangen wir doch einfach mal in der Stadt an. Zu aktueller Zeit. Dann k├Ânnen wir ja weitersehen.┬ź

┬╗Gut, geht klar┬ź, stimmt er zu. ┬╗Also, bist du bereit?┬ź

┬╗Ja, ich denke ÔÇŽ┬ź

Abtrennung

Es ist, als h├Ątte ich nicht einmal die Lider fest geschlossen, sondern lediglich geblinzelt, als mich grelles Licht blendet und ich mir die Hand sch├╝tzend vor die Augen halte, um mich daran zu gew├Âhnen. Stimmen, Meeresrauschen und das vorsichtige Streichen des Windes um H├Ąuserecken dringen an meine Ohren, die Strahlen der Mittagssonne brennen auf meiner Haut und eine leichte Brise streicht ├╝ber mein Gesicht, tr├Ągt verschiedene Ger├╝che von Ozean und Essen mit sich.

Ich blinzle das grelle Licht aus meinen Augen und sp├╝re, wie mich Juan in den k├╝hlen Schatten eines Geb├Ąudes zieht, in dem ich endlich wieder klar sehen kann.

┬╗Wahnsinn┬ź, sage ich, schlucke und schaue mich um. Es herrscht reges Treiben, ├╝berall sind Menschen und einige der bunten Haustiere zu sehen, die hologrammartig um sie herumschweben. ┬╗Wie echt sich das anf├╝hlt.┬ź

┬╗Das macht ja gerade den Reiz aus┬ź, l├Ąchelt Juan und folgt meinem Blick in alle Richtungen, bis er sich in Bewegung setzt, um in eine schattige Nebengasse zu treten und langsam durch sie hindurch zu schlendern. ┬╗Willkommen im Kayslot.┬ź

┬╗Das ist beeindruckend┬ź, murmle ich und versuche noch immer all die Empfindungen zu verarbeiten, die ich hier so viel bewusster wahrnehme, als ich es je in real getan h├Ątte. So viele Sinne und mit allen kann ich mein Umfeld betasten und wahrnehmen.

┬╗Sind die Menschen alle echt?┬ź

┬╗Nein. Einige von ihnen sind Besucher wie wir, aber die meisten sind Platzhalter, weil die Welt sonst ja vollkommen leer w├Ąre.┬ź

┬╗Platzhalter?┬ź, frage ich nach und er nickt im Gehen.

┬╗Ja, aber du kannst ganz normal mit ihnen kommunizieren. Du w├╝rdest den Unterschied zu einem echten Menschen nicht bemerken.┬ź

┬╗Das ist unheimlich┬ź, murmle ich, worauf mein Begleiter seine Stirn in Falten legt.

┬╗Das ist Fortschritt┬ź, meint er ernst, aber ich kann das unwohle Gef├╝hl nicht abschaffen.

Mir war nicht klar, dass es bereits Programme gibt, die einen Menschen in all seiner Komplexit├Ąt erfassen und kopieren k├Ânnen. Aber genau das scheint in dieser Welt als normal angesehen zu werden.

┬╗Denk dich lieber nicht zu tief in das Thema rein┬ź, empfiehlt er mir und ich vermute, dass es das Beste ist, diesem Rat nachzukommen. ┬╗Und du willst deine Erinnerungen tats├Ąchlich an den Kayslot verkaufen, obwohl du dich noch so wenig damit auskennst?┬ź

Ich hole tief Luft, kann es noch immer nicht lassen, meine Augen von der taghellen Stadt und ihren schillernden Fassaden abzuwenden, streiche ├╝ber das glatte Material der Geb├Ąude neben uns und verliere mich fast im tiefen Blau des Himmels.

┬╗Ja, ich bin sicher. Au├čerdem ist der Termin f├╝r die Analyse erst in zwei Wochen. Und der Verkauf dann eine Woche danach. Also habe ich noch gen├╝gend Zeit, mich hier umzuschauen.┬ź

┬╗Und es dir anders zu ├╝berlegen┬ź, lacht er. ┬╗Du wei├čt schon, dass man deinem Vergangenheits-Ich im Slot dann dabei zusehen kann, wie es aufs Klo geht, oder?┬ź

┬╗Ja, durchaus.┬ź

┬╗Oder wie es Sex hat.┬ź Ich bemerke seinen forschenden und schelmischen Blick zu mir herab, als wolle er pr├╝fen, ob seine Provokation tats├Ąchlich bei mir angeschlagen hat.

┬╗Ich wette, du w├Ąrst der Erste, der sich einloggt, um sich das anzusehen┬ź, grinse ich herausfordernd.

┬╗Wenn es bei dir denn ├╝berhaupt jemals dazu gekommen sein sollte┬ź, stichelt er weiter und ich schnaube.

┬╗Sagt jemand, der es bisher immer nur in einer virtuellen Realit├Ąt getan hat┬ź, kontere ich funkelnd und mein Gegen├╝ber schnaubt am├╝siert.

┬╗Touch├ę┬ź, ergibt er sich lachend und versucht sich an einem gespielt schmollenden Gesicht. ┬╗Bedeutet aber nicht, dass es nicht mindestens genauso gut w├Ąre wie in real.┬ź

Ich denke dar├╝ber nach, ihn zu fragen, woher er das wissen will ÔÇô doch wenn ich mich umschaue und all das um mich herum sp├╝re und rieche, alles f├╝hle, was man f├╝hlen kann, dann habe ich eigentlich keine Zweifel mehr an dieser Tatsache.

Weil ich schweige, ist es wieder still zwischen uns und ich schaue an meinen blassen Beinen hinab, die so gar nicht zu der braungebrannten Haut aller Menschen passen m├Âchte, die uns entgegenkommen. Ich k├Ânnte es darauf schieben, dass die meiste Zeit an dem Ort, an dem ich gelebt habe, Winter herrscht. Aber es w├Ąre wohl gelogen, nicht auch meine sommersprossige Haut daf├╝r verantwortlich zu machen. Also kann ich nichts als seufzen und mich in diesem unbekannten Sommerland umsehen, w├Ąhrend ich Juan folge, der zumindest den Anschein erweckt, als w├╝rde er ein bestimmtes Ziel verfolgen.

Das Wetter im Slot ist variabel, so viel wei├č ich zumindest. Und ebenfalls, dass aus jeder Menschengruppe ein Leiter ausgew├Ąhlt wird, der genau diese Begebenheit ÔÇô zusammen mit Ort und Zeit ÔÇô bestimmt und kontrolliert; auch wenn ich keine Ahnung habe, wie genau das funktioniert.

┬╗Erz├Ąhl mir doch noch ein wenig ├╝ber das Verkaufen von Erinnerungen, wenn du so sehr dagegen bist┬ź, greife ich nach einer ganzen Weile das Thema noch einmal auf, um das Schweigen endlich zu durchbrechen. Wir biegen um eine weitere Hausecke und ein Windzug zerzaust meine Haare, als ich auf das Ende der Stadt blicke, das nun vor uns liegt. Nur noch wenige Geb├Ąude liegen zu unserer Rechten und werden dann von einer riesigen Aussichtsplattform abgel├Âst, die auf einem sehr breiten Steg in den Himmel hineinzuf├╝hren scheint.

Ich verlangsame mein Tempo etwas, doch Juan geht raschen Schrittes weiter, also folge ich ihm, wenn auch z├Âgerlich.

┬╗Da gibt es sonst eigentlich nicht mehr viel zu erz├Ąhlen┬ź, setzt er nun an und zuckt mit den Schultern. ┬╗Ich meine, die Chance, dass zuf├Ąllig jemand auf dein Erinnerungs-Ich trifft und dir dann folgt ist sowieso gering. Aber wenn man es darauf abgesehen hat ÔÇŽ┬ź

┬╗Und dieses Ich meiner Vergangenheit durchl├Ąuft immer und immer wieder dieselben Schleifen?┬ź

┬╗Ja und nein. Es ist nicht da, wenn niemand da ist, der die Zeit und den Ort besucht, an dem du auch in deiner Erinnerung warst. Aber man k├Ânnte theoretisch immer wieder zur├╝ckspulen und sich alles neu anschauen.┬ź

┬╗Aber das macht doch niemand, oder?┬ź, m├Âchte ich wissen. Inzwischen bin ich mehr auf den Anblick als auf unser Gespr├Ąch konzentriert, denn hinter dem Ende der Plattform und jenseits des Wolkensteges sehe ich das Meer und den Horizont, der so weit unter uns liegt, wie ich es noch nie gesehen habe.

┬╗Ach, es gibt krankere Menschen, als du es dir vorstellen kannst┬ź, grummelt er mit einem d├╝steren L├Ącheln auf den schmalen Lippen. Ich h├Âre ihn schon kaum mehr, habe nur Augen f├╝r das, was vor uns liegt und beschleunige meine Schritte nun, bis ich laufe, renne, um mich ├╝ber das Gel├Ąnder zu h├Ąngen und in die Weiten zu sehen, die sich mir offenbaren.

┬╗Wow┬ź, fl├╝stere ich mit im Wind flatternden Haaren. Juan folgt mir, mahnt mich, ich solle mich nicht zu weit vorn├╝ber beugen und am Ende noch fallen. Unser vorhergegangenes Gespr├Ąch habe ich bereits verdr├Ąngt, als ich das Glitzern des Wassers beobachte, die endlosen Weiten und den stechend blauen Himmel, an dem nicht einmal Sch├Ânwetterwolken zu erkennen sind.

┬╗Warst du mit deinem Bruder noch nicht am Ende der Stadt?┬ź, m├Âchte Juan wissen und ich sch├╝ttle den Kopf.

┬╗Wir hatten bisher noch keine Zeit. Ich bin ja gerade einmal drei Tage hier. Zwei, wenn man unseren tollen Aufenthalt im Hafen abzieht.┬ź

┬╗Erinner mich nicht daran┬ź, knurrt er d├╝ster.

┬╗K├Ânnen wir hier bleiben?┬ź, frage ich dann und er zuckt mit den Schultern.

┬╗Klar, warum nicht?┬ź Einen Schritt zur Seite tretend, f├╝gt er hinzu, als ich mich gerade schon setzen m├Âchte: ┬╗Komm, wie gehen auf den Steg, noch ein bisschen weiter raus.┬ź

┬╗Gut┬ź, pflichte ich ihm bei. Und ich folge.

Abtrennung

Es vergehen Stunden, in denen wir einfach nur dort sitzen und reden ÔÇô ├╝ber alles, was uns einf├Ąllt, von einem Thema ins andere, bis wir nicht mehr wissen, wo wir angefangen haben und in Ruhe schweigen. Bis die Stille zwischen uns nicht mehr dr├╝ckend ist, sondern angenehm.

Irgendwann, als der fr├╝he Abend bereits hereinbricht, erheben wir uns wieder von der Bank am Ende des Stegs, schlendern zur├╝ck in die Stadt und streifen durch die Stra├čen, zwischen deren Hochh├Ąusern bereits die ersten Lichter flackern. Die Luft k├╝hlt sich extrem schnell ab und doch friere ich nicht. Wir treffen viele Betrunkene auf den Stra├čen, die anhalten, um mit uns zu reden und zu lachen, bis Sterne und Mond am Himmel stehen und die Dunkelheit der Nacht durchbrechen. Juan zeigt mir, wie ich die Str├Âme des Slots nutzen kann, um mich selbst zu ver├Ąndern ÔÇô meine N├Ągel bunt zu f├Ąrben, meine Haarfarbe zu ├Ąndern, sogar meine Kleidung.

Ich folge Juan in verschiedene Clubs, die vollgestopft mit so vielen Menschen sind, dass ich mich in den ersten Momenten unwohl f├╝hle. Nach ein paar verschiedenfarbigen Drinks l├Ąsst jedoch auch dieses Gef├╝hl der Unsicherheit nach. Wir treffen einige Bekannte von ihm, deren Namen ich wegen der dr├Âhnenden, fremdl├Ąndischen Musik nicht verstehe, die uns basslastig in sich einschlie├čt. Und als wir in gro├čer Gruppe barfu├č durch den wieder einsetzenden Regen torkeln, denke ich, dass ich mich noch nie so frei gef├╝hlt habe.

Ich bin sicher, dass wir einige Male in der Zeit reisen, ohne dass ich es bemerke, da Wetter und Uhrzeit gleich zu bleiben scheinen. Juan bespricht sich einige Male mit einem M├Ądchen namens Hana ├╝ber unsere weiteren Ziele und als ich ein weiteres Mal blinzle, tut sich eine breite, grob gepflasterte Stra├če vor uns auf. Wir weichen kollektiv einigen altert├╝mlichen Fahrzeugen aus, die laut hupend ihr Tempo verlangsamen, und unter dem schweren Gestank nach Industrie und Abf├Ąllen schwanken wir in eine Nebengasse.

Ich kann mich kaum lange genug umschauen, um mich zu fragen, in welcher Zeit wir uns wohl befinden, doch hier ist es schmutziger, die H├Ąuser sind niedriger als in unserer Zeit und die Au├čenluft ist k├╝hler, w├Ąhrend die des Clubs, in den wir eintreten, so dicht ist, dass ich kaum atmen kann.

Eher mit Gesten als mit Worten werden weitere Getr├Ąnke bestellt, bevor wir uns in die Masse von Leibern auf der Fl├Ąche dr├╝cken, eng tanzen, im Sog aus sich vermischender K├Ąlte und Hitze, Licht und Dunkelheit, Rausch und Klarheit. Ich bin so betrunken, dass es vollkommen egal ist, so viele Fremde zu ber├╝hren.

Irgendwann schaue ich mich um und Juan ist verschwunden, also suche ich ihn im flimmernden Licht, bis vertraute, namenlose Personen mir bedeuten, dass alles in Ordnung sei. Als er nach gef├╝hlten Ewigkeiten mit zerzausten Haaren und unordentlich sitzender Kleidung wieder auftaucht, ist es schon weit nach null Uhr.

Er legt seinen Arm um mich und wir trennen uns von den anderen, schwanken lachend aus dem Lokal, reisen einige Male durch wirre und unbekannte Zeiten und er grummelt einige Male, dass er sich wohl besser h├Ątte zusammenrei├čen sollen.

┬╗Dein Bruder bringt mich sicher um, wenn er mitbekommt, wie lange wir weg waren┬ź, nuschelt er, w├Ąhrend die k├╝hle Au├čenluft meinen Verstand wieder etwas kl├Ąrt, bis wir endlich im Jetzt ankommen und mein Begleiter erleichtert seufzt.

Abtrennung

┬╗W├╝rde man mein Erinnerungs-Ich eigentlich erkennen?┬ź, frage ich, w├Ąhrend wir langsam wieder auf das Meer zusteuern, das ich jedoch noch nicht sehen kann. Nicht in der Lage, auch nur einen Schritt weiter zu gehen, haben wir an einer Stra├čenecke gesessen und geschlafen, bis der Morgen d├Ąmmerte, um uns zu wecken. Nun m├Âchte ich den Sonnenaufgang sehen, bevor wir wieder aus dem Slot zur├╝ckkehren.

┬╗Hm?┬ź

┬╗Ich meine, ob die Erinnerungs-Menschen, die im Slot sind, durch irgendetwas gekennzeichnet sind.┬ź

┬╗Ach so┬ź, sagt er. ┬╗Ja, ihre Schritte leuchten wei├č, wenn sie gehen. Als Hinweis darauf, dass man sie gar nicht erst ansprechen braucht, weil sie nat├╝rlich keine Wahrnehmung haben und dich nicht sehen.┬ź

┬╗Kann man es denn nicht irgendwie so machen, dass man die Personen aus ihren eigenen Erinnerungen herausnimmt?┬ź, frage ich weiter, weil mich das Thema gerade wieder fasziniert, doch Juan schnaubt nur. Ich habe mich in seinem Arm eingehakt, l├Âse diese Verbindung nun aber, um mich zu strecken. Ich sp├╝re, wie m├╝de ich noch immer bin und wie der Hunger in meinem Magen dr├╝ckender wird.

┬╗Nein, das ist ja das Problem. Wenn das ginge, dann w├╝rden es ja alle tun und ihre Erinnerungen verkaufen. Dann h├Ątte Kay keine Probleme.┬ź

┬╗Ach so.┬ź

┬╗Man arbeitet aber auf jeden Fall daran. Ich denke, das ist aktuell deren wichtigstes Projekt.┬ź

┬╗Hm.┬ź

┬╗Vielleicht solltest du warten┬ź, schl├Ągt er vor. Wieder kommen wir an die Plattform, nur dass es dieses Mal schummrig ist und wei├č leuchtende Fliesen auf dem Boden das Licht des rosafarbenen Himmels und der letzten Sterne unterst├╝tzen.

┬╗Ach, worauf denn?┬ź, frage ich etwas tonlos und schaue an mir hinab. Inzwischen trage ich eine kurze, enge Hose mit buntem Muster und ├╝ber meinen Schultern einen dieser modernen M├Ąntel, deren Saum in allen Farben leuchtet. Es ist fast hypnotisierend.

┬╗Vielleicht ist es schon in einem Jahr m├Âglich, sich aus seinen verkauften Erinnerungen herauszunehmen und dann ├Ąrgerst du dich dar├╝ber, nicht gewartet zu haben┬ź, erkl├Ąrt er sich. Wir treten an das Gel├Ąnder und lehnen uns daran ÔÇô er mit dem R├╝cken, w├Ąhrend er in seiner Jacke nach etwas tastet, ich mit dem Kopf in Richtung Meer, auf dem pastellfarbene Lichtschimmer Schauspiele erschaffen.

Juan zieht eine Schachtel aus seiner Jackentasche und zupft ein altmodisches Feuerzeug und eine Zigarette heraus. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas noch gibt, bis mir wieder einf├Ąllt, dass wir im Slot sind, der alle Dinge und Zeiten ineinander vereinigt. Interessiert frage ich ihn, ob ich mir auch eine nehmen k├Ânne und er z├╝ndet sie an, als ich sie an meine Lippen f├╝hre.

Lachend unterdr├╝cke ich ein Husten, als ich den ersten Zug nehme und er grinst vor sich hin, w├Ąhrend er entspannt neben mir steht und ich mich mehr schlecht als recht damit abm├╝he, Luft zu bekommen.

┬╗Ich kenne das etwas anders┬ź, kr├Ąchze ich noch immer und er klopft mir etwas lieblos auf den R├╝cken, was leider nicht viel n├╝tzt.

┬╗Das legt sich mit der Zeit┬ź, beschwichtigt er mich und langsam und tief atmend nicke ich, als wieder Ruhe eintritt und ich das Ziepen der n├Ąchsten Z├╝ge etwas gesitteter in meinen Lungen aufnehmen kann, bis ich das glimmende ├ťberbleibsel mit meiner Schuhsohle am Boden austrete.

┬╗Ich frage mich, wie das wohl so sein mag┬ź, gr├╝belt Juan laut und schaut nach oben zu all den Planeten und Sternen, die zu uns hinabblicken.

┬╗Was?┬ź

┬╗Aus einer so ganz anderen Welt zu kommen. Und dann hier leben zu m├╝ssen. Ich kenne deinen Planeten von der Reise nur fl├╝chtig, aber es ist alles so ÔÇŽ┬ź

┬╗ÔÇŽ anders.┬ź

┬╗Genau.┬ź

┬╗Wie kamst du eigentlich dazu, Kapit├Ąn eines Raumschiffs werden zu wollen?┬ź, m├Âchte ich nach einer Weile wissen, nachdem ich etwas ├╝ber unseren langen Flug hierher sinniert habe.

┬╗Hm, keine Ahnung. Ich denke, das ist der Traum von vielen. Und ich war halt der Beste meiner Klasse.┬ź

┬╗Und das obwohl ihr hier ÔÇŽ┬ź Ich habe bereits mitten im Satz vergessen, wie ich ihn beenden wollte, weil mich ein pl├Âtzliches Unwohlsein erfasst. Ein nur ganz unbestimmtes Schwindelgef├╝hl, vermischt mit ├ťbelkeit und einem stechenden Kopfschmerz.

┬╗Was?┬ź, hakt Juan nach, ich stelle mich etwas aufrechter hin, in der Hoffnung, es sei nur Einbildung gewesen. Doch kaum stehe ich gerade, drohe ich auch schon, nach hinten umzukippen und nur Juans Hand, die grob nach meinem Arm greift, h├Ąlt mich noch davon ab. ┬╗Hey, was ist los?┬ź, will er wissen, ich fahre mir mit der Hand ├╝ber die Stirn und versuche, einen Halt am Gel├Ąnder zu finden, aber das Gleichgewicht ist mir inzwischen vollkommen entglitten und meine Knie knicken unter der Last meines K├Ârpers ein.

Mich noch immer am Arm haltend, sucht Juan hektisch meinen Blick, fragt mich noch einmal, was los ist, und ich antworte, dass es mir nicht gut ginge, dass ÔÇŽ

Ich blinzle und finde mich sitzend auf der weichen Liege wieder, in dem Raum mit der Station, in dem ich mit Juan zusammen eingeschlafen bin.

Auf ein Signal von ihm, das ich nur verschwommen wahrnehme, gehen alle Lichter innerhalb des Zimmers an, stechen mit blendenden Strahlen tief in meine Augen, in meinen Kopf. Ich schmecke Blut auf meinen Lippen.

┬╗Schei├če┬ź, flucht Juan unterdr├╝ckt und stolpert aus dem Raum, w├Ąhrend ich mit den Fingern versuche, meine Nase zu betasten, das Blut zu stoppen, das aus ihr rinnt.

Juan kommt wieder, wirkt vollkommen aufgel├Âst und reicht mir ein Tuch, das ich mit einem leisen Danken annehme.
Ist das normal? Gibt es solche Vorf├Ąlle ├Âfter mit dem Slot?

Seine Bewegungen verwischen in den Winkeln meiner Augen, immer wieder wird mir schwarz vor Augen, wenn ich den Kopf anhebe, um zu sehen, was er tut.

┬╗Alles in Ordnung?┬ź, fragt er mich noch einmal, als er von der Station abl├Ąsst, mir die Kabel von den H├Ąnden zieht und eine Hand auf meine Schulter legt, deren Ber├╝hrung mir eine seltsame Form von Sicherheit gibt.

┬╗Was passiert?┬ź, frage ich, hebe meinen Kopf wieder, als ich Schritte aus dem Wohnbereich h├Âre und ein weiterer, fremder Mann hereinkommt, auf den Juan sofort zueilt.

┬╗Ich wei├č nicht, was passiert ist. Wir waren im Slot und auf einmal hatte sie einen Zusammenbruch.┬ź

Der ├Ąltere Herr mustert mich fragend und kommt dann rasch zu mir her├╝ber. Sein Gesicht verschwimmt in einem Tr├Ąnenschleier, seine Worte mehr und mehr im dumpfen Nebel, den M├╝digkeit in meine Gedanken dr├╝ckt.

Am Ende sch├╝ttle ich nur den Kopf, weil ich ihn nicht verstehe. Weil ich nicht wei├č, wer er ist und mit welchen Instrumenten er mich abtastet.

Am Ende schlie├če ich die Augen und bin froh, als die sternenlose Finsternis mich empf├Ąngt.

Abtrennung

┬╗Es geht mir gut┬ź, teile ich mit kratziger Stimme mit, noch bevor ich meine Augen aufgeschlagen habe, noch bevor ich die Hand meines Bruders an meiner sp├╝re, den warmen Duft seines unaufdringlichen Parf├╝ms einatme. Flimmernd ├Âffne ich meine Augen in das schummrige Licht meines Zimmers, in dem sich nur noch er und ich befinden ÔÇô Lewin schlafend neben mir, offenbar nicht geweckt von meinen Worten.

Mein Kopf schmerzt etwas, sonst f├╝hle ich mich wieder gut und ├Ąrgere mich dar├╝ber, dass ich offenbar weggetreten war. Nun ziert ein medizinisch-dunkelblaues ├ťberwachungsband meinen Unterarm und blinkt in kleinen Abst├Ąnden gr├╝n auf.

Alles in Ordnung.

Schluckend ziehe ich mich vorsichtig unter Lewins Arm hervor und denke dar├╝ber nach, ihn zu wecken, damit er sich in sein Bett legen kann, doch als ich seine Silhouette mustere, wirkt er so ruhig und zufrieden, dass ich es nicht ├╝bers Herz bringe und mich stattdessen einfach so leise wie m├Âglich auf die andere Seite des Bettes robbe und mich in das dortige Kissen dr├╝cke. Ich schmecke noch immer den dumpfen Blutgeschmack in meinem Mund und frage mich, wie der Arzt so schnell bei uns sein konnte ÔÇô und vor allem, was er wohl gesagt hat.

Ob solche Zwischenf├Ąlle innerhalb des Slots normal sind? Zumindest Juan wirkte sehr ├╝berrascht davon.

Juan. Erst als mir wieder der Gedanke an ihn kommt, f├Ąllt mir ein, dass ich irgendeinen wirren Traum von ihm getr├Ąumt habe. Nur einzelne Bilder daraus schwirren noch durch meine Gedanken. Ein grauer Strand und tote Quallen im Meer. Regen und Nebel zwischen H├Ąuserruinen. Und hinter all dem sein Gesicht, der fortw├Ąhrende Gedanke an ihn.

Wie eigenartig.

2 Wolkengedanken zu “Kapitel 5

  1. Jetzt vermischen sich also Mara 1 und Mara 2 langsam. Als die eine Mara Nasenbluten bekommt, bekommt es die andere auch und sie tr├Ąumt auch von Quallen und H├Ąuserruinen. Irgendetwas verbindet die beiden also. Hat der Kern etwas damit zu tun? Oder ist diese Parallelwelt losgel├Âst von ihm?
    In diesem Kapitel ist mir Juan wieder sympathisch. Sch├Ân, dass er sich um Mara k├╝mmert und sich ihrer annimmt. Interessant auch der Slot, erinnert mich ein wenig an Avatar. Wof├╝r sind die verkauften Erinnerungen da? Und hat der Verk├Ąufer sie noch oder vergisst er alle verkauften Erinnerungen?

    1. Ja, so langsam verschwimmen die Grenzen. Ich frage mich, was du zu der ganzen Entwicklung noch sagen wirst :)

      Klasse, dass du hier auch Juan magst! Das freut mich. Ich finde, in dieser Parallelwelt ist er sehr sunny. Praktisch so, wie er w├Ąre, wenn er nicht von den ganzen Erinnerungen geplagt werden w├╝rde. Deswegen machen mir diese Kapitel mit ihm immer total Spa├č.

      Wof├╝r die verkauften Erinnerungen da sind, dachte, ich wurde schon erkl├Ąrt. Ich ├╝berlege gerade, in welchem Kapitel genau das kommt, aber ich dachte, es w├Ąre hier schon erkl├Ąrt worden. Aus ihnen wird der Kayslot gebaut, um ihn f├╝r alle erlebbar zu machen :)

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