Kapitel 3

In dem sie leben lernt

Kampflustig tanzen die Geister unserer Vergangenheit in den Feuern der SĂŒnde. Brennendes Fleisch, berstende Knochen, die Gedanken und Willen betĂ€uben. Woher sollen wir wissen, was gut und was schlecht ist, wenn uns niemand sagt, dass wir Fehler begehen? Was bringt das Leiden, wenn wir nicht wissen, wofĂŒr?

241 N.TH. – 2639 N.CHR. – 13. UMBRUCH
22. & 23. JANUAR

Elendig langsam vergeht die Zeit, wĂ€hrend wir warten, und ich glaube, in den letzten Stunden kaum etwas anderes aus Juans und meinem Mund gehört zu haben als Klagen ĂŒber die Langatmigkeit dieses unvorhergesehen Wartens. Denn tatsĂ€chlich gibt es vermutlich hundert verschiedene Wege, Arten und Weisen, wie ich mir meine Ankunft auf der Erde vorgestellt habe – aber auf keinen Fall so.

Wir haben gefĂŒhlte Stunden vor dem TĂŒrfeld des Bereiches verbracht, in den wir beordert wurden, nur um dort ausfĂŒhrlich darĂŒber belehrt zu werden, dass wir einen der grĂ¶ĂŸten Fehler begangen hĂ€tten, den man in der Geschichte der Menschheit hĂ€tte machen können, dass wir nun zwei Wochen lang unseren IdentitĂ€tschip nicht wĂŒrden annehmen können und dass dieser Ausnahmezustand, in dem wir uns dadurch befinden, so gut wie inakzeptabel sei. FĂŒr mich noch eher als fĂŒr Juan, weil ich neu auf der Erde bin und es ihnen hier offenbar gegen den Strich geht, wenn sie mich nicht von oben bis unten ĂŒberwachen können.

Und so habe ich von der Erde bisher noch nichts gesehen als den harten, schwarzen Boden der Hafenhalle, ĂŒber den wir beide allein aus dem Schiff geleitet wurden, und das Zimmer, in dem wir nun bereits mehrere Stunden verbringen, auf alle möglichen Papiere und Genehmigungen wartend.

»Ihr steht hier ziemlich auf Sicherheit, hm?«, frage ich irgendwann abfĂ€llig. So weich das Material der Sitzschalen auch sein mag, in denen wir uns niedergelassen haben, es ist mir unbequem geworden und ich rutsche immer wieder hin und her, weiß nicht mehr, wohin mit mir. Das warme Licht des kleinen Warteraums ist so gemĂŒtlich, dass es einschlĂ€fernd wirkt, und es gibt nicht einmal ein Fenster nach draußen, das mir einen winzigen Blick auf mein neues Zuhause gewĂ€hrt hĂ€tte. »Ich fĂŒhle mich wie eine Gefangene«, grummle ich vor mich hin und verschrĂ€nke die Arme vor der Brust.

»Ach was«, lacht der neben mir Sitzende heiter. Ich verstehe ĂŒberhaupt nicht, warum er nicht ein kleines bisschen mĂŒde zu sein scheint, denn vermutlich ist draußen bereits die Sonne aufgegangen – was ich jedoch auch nicht mit Gewissheit sagen kann, denn weder kenne ich die Jahres- noch die Uhrzeit. »Das ist doch vollkommen normal. Gewöhnlich laufen die Aufnahme und das Einchecken in wenigen Sekunden ab. Plus ein paar Minuten fĂŒr den Gesundheitscheck. Aber wenn man nicht auf normalem Wege in das System eingespeist werden kann, dauert es eben eine Weile. Sie mĂŒssen die Daten auf unseren Chips erst noch auf einen Kay umschreiben, damit wir den Slot und die Schleusen verwenden können. Das ist ein vergleichsweise 
 komplexer Vorgang.«

»FĂŒr mich sieht das alles eher so aus, als wĂŒrden sie uns fĂŒr Terroristen halten.« Ich rapple mich stöhnend auf und die Schwebeschale kippt ein StĂŒck nach vorn, sodass ich sicher auf meinen mĂŒden FĂŒĂŸen lande.

»Es gab seit Jahrzehnten keine TerroranschlĂ€ge mehr. Die Überwachungen sind zu gut, alles wird simultan abgetastet, auf Besonderheiten untersucht und ausgewertet.«

»Und ihr könnt wirklich so leben?« Bis auf ein paar Sitzgelegenheiten verschiedener Art gibt es in dem Raum mit den rötlichen WĂ€nden und dem dunklen, weichen Untergrund nichts, deswegen gehe ich immer wieder einige Schritte auf und ab. Ich frage mich, woher das Licht wohl kommen mag, denn eine Lampe oder etwas Ähnliches scheint es nicht zu geben. Nur einige in die Wand eingelassene Spalten, die gleichzeitig kunstvolle Muster bilden und indirekt milde Helligkeit spenden. »FĂŒhlst du dich nicht beobachtet?«

»Nein, eigentlich nicht«, gĂ€hnt er, ich bin fast froh darĂŒber, dass er auch endlich ein Zeichen von MĂŒdigkeit zeigt. »Das irritiert dich nur, weil du es anders gewohnt bist.«

»Aber  «

»Am Ende«, fĂ€hrt er mir mit Nachdruck dazwischen und wieder mustern mich seine tĂŒrkisfarbenen Augen intensiv, nicht nur mein Gesicht, sondern meinen ganzen Körper. »Am Ende ist es doch so, dass Menschen Tiere sind. Und dass sie sich die Köpfe gegenseitig einschlagen, wenn niemand fĂŒr Ordnung sorgt. Ich finde es eher beĂ€ngstigend, wie chaotisch es bei euch ablĂ€uft. Hat man dort keine Angst, abends in leeren Straßen irgendwelchen komischen Typen zu begegnen?«

Ich zögere kurz und verschrÀnke abermals die Arme, als mir klar wird, worauf er hinaus will.

»Doch«, gestehe ich langsam, runzle jedoch noch immer die Stirn.

»Siehst du«, schlussfolgert er wie erwartet. »Lieber komplette Überwachung und dafĂŒr nicht die Gefahr, dass dir etwas geschieht, als PrivatsphĂ€re und lauter tote Winkel, in denen man dir Unbeschreibliches antun kann.«

»Hm«, mache ich, gehe noch ein paar letzte Schritte durch den Raum, bis die MĂŒdigkeit mich niederzwingt und ich mich wieder in die Schale neben ihm gleiten lasse. »Das kommt mir trotzdem nicht richtig vor.«

»Lern das alles erst mal kennen«, schlÀgt er ruhig vor und als ich ihn aus dem Augenwinkel beobachte, sehe ich, dass er die Lider geschlossen hat. »Vielleicht findest du es dann doch nicht so schlimm wie du gedacht hast.«

Abtrennung

Ich bin mehrere Male eingeschlafen und kann am Ende nicht sagen, ob Stunden oder nur Minuten vergangen sind, habe mein ZeitgefĂŒhl bereits vollkommen verloren. Uhren und Schmuck haben sie uns abgenommen, selbst die Implantate meines unfreiwilligen Begleiters wurden deaktiviert, und ich kann das GefĂŒhl nicht abschĂŒtteln, in einem Wartesaal fĂŒr ein Verhör zu sitzen. Vielleicht wollen sie uns weichklopfen und zermĂŒrben, bevor sie uns befragen. Aber ich muss schon im selben Moment ĂŒber diesen absurden Gedanken lĂ€cheln und begnĂŒge mich mit einem vernehmlichen Seufzen.

Ab und an hebe ich den Kopf, sehe auch Juan mit auf die Brust gesenktem Kinn neben mir sitzen und denke, dass sie uns wenigstens Zimmer mit Betten hĂ€tten geben können, wo wir hier vermutlich schon ĂŒber einen halben Tag sitzen, ohne auch nur zu wissen, ob es draußen hell oder dunkel ist.

Ich fĂŒhle mich immer unwohler in meiner Haut, eigenartig mĂŒde und schmutzig. Eigentlich möchte ich nicht mehr als eine Reinigungszelle und ein Bett. Oder was auch immer sie hier dazu sagen mögen.

»Weißt du, ob es hier Duschen gibt, die man benutzen kann?«, frage ich nach kurzem Überlegen und grummelnd erwacht der neben mir Sitzende aus seinem Halbschlaf.

»Duschen?«

»Ja. So Dinger, die man benutzt, um  «

»Ja, ja, ich weiß, was das ist.« Er setzt sich etwas aufrechter hin, fĂ€hrt sich mit den Fingerkuppen ĂŒber die Augenbrauen und scheint sich erst kurz sammeln zu mĂŒssen. »Die benutzen wir hier aber so gut wie gar nicht mehr. Das Bad mĂŒsste mit Ceant ausgestattet sein.« Auf meinen fragenden Blick hin fĂŒgt er an: »Wenn du es betrittst, werden die Schmutzpartikel von Haut, Haaren und Kleidung automatisch entfernt.«

Ich stutze, weil ich von so einer Technologie noch nie etwas gehört habe.
»Wie soll das denn funktionieren?«, will ich daher wissen, durchaus sehr interessiert an der Antwort.

»Wie funktioniert dein Gehirn?«

»Was?«

»Siehst du, davon hast du auch keine Ahnung und trotzdem kannst du dumme Fragen stellen.«

Ich hole Luft, um etwas Bissiges zu erwidern, beiße mir aber murrend auf die Lippen und versuche, durchzuatmen. Er ist genauso gereizt wie ich, sage ich mir. Und er hat allen Grund dazu, also provoziere ich ihn lieber nicht noch mehr.

Nachdem ich mich aus der Schwebeschale erhoben habe, gehe ich auf das TĂŒrfeld zu, das ich mit einem Knopfdruck auf die entsprechende SchaltflĂ€che löse. Ich trete hindurch, verriegele es wieder hinter mir und beobachte genau, wie es sich wieder blickdicht schattiert. Fast warte ich darauf, einen Hinweis darauf wahrzunehmen, dass die Reinigung meiner Haut begonnen hat, aber bis auf den angenehm blumigen Duft der Einrichtung fĂ€llt mir nichts auf, das als außergewöhnlich zu beschreiben wĂ€re.

Etwas unsicher trete ich auf den Spiegel zu, der die ganze gegenĂŒberliegende Wand einnimmt, und versuche, mein mĂŒdes Abbild mit den zottigen Haaren und den roten Augen zu ignorieren, bevor ich ihn nach Nachrichten und Informationen absuche, die normalerweise ĂŒber die OberflĂ€che flirren. Doch nichts tut sich, selbst als ich mit meinen Fingern ĂŒber das warme Material fahre, bleiben nur die Spuren meiner BerĂŒhrung zurĂŒck.

Sie haben uns tatsĂ€chlich von der Außenwelt abgeschnitten.

Etwas wirr – und vermutlich auch wegen der Langeweile, die mich noch mehr plagt als die MĂŒdigkeit – halte ich mich lange in dem kleinen Raum mit den angrenzenden SanitĂ€ranlagen auf, betĂ€tige jede SchaltflĂ€che, die ich finde, schaue mir die verschiedenen Licht-, GerĂ€usch- und WĂ€rmeoptionen an, die man innerhalb der Toilettenkabinen einstellen kann, wie ich sie noch nie gesehen habe, und reinige mir einige Male HĂ€nde und Gesicht, indem ich sie vor die an der Wand angebrachten Strahler halte, bis ich das warme, saubere GefĂŒhl auf meiner Haut spĂŒre und irgendwann zumindest halbwegs zufrieden und tatsĂ€chlich mit einem sehr reinlichen GefĂŒhl den Raum verlasse.

»Was hast du denn da drin getrieben?«, begrĂŒĂŸt mich Juan, der noch immer recht schlaff in seiner Sitzgelegenheit hĂ€ngt.

»Ich hab mich etwas umgesehen«, antworte ich wahrheitsgemĂ€ĂŸ und Ă€rgere mich ĂŒber sein anschließendes Lachen.

»Na, dann hattest du hoffentlich Spaß dabei«, grinst er und schĂŒttelt den Kopf.

Ich verdrehe die Augen entnervt und will mich gerade wieder setzen, als das zweite TĂŒrfeld, das es in diesem kleinen GefĂ€ngnis gibt, geöffnet wird und ein kleiner Mann eintritt, der uns mit einem breiten Grinsen und ohne Worte bedeutet, ihm zu folgen. Juan erhebt sich und wir beide schlurfen erleichtert hinter dem Schwarzhaarigen aus dem Raum und hinein in den Korridor, aus dem wir vorhin bereits gekommen sind. Auch hier finden sich die WĂ€nde in den warmen Farben, die durch kunstvoll verrankt angelegte Spalten und Fugen Licht spenden, das mich auf eine unbeschreibliche Art und Weise fasziniert. Die Felder zu unseren beiden Seiten sind in verschiedensten Farben schattiert und ab und zu, wenn eines von ihnen durchsichtig ist, dann verlangsame ich meinen Schritt und werfe Blicke hinein, zu den Menschen, die offenbar Besprechungen tĂ€tigen oder sich mit anderen Dingen und Technologien beschĂ€ftigen, die ich nicht kenne.

Ich fĂŒhle mich so rĂŒckstĂ€ndig, umzingelt von all dieser neuen Technik, die ich noch nie gesehen habe. Dabei haben meine Eltern so oft betont, was fĂŒr große Fortschritte auf Behryu bereits erzielt worden wĂ€ren und dass die Erde mit vielen der dortigen Erfindungen nicht mehr mithalten könnte. Ich jedoch habe einen ganz anderen Eindruck, empfand ich doch bereits den Springer, der mich herbrachte, als eine Hochburg der Ideen und Möglichkeiten.

»Wir entschuldigen uns abermals fĂŒr die Unannehmlichkeiten«, verkĂŒndet der Mann erst jetzt und bleibt so plötzlich stehen, dass Juan und ich fast in ihn hineingelaufen wĂ€ren. Schwungvoll dreht er sich einem der TĂŒrfelder zu, betĂ€tigt den Einlass und als es sich aufgelöst hat, treten wir in einen recht schummrigen Raum mit dunkelgrauen WĂ€nden und einem schwarzen, breiten Tisch in der Mitte, auf dem einige unverschlossene Dateien blinken.

»Da schließe ich mich an«, bestĂ€tigt eine Frauenstimme, die aus einer weiteren TĂŒr dringt, und schon als ich mich nach ihr umsehen möchte, kommt sie daraus hervor und drĂŒckt uns beiden bestimmt die Hand. Man hat mich darauf vorbereitet, dass dies die gĂ€ngige Art ist, hier jemanden zu begrĂŒĂŸen, aber trotzdem finde ich die Geste eigenartig. Es ist mir nicht geheuer, jemanden, den ich noch nie gesehen habe, sofort berĂŒhren zu mĂŒssen. Trotzdem ringe ich mir ein LĂ€cheln ab und folge den beiden etwas weiter in den Raum hinein, bis die Frau uns bedeutet, dass wir uns auf den Schalen vor dem Tisch niederlassen können.

Ich folge ihrer Bitte nur etwas widerwillig, weil ich nicht noch lĂ€nger sitzen und reden möchte – ich will endlich hinaus in die Welt, heim zu meinem Bruder. Irgendwohin, nur nicht noch lĂ€nger in dieser Zentrale festsitzen.

Mit einigen flinken Fingerbewegungen auf dem Tisch dreht sie das Licht etwas heller und ich kann das erste Mal ihre wirklichen ZĂŒge erkennen.

»Mein Name ist Andara«, stellt sich die Frau mittleren Alters vor, deren hellblau getönte Haare nicht recht zu ihrer braungebrannten Haut passen wollen. Zumindest aber die LachfĂ€ltchen um ihre Augen und Mundwinkel herum lassen sie wie eine recht freundliche und aufgeschlossene Person wirken. »Es hat zwar eine ganze Weile gedauert, die Genehmigungen und Unterlagen zu bekommen, aber am Ende hat alles funktioniert. Hier.« Sie schiebt uns zwei Dateien ĂŒber den Tisch zu, direkt an unsere PlĂ€tze.

Ich sehe etwas unsicher auf das Dokument hinab, schiele zu Juan hinĂŒber, der es kurz ĂŒberfliegt und dann den Zeige- und Mittelfinger beider HĂ€nde in vier kleine Kreise legt. Ein blaues Schimmern erscheint um sie herum und als er seine Finger wieder von dem unbekannten Material nimmt, zieht unser GegenĂŒber die Besiegelung wieder zu sich hinĂŒber und sieht mich dann auffordernd an. Sie nickt mir aufmunternd zu und ich versuche, es Juan gleichzutun.

Nachdem auch meine Vereinbarung, die ich nicht gelesen habe, unterzeichnet ist, klatscht die Verwalterin in die HĂ€nde und sieht uns abwechselnd an.

»Damit wĂ€re alles in die Wege geleitet. Ihr wurdet ja schon ĂŒber euren aktuellen Zustand belehrt, also verzichte ich an dieser Stelle einmal darauf, um euch nicht noch mehr Zeit zu stehlen. Im Nebenraum wird schnell noch die Routineuntersuchung gemacht – beim Rest der Besatzung wurden zwar keinerlei Krankheiten festgestellt, aber da mĂŒssen wir leider sehr grĂŒndlich sein. Danach bekommt ihr einige GegenstĂ€nde ausgehĂ€ndigt, die fĂŒr euren Aufenthalt auf der Erde wichtig sein werden, und ihr könnt zu euren Kontaktpersonen aufbrechen.« Sie wirft einen raschen Blick auf den Text vor sich, zieht ihre Fingerkuppen ĂŒber die Datei und eine Kopie erscheint im Raum zwischen ihren nun leicht schimmernden Fingern. »Wenn ich das richtig sehe, dann hast du deinen Bruder Lewin Isaac Diguo angegeben, richtig?«, fragt sie mich und ohne eine Antwort abzuwarten, fĂ€hrt sie fort. Ich fĂŒhle mich vermutlich auch zu ĂŒberrumpelt davon, sofort von ihr so vertraut angesprochen zu werden. »Er war vorhin bereits hier und wir haben ihn ĂŒber alles informiert. Ich werde ihn benachrichtigen, damit er dich abholen kann. Und bei dir  « Sie scrollt mit ihrem Zeigefinger durch das Dokument und schaut dann auf. »Keine Kontaktperson, Juan?«, möchte sie wissen und er lacht.

»Ich war lange genug Erdenbewohner, um allein nach Hause zu finden«, erklĂ€rt er in scherzendem Ton und die Frau nickt amĂŒsiert, dann schließt sie das Dokument mit einem Aneinanderlegen ihrer Finger und erhebt sich. »Dann wĂŒnsche ich euch einen angenehmen Aufenthalt.«

»Ach, den hatten wir ja auch bisher schon«, grinse ich ironisch und die beiden lachen, als wir aus dem Raum treten.

Abtrennung

Die eigentlich von mir befĂŒrchtete Gesundheitskontrolle stellt sich am Ende nicht als unangenehme Untersuchung, sondern lediglich als kurzer Scan heraus, bei dem wir einzeln durch eine schwarze Schleuse fahren und uns nicht bewegen dĂŒrfen. Als ich den dunklen Raum verlasse, bekomme ich von einer lĂ€chelnden Ärztin mit braunen Locken und weißem Kittel ein kleines Pad ĂŒberreicht. Sie erklĂ€rt in knappen Worten, dass ich es nicht verlieren darf, bis ich meinen IdentitĂ€tschip in zwei Wochen bekomme, weil es mich befĂ€higt, alle Schleusen innerhalb dieser Welt zu nutzen und in den Slot einzutreten.

»Außerdem«, erklĂ€rt sie und setzt sich langsam in Richtung des geöffneten Eingangs in Bewegung, der den Blick auf einen weiteren rötlichen Korridor freigibt, »wirst du es als Finanzmittel benutzen mĂŒssen. Dir wird in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden ein Pauschalbetrag ĂŒberwiesen. Mehr dazu erfĂ€hrst du dann von deinem Betreuer.« Wie auch der Saum ihrer Ärmel und ihres Kittels ist der sonst weiße Raum von einigen schwarzen und hell schimmernden Streifen durchzogen, durch die ich mich noch immer etwas paralysiert fĂŒhle.

»Ist gut«, bestĂ€tige ich und folge ihr auf den Gang. Abermals hĂ€lt sie mir ihre Hand hin und ich schĂŒttle sie etwas unsicher, lĂ€chle aber. Der Blick nach rechts zeigt mir, dass Juan bereits auf mich gewartet hat, und Stimmengewirr, das ich leise und dumpf aus dem Hintergrund höre, deutet darauf hin, dass wir uns nun in der NĂ€he der Empfangshalle befinden mĂŒssen. »Dann herzlich willkommen in unserer Welt«, verkĂŒndet die Frau und ein weiteres Mal lĂ€chle ich dankbar, umschließe das kleine, flache Pad in meiner Hand fest.

»Danke«, nicke ich und eile dann an die Seite des Möchtegern-KapitĂ€ns, der die Jacke seiner schwarzweißen Uniform inzwischen ausgezogen und locker ĂŒber den Arm gelegt hat. Zeitgleich setzt er sich mit mir in Bewegung, öffnet die oberen Knöpfe seines dunkelroten, kurzĂ€rmligen Hemdes und stĂ¶ĂŸt ein tiefes Seufzen aus.
»Endlich«, grummelt er.

Am Ende des langsam breiter werdenden Ganges sind Treppen und einige Menschen zu erkennen, die in eiligem Schritt durch mein Blickfeld huschen. Die GerĂ€usche unserer FĂŒĂŸe hallen an den WĂ€nden aus dem eigenartig unbekannten Material, das ich zu gern berĂŒhren wĂŒrde, nicht wider.

»Ist dir das schon einmal passiert?«, möchte ich wissen.

Er lacht zur Antwort trocken.

»Nein. Das war aber bisher auch mein erster wirklich langer Flug. Die anderen waren immer nur einen oder zwei SprĂŒnge lang. Und es sind keine VerrĂŒckten herumgelaufen, die ich hĂ€tte retten mĂŒssen.«

»Schieb es nicht auf mich. Wenn ihr nicht wollt, dass die Leute herumlaufen, dann sperrt eben die Felder ab«, grinse ich. Wir beide halten kurz inne, als wir auf einer Galerie ankommen, die ich staunend betrachte. Weiße WĂ€nde und GĂ€nge werden durch rötliches und gelbes Licht angewĂ€rmt, ĂŒberall tummeln sich Menschen vor GeschĂ€ften oder huschen ĂŒber die mehrstöckige Galerie, um ihren Flug zu bekommen.

An das GelĂ€nder tretend sehe ich tief hinab in eine großrĂ€umige Eingangshalle, in der Menschen stehend und sitzend warten, ihrerseits ihren Blick nach oben wendend, wo ein Geflecht aus weißen Röhren, die sich wie Äste ineinander verzweigen, den gesamten Raum erhellt.

Die GeschÀfte auf der anderen Seite sind so weit entfernt, dass ich die Aufschriften nicht lesen kann.

»Wow«, staune ich, wÀhrend Juan schon weiter gegangen ist, sich ungeduldig zu mir umdreht und mit seiner Hand winkt, damit ich ihm folge.

»Komm schon. Wir haben bereits genug Zeit vertrödelt.«

»Wie spÀt ist es denn?«, möchte ich wissen und sehe mich reflexartig nach einer Uhr um, die ich jedoch nirgends entdecke.

»Wir haben den ganzen Tag in dem muffigen Kabuff gehockt«, grummelt er und zieht demonstrativ sein Pad aus der Tasche, das eine Uhrzeit anzeigt, mit der ich im ersten Moment nicht viel anfangen kann. »Acht Uhr abends« erklÀrt er, als er meinen fragenden Blick sieht und ich ziehe skeptisch meine Brauen nach oben. So lange haben wir tatsÀchlich dort verbracht?

»Das ist 
 Ă€rgerlich«, runzle ich die Stirn und bin tatsĂ€chlich ungehaltener darĂŒber als erwartet, als mir klar wird, dass ich meinen ganzen ersten Tag auf diesem neuen Planeten im Hafen festsitzend verbracht habe.

»Nicht zu Àndern. Aber ich will hier keine Wurzeln schlagen«, seufzt er. »Und dein Bruder wartet sicher auch schon.«

»Hast du noch immer den Plan, mit uns essen zu gehen?«, frage ich, wÀhrend ich hinter ihm herlaufe und dann neben ihm auf einer runden FlÀche stehen bleibe, die als hellblauer Kreis mitten auf dem Boden eingezeichnet ist.

»NatĂŒrlich.« Er drĂŒckt mich ein StĂŒck enger an sich und noch bevor ich dieser ungewollten BerĂŒhrung entfliehen kann, sehe ich, wie er mit dem Daumen ĂŒber sein Pad streicht und ein kurzes Blitzen blendet meine Augen.

Als er mich loslĂ€sst, bringe ich sofort einigen Abstand zwischen uns und schaue mich um. Doch dann schĂŒttle ich verstĂ€ndnislos den Kopf.

»Das war gerade ĂŒbrigens deine erste Reise mit einer Schleuse«, verkĂŒndet er zwinkernd und noch immer irritiert sehe ich mich in der Eingangshalle um, in der wir uns nun befinden. Kein Schwindel und kein Schmerz, alles scheint noch an seiner Stelle zu sein. Etwas unsicher schaue ich an mir hinab, kann aber nichts Besonderes feststellen.

»Danke, dass du mir diese Erfahrung versĂŒĂŸt hast.« Ich funkle Juan schnippisch an, auch wenn mir eigentlich einige Fragen auf der Zunge brennen, die ich mir aus Stolz verkneife. »Aber es 
 ist auf jeden Fall angenehmer als das Springen.«

»WĂŒrde ich auch meinen. Ist ja auch nur ĂŒber vergleichsweise kurze Distanzen«, lacht er und scheint im selben Moment etwas hinter mir fixiert zu haben. Sein Blick wird weicher.

Ich drehe mich um, um ihm zu folgen und fast wie erwartet sehe ich dort Lewin, der eine Zeitungsdatei durch das Aneinanderreiben seiner Finger zum Verschwinden bringt, um dann seine Arme auszubreiten und die letzten Schritte zwischen uns zu ĂŒberwinden.

Mir bleibt die Luft weg, als er mich stĂŒrmisch umarmt und mir sein angenehm vertrauter Duft in die Nase steigt; und ich lache unterdrĂŒckt, nun so froh darĂŒber, ihn endlich wiederzusehen. Ich denke nicht, dass mir bis zu diesem Moment bewusst war, wie sehr ich ihn in all den letzten Jahren vermisst habe.

Mir einen Kuss auf beide Wangen drĂŒckend, löst er sich von mir, um seine HĂ€nde auf meine Schultern zu legen und mein Gesicht genau zu mustern.

»Schön, dich zu sehen«, lĂ€chelt er und ich stimme erleichtert und erfreut ein. Ich erinnere mich daran, in den letzten drei Jahren oft von ihm getrĂ€umt zu haben. Von seinem hellbraunen Haar, den grĂŒnlichen Augen mit dem goldenen Kranz in der Mitte. Und vor allem von seinem herzerweichenden LĂ€cheln, das einen all die Sorgen und Strapazen der letzten Stunden vergessen lĂ€sst.

»Es tut mir wirklich leid, dass es so lange gedauert hat, aber  «

»Ich weiß, mach dir keine Sorgen.« Er richtet sich auf und klopft mir vorsichtig auf den RĂŒcken, dann reicht er dem nĂ€her tretenden Juan zum Gruß die Hand. »Ich wurde ĂŒber alles informiert und auch sofort benachrichtigt, als eure ÜberprĂŒfung fertig war. Ich musste also nicht lange hier warten.« Er hebt seinen Blick und schaut uns beide nun etwas besorgt an. Ich fand schon immer, dass er etwas eigenartig VĂ€terliches an sich hat. Wie lange habe ich ihn schon nicht mehr gesehen? Seine Projektion vor drei Jahren, direkt vor unserem Abflug. Aber verlassen hatte er unseren Planeten schon zu Zeiten, an die ich mich kaum mehr erinnern kann – ich war höchstens vier Jahre alt. Und trotzdem fĂŒhlt sich die NĂ€he zu ihm so vertraut an. »Ich hoffe, es geht euch beiden gut?«, möchte er wissen und wir nicken und seufzen im Einklang.

»Ich bin aber wirklich dafĂŒr, dass wir etwas essen. Ich könnte einen BĂ€ren verdrĂŒcken.«

»Einen was?«, frage ich, doch die beiden lachen nur und mein Bruder schiebt mich durch die Halle. WĂ€hrend wir uns langsam fortbewegen, sehe ich mich weiter um, schaue immer wieder nach oben, wo das GeĂ€st aus weißen Lichtern zu einem Wald aus Helligkeit zu verschwimmen scheint. Sogar einige Fenster kann ich in allen Richtungen von hier aus sehen und wenige blinkende Lichter vor der Dunkelheit der Nacht hinter ihnen ausmachen.

»Ich habe eigentlich gar keinen Hunger«, stelle ich ĂŒberrascht fest. Abermals nickt Juan nur und erklĂ€rt, dass das an der letzten Injektion liegen wĂŒrde, die ich im Schlaf bekommen hĂ€tte.

»Diese kĂŒnstliche ErnĂ€hrung versorgt den Körper fĂŒr einige Tage. Du wirst nur langsam wieder anfangen können zu essen.«

»Oh«, mache ich interessiert und doch etwas abgelenkt von all den neuen EindrĂŒcken, von den Menschen in ihrer eigenartig kontrastreichen Kleidung und den teils leuchtenden SĂ€umen. Einige von ihnen grĂŒĂŸen Juan oder nicken ihm lĂ€chelnd zu, ohne jedoch das GesprĂ€ch mit ihm zu suchen. Vielleicht liegt es an seiner Uniform.

Am meisten jedoch verwundern mich all die GeschĂ€fte fĂŒr Kleidung, Schmuck und andere verschiedenste Dinge, die sich hier an den Seiten der Eingangshalle aneinander drĂŒcken. Ich dachte eigentlich, so etwas wĂŒrde es gar nicht mehr geben.

»Gehen wir ins DiActo?«, fragt Juan im Gehen und weist auf den Eingang eines GeschĂ€fts mit schwarz verdunkelten TĂŒrfeldern und kunterbunt flimmernder Reklame.

»Was?«, frage ich und lache, als ich den Namen des Restaurants sehe, so laut, dass er mich fragend anschaut. »DiActo?«

»Ja, warum?«, hakt er irritiert lĂ€chelnd nach, aber ich schĂŒttle nur den Kopf.

»Also ich weiß ja nicht, was du denkst, was das bedeutet«, meine ich und grinse Lewin an, der offenbar jedoch auch keine Ahnung mehr davon zu haben scheint. »Aber in meiner Muttersprache bedeutet das â€șEin brennendes Huhnâ€č«, erklĂ€re ich und die beiden fallen in mein Lachen ein.

»TatsÀchlich?«, will Juan wissen und ich nicke, wÀhrend wir uns auf den Laden zuschieben und mein Bruder das Feld antippt, um es zu öffnen. »Das wusste ich wirklich nicht.«

»Nein, das hab ich auch schon wieder vergessen«, bestĂ€tigt Lewin, als wir den Raum betreten, der in seinen dunkel gehaltenen Farben und dem schummrigen Licht eher aussieht wie eine Bar. »WĂŒrde mich mal interessieren, was das zu bedeuten hat«, ĂŒberlegt er, wĂ€hrend er mich etwas ungeduldig durch die GĂ€nge zwischen den Tischen schiebt und ich mich skeptisch umsehe. Nachdem wir an einer Wand mit irritierend echtem WasserplĂ€tschern vorĂŒbergegangen sind, treten wir jedoch durch ein weiteres Feld und in einen Raum hinein, in dem die Farben umgekehrt zu sein scheinen, denn alles ist hier ist – wie in der Eingangshalle – weiß und nur zart benetzt von farbigen Lichtern, die keine bestimmte Quelle zu haben scheinen, sodass der Raum trotzdem warm und gemĂŒtlich wirkt.

Die meisten Tische sind besetzt und ich sehe, dass einige der vielen Menschengruppen, die sich hier sammeln und unterhalten, von gerĂ€uschdĂ€mpfenden FĂ€chern umgeben sind. Man erkennt es nur an den unbestimmt schimmernden Kacheln, die wie kleine GlasflĂ€chen zu nur winzigen Verschiebungen in der Wahrnehmung fĂŒhren. Und am Ende ist der LĂ€rmpegel dadurch trotz der GrĂ¶ĂŸe des Raumes und der Masse an Personen, die sich in ihm befinden, nicht halb so hoch, wie man erwarten wĂŒrde.

Die Szenerie interessiert beobachtend folge ich Lewin und Juan, bis wir uns an den Tisch vor einem der großen Fenster setzen, die den Blick auf die Straße und viele Schleusen freigeben, auf denen im Sekundentakt Menschen verschwinden. Dahinter sehe ich eine Art schwebende Bahn, in die sich nur wenige Personen schieben, bevor sie dann fast geschmeidig weitergleitet.

Die ganze Szene verschwimmt in Regen und der surreal sauberen und plastischen Glattheit, die die makellosen Fassaden der GebÀude schaffen. Hunderte und Tausende bunt leuchtender Formen prangen an WÀnden, auf Strahlen und Gehwegen, als wÀre ihr einziges Ziel, die Dunkelheit mit Harmonie zu bekÀmpfen.

Es gibt keine Wassertropfen, die mir den Blick versperren, denn anders als auf meinem Heimatplaneten bestehen die Fenster, wie ich vermute, nicht aus Glas oder Kunststoff, sondern aus denselben abweisenden und doch immateriellen Kraftfeldern wie die TĂŒren.

»Beeindruckend«, murmle ich irgendwann und höre nur mit halbem Ohr, wie mein Bruder GetrĂ€nke und Essen fĂŒr mich mit aussucht und die Bestellung in den Verteiler eingibt, der in den Tisch eingelassen ist. Etwas gedankenverloren mustere ich die bunten Bilder und Schriften, die ĂŒber die OberflĂ€che gleiten und nicke wortlos vor mich hin.

Das hier soll also meine Welt werden.

Abtrennung

»Ich glaube, ich verstehe das noch immer nicht«, sage ich, als wir alle bereits mit dem Essen fertig sind und die beiden jungen MĂ€nner sich zurĂŒckgelehnt haben, um mich zu mustern. Ich trinke noch immer von dem rosafarbenen GetrĂ€nk, das mir ein wenig zu sĂŒĂŸ und gleichzeitig ein wenig zu wĂŒrzig ist, aber ich beschwere mich nicht darĂŒber. »Ihr könnt also auch im realen Leben noch Alkohol trinken.« Fasse ich die gerade gegebenen ErklĂ€rungen noch einmal mit unglĂ€ubigem Unterton zusammen.

»Ja. Auch wenn es nur noch wenige tun.«

»Und wenn man ihn im Kayslot trinkt, dann ist es dort, als  «

»Als hĂ€tte man in Wirklichkeit welchen getrunken, ja«, erklĂ€rt Juan ein weiteres Mal. Er nuschelt inzwischen etwas und man sieht ihm die MĂŒdigkeit an den tiefen Augenringen und der etwas blassen Farbe seiner Haut deutlich an. Ob ich auch so zerstört wirke?

»Aber wenn man den Slot verlÀsst, dann ist alles wieder normal?«

»Ja.«

»Und es ist nicht verboten, im Slot Drogen zu nehmen?«

Er lacht und schĂŒttelt dann den Kopf.

»Nein, nicht wirklich. Theoretisch ist es im Slot nicht einmal verboten, jemanden zu töten. Was allerdings auch nichts bringt, weil die Leiche sofort verschwindet und die lebende Person direkt daneben wieder auftaucht.«

»Frag nicht, woher er das weiĂŸÂ«, lacht mein Bruder trocken und verschrĂ€nkt die Arme.

»Ja, nein«, grinst Juan und zieht seine Augenbrauen hoch. »Es ist zwar nicht verboten, aber die sehen es nicht so gern. Nach fĂŒnf Kills innerhalb eines gewissen Zeitraums wirst du fĂŒr ein halbes Jahr gesperrt.« Er seufzt und macht ein schmatzendes GerĂ€usch mit der Zunge. Ich bin mir relativ sicher, dass er aus Erfahrung spricht. »Das ist echt hart«, bestĂ€tigt er meine Vermutung und ich lache.

»Wer bringt denn auch fĂŒnf Menschen um?«, frage ich irritiert und schĂŒttle meinen Kopf.

»Das war ein Unfall«, verteidigt er sich etwas kraftlos und setzt sich aufrechter hin.

»Ja«, bestĂ€tigt mein Bruder mit dĂŒsterem Blick und trotzdem noch leichter Belustigung in den Augen. »Da dachte er, er könne einen Oldtimer fahren, und hat uns alle mit ins Meer gerissen.«

»Sterben fĂŒhlt sich im Slot leider auch sehr echt an«, schließt Juan das Thema und obwohl die beiden lĂ€cheln, fĂŒhle ich mich etwas verstört durch diese Offenbarungen.

»Und was treibt man dort sonst so?«, möchte ich wissen und setze den breiten Strohhalm wieder an meine Lippen, um an meinem GetrÀnk zu nippen. »Ich meine, wenn man nicht gerade Drogen nimmt oder Menschen tötet?«

Und die beiden lachen laut, Juan lehnt sich nach vorn, um mit einigen Bewegungen seiner Finger ĂŒber die SchaltflĂ€che des Tisches in der GetrĂ€nkekarte zu stöbern.

»Man trifft sich mit Freunden und besucht andere Zeiten und Welten«, erklĂ€rt mein Bruder und bemĂŒht sich offenbar um Fassung. »Man kann sich auch zu Verhandlungen treffen oder einfach, um Spaß zu haben. Das  « Er macht eine kurze Pause, als wisse er nicht so recht, wie er fortfahren sollte. »Das ist ziemlich kompliziert, ich suche dir dazu mal ein paar Artikel heraus. Die Schleusen waren vor dem Slot da, deswegen sahen viele nicht gleich die Notwendigkeit, sich nur auf zweiter Ebene mit anderen Menschen zu treffen, wenn sie doch auch in real innerhalb von wenigen Augenblicken durch die ganze Welt reisen konnten. Aber das Gute am Slot ist, dass die RĂ€ume nie ĂŒberfĂŒllt sind, wenn man es nicht wĂŒnscht. Und dass man Orte aufsuchen kann, die es inzwischen vielleicht schon gar nicht mehr gibt. Oder noch nie gegeben hat.«

»Aha«, mache ich verstehend, auch wenn ich vor mir selbst gestehen muss, das Ganze noch immer nicht richtig begriffen zu haben; nicht in seiner Funktionsweise und KomplexitÀt.

»Außerdem hat man dort Sex«, ergĂ€nzt Juan, wĂ€hrend er noch immer etwas gelangweilt durch die GetrĂ€nkekarte scrollt.
»Was?«, frage ich nach und ungewollt schleicht sich das LÀcheln wieder auf meine Lippen, das er auffÀngt und erwidert, als er seinen Blick hebt. »Ihr tut es im Slot?«

»Wir tun alles im Slot. Und aus VerhĂŒtungszwecken ist das die beste Methode. Und die spannendste, denke ich.« Ich nicke interessiert, auch wenn ich es verwirrend finde, dass er mit diesem Thema so aus heiterem Himmel anfĂ€ngt, wĂ€hrend so viele Leute um uns herumsitzen. Bei mir daheim traut man sich kaum im Kreis der Familie ĂŒber so etwas zu sprechen.

»Interessant.«

»Wenn du willst, kann ich es dir nachher demonstrieren«, grinst er mich anzĂŒglich an und ich schaue erschrocken auf. »Du musst es nur sagen. Dann lasse ich den letzten Drink weg.«

»Du weißt schon, dass ich noch daneben sitze?«, meint mein Bruder plötzlich in recht harschem Tonfall, auch wenn sich auf seinem Gesicht zumindest ein wenig Belustigung unter die vermutlich sehr ernst gemeinte Warnung legt.

»Schon gut, schon gut«, grinst Juan noch immer und rĂŒckt demonstrativ ein StĂŒck von ihm weg. »Ich reiße mich zusammen.«

»Warum musstest du ihr auch auf dem Schiff begegnen?«, fragt Lewin in ĂŒbertrieben leidendem Tonfall und reibt sich die SchlĂ€fen. Ich beuge mich ein StĂŒck vor, um beruhigend seinen Arm zu tĂ€tscheln.

Abtrennung

Nachdem wir bezahlt und uns von Juan verabschiedet haben, machen Lewin und ich uns auf dem Weg durch die Stadt und den Regen. Er sagte, dass wir natĂŒrlich auch die Schleuse hĂ€tten benutzen können, aber er kennt mich einfach zu gut und weiß, dass ich nichts anderes möchte, als mich umsehen und kennenlernen, so mĂŒde ich auch sein mag.

Ich komme mir etwas vor wie in einer Spielzeugstadt, denn die Gehwege und die HĂ€user, die an ihnen hochragen, sind nicht etwa aus Stein oder anderen mir bekannten Materialien, sondern aus einer stabilen und unterschiedlich farbigen Art von Kunststoff, wie es scheint. Es gibt keine harten Kanten, denn alle Ecken sind abgerundet, sogar der Übergang von Weg zu Haus scheint fließend zu sein. Poröses, plastikartiges Material und matt schimmernde, milchige FlĂ€chen wechseln sich ab. WĂ€hrend wir langsam durch die Stadt streifen, berĂŒhre ich alles in Reichweite meiner Finger, um all die EindrĂŒcke in mich aufzunehmen. Einige FlĂ€chen leuchten verspielt in kunterbunten Farben, wenn man sie streift oder einen Fuß auf sie setzt, und so tĂ€nzle ich durch die Gegend, erfreue mich an dieser Magie, die ich nicht erwartet hatte.

Die HochhÀuser zu beiden Seiten gehen nicht steil in die Höhe, sondern bilden viele verwinkelte Terrassen, sogar GÀrten, die man von hier unten aus nur durch die Lichter geöffneter Fenster erahnen kann. Wie das alles wohl bei Tage aussieht? Ich kann es gar nicht erwarten, alles genauer anzuschauen, jeden Winkel dieser fremden Welt zu erkunden.

Eine ganze Weile lang ist mir ĂŒberhaupt nicht klar, wie weit wir uns ĂŒber dem eigentlichen Erdboden befinden, bis wir an einer Baustelle vorbei kommen und ich sicherlich gut zwei bis drei Kilometer auf einen weiteren Block mit HĂ€usern hinabblicken kann, die im Schatten der Plattform liegen, auf der wir uns befinden. Lewin hat erklĂ€rt, dass Magadan bisher die einzige Stadt ist, die aus drei ĂŒbereinanderliegenden Ebenen aufgebaut ist.

»Die Bauweise der meisten anderen StĂ€dte ist Ă€hnlich, weil es unten nicht wirklich mehr Platz gibt, in den man hineinbauen könnte. Nur das Meer, aber dagegen sprechen viele Dinge. Deswegen wird nach oben gebaut. Und Magadan ist eine der modernsten und fortschrittlichsten StĂ€dte weltweit.« Er weist mit dem Finger den Weg entlang nach vorn, wo er irgendwann in einem Wirbel aus SchwĂ€rze und Lichtern verschwimmt. »Wenn man immer weiter geradeaus geht, dann kann man am Ende der Stadt das Meer sehen. Ein wundervoller Anblick von hier oben, dort mĂŒssen wir auf jeden Fall hin.«

»Ja, ist gut«, sage ich aufgeregt nickend und versuche, mir all die Dinge zu merken, die er mir noch unbedingt zeigen möchte.

»Tut mir leid, ich nerve sicher.« Er schiebt seine HĂ€nde in die Hosentaschen. Trotz des Regens ist es ĂŒberraschenderweise nicht kalt in der Stadt.

Ich hake meinen Arm unter seinen und schĂŒttle den Kopf.

»Nein, ich bin nur mĂŒde. Tut mir leid, morgen steckt mich die Begeisterung bestimmt wieder mehr an.«

»Damit kannst du dir ja eigentlich auch Zeit lassen«, meint er und ich fĂŒhle mich so unglaublich wohl dabei, mit ihm durch diese fremde Stadt zu gehen. Nur ab und an begegnen uns Menschen, die immer freundlich grĂŒĂŸen, selbst von der anderen Seite der recht schmalen Straße aus, auf der nur ab und an die Bahn lautlos an uns vorbeigleitet.

»Morgen muss ich auf jeden Fall nach Magadan Porheth III, und 
 zu irgendeiner Straße.« Ich hatte eigentlich gehofft, mir die Adresse merken zu können, aber hier hat alles so unglaublich viele ZusĂ€tze. »Da kannst du mich doch hinbringen, oder?«

»Klar. Das ist die Kayslotzentrale, oder?«

»Ja. Ich muss noch einen Termin fĂŒr den Verkauf vereinbaren.«

»Danach nehme ich dich mit an die Uni und wir machen uns einen schönen Tag, ja?«

»Klingt spannend«, bestĂ€tige ich und spĂŒre, wie die Wassertropfen, die auf meine Haut perlen, langsam weniger werden. »Es hört auf zu regnen«, sage ich fast etwas wehleidig. Ich liebe den Regen, denn dort, wo ich herkomme, gibt es das ganze Jahr nichts als Schnee.

»Vielleicht schirmen sie ihn auch ab. Sie lassen pro Tag nur eine bestimmte Menge durch, damit die Straßen nicht ĂŒberschwemmen.«

»Warum blockieren sie ihn nicht ganz?«

»Unökonomisch. Viel von dem Wasser wird auch direkt von hier oben aus verarbeitet und versorgt die unteren Ebenen. Außerdem ist es gut, um den Staub aus den Gassen zu spĂŒlen«, lacht er und ich nicke zustimmend.

»Ja, das kann ich mir vorstellen.«

Am Fuße des Hochhauses, in dem Lewin und ich untergekommen sind, ist ein blauer Kreis, den ich schon von weitem als eine der Schleusen erkenne. Sein Außenrand schimmert in weißem Licht und mein Bruder bleibt mit mir gemeinsam davor stehen.

»Also, wenn du deinen IdentitĂ€tschip in einigen Wochen bekommst, dann funktioniert das noch mal etwas anders. Aber ich zeige dir mal mit dem Pad, wie du das Ding benutzt, in Ordnung?«, fragt er und ich denke einen Moment darĂŒber nach, ihn zu bitten, damit noch bis morgen zu warten, weil ich so mĂŒde bin, dass ich nicht glaube, noch irgendeine Art von Informationen in meinen Kopf quetschen zu können. Doch stattdessen nicke ich und ziehe die kleine Scheibe aus meiner Tasche.

»Gut, also auf den Toren sind immer Markierungen, die dir zeigen, wohin sie fĂŒhren. Es gibt diese blauen Schleusen vor GebĂ€uden. Sie sind immer mit nur einer einzigen anderen Schleuse innerhalb des Hauses verbunden, sozusagen also zusammengehörende Paare. Diese hier fĂŒhrt zum Beispiel nur in das 128. Stockwerk. Das bedeutet die Zahl darauf. Die dort hinter dir«, er weist auf eine Reihe anderer Tore, »fĂŒhren in die anderen Stockwerke.« Er schiebt mich vorsichtig auf die kreisförmige Platte und zeigt dann mit seinem Finger auf mein Pad. »Jetzt musst du nur noch mit dem Daumen darĂŒber fahren und es weiß, was du meinst. Versuch es.«

Ich nicke, schaue noch einmal prĂŒfend zu meinen FĂŒĂŸen hinab, dann tue ich wie geheißen. Wie auch vorhin nimmt mir nur das weiße Aufblitzen fĂŒr einen Moment die Sicht, dann finde ich mich bereits in einem warmen Gang wieder, der mit einem weichen Teppich ausgelegt ist und dessen einzige Lichtquelle die Lampen der Stadt sind, die von unten herauf durch das Fenster leuchten. Etwas andĂ€chtig gehe ich auf die breite Fensterfront am Ende des Flurs zu, um hinabzusehen, auf all die HĂ€user, die sich vor meinem Blick erstrecken, der durch nichts versperrt wird. Wir scheinen uns in einem der höchsten GebĂ€ude der Stadt zu befinden. Und tatsĂ€chlich sehe ich so viel Leben auf den Wegen, so viele Menschen, deren Stimmen nicht zu mir herauf dringen und die doch glĂŒckliche EindrĂŒcke machen, wie sie so tief unter uns durch die Straßen tanzen.

Ich denke, dass ich mich in der Mitte der Welt befinde. Diese Mitte, um die sich alles dreht – und ich kann den Dingen dabei zusehen, wie sie ihren Lauf nehmen, hier am Quell des neuen Lebens.

»Komm«, fordert mich mein Bruder auf, seine Stimme so plötzlich neben mir, dass ich zusammenzucke. Er reibt seine Hand ĂŒber ein TĂŒrfeld an der Wand und es gleitet zur Seite auf, sodass wir hineintreten können.

Nur unter Anstrengung reiße ich mich vom Anblick des Schimmerns und Flirrens unter mir los, um ihm zu folgen.

Abtrennung

Eng betrachtet sind TrĂ€ume – ob im wachen oder schlafenden Zustand wahrgenommen – das, was unsere Welt und unser Leben anreichert und individualisiert. Durch sie definieren wir uns, durch sie erfahren wir uns immer wieder neu, bis wir Entwicklungen vollzogen haben, die wir selbst nicht sehen.

Der Traum der letzten Nacht war eigenartig und gleichzeitig sowohl inspirierend als auch verstörend. Doch bereits, als der Schlaf aus meinen Gedanken schwindet und ich vorsichtig das in den Raum dringende Morgenlicht wahrnehme, kann ich mich nicht mehr an ihn erinnern und versuche stattdessen, das Jetzt in eine Schublade zu stecken.

Wo bin ich?

Es dauert verblĂŒffend lange, bis ich aus den Konturen des Raumes ein stimmiges Bild geschaffen habe und realisiere, wo ich mich befinde; erkenne, dass nicht alles bisher Erlebte auch in die Traumwelt abzuschieben ist, der ich gerade erst entstiegen bin. Dass ich tatsĂ€chlich angekommen bin, auf der Erde. Ich kann es noch immer nicht fassen – jetzt noch weniger als gestern.

Ich erinnere mich, wie mich mein Bruder in das GĂ€stezimmer gelotst hat, das er fĂŒr mich hat einrichten lassen, ich jedoch zu mĂŒde war, um mich auch nur halb umzusehen. Wie er mir die Koffer hineingeschoben und mich dann alleingelassen hat, damit ich rasch meine Kleidung abstreifen, mein weites Nachthemd ĂŒberziehen und mich in das Bett fallen lassen konnte. Ich weiß noch, wie fremdartig es mir vorgekommen war, auf der Matratze zu liegen, die sich so genau an meine Körperformen anpasst, dass ich anfangs gar nicht wusste, wie ich liegen sollte; wie ich zu den an der schwarzen Decke angebrachten Punkte hinaufblinzelte wie zu den Sternen, die ĂŒber mir wachten; und wie eigenartig ich es fand – und noch immer finde – dass die Unterlage in Kombination mit der weichen Decke irgendwie dafĂŒr zu sorgen scheint, dass die Haut gereinigt wird wie bei einer Dusche. Nicht, dass ich die Strahler, die ich bisher kennengelernt habe und die anstelle von Wasser zur SĂ€uberung verwendet werden, schon eigenartig genug fand. Dies jedoch entzieht sich vollends meinem VerstĂ€ndnis.

Und doch: Nun, als ich die Augen aufgeschlagen habe und trĂ€umend an die noch immer leuchtenden Sternenhimmelpunkte schaue, fĂŒhle ich mich frisch und sauber, als wĂ€re im Schlaf alles von mir abgewaschen worden, das mir gestern noch ein unangenehmes GefĂŒhl bereitet hat.

»Das spart Zeit«, hat Lewin gelacht und angefĂŒgt, dass man genau aus diesem Grunde inzwischen eigentlich nur noch nackt schlĂ€ft. Da mir dieser Umstand jedoch noch nicht ganz geheuer ist, werde ich mich wohl nur langsam darauf einzustellen versuchen und mich bis dahin noch wie gewohnt mit Kleidung bedecken.

Ich atme die frĂŒhlingshaften, aber unaufdringlichen GerĂŒche des Bettes und des Raumes um mich ein, bevor ich mich aufrichte, um mich umzuschauen. Meine Augen brennen noch immer vor MĂŒdigkeit, doch Aufregung und Wissensdrang haben mich bereits wieder vereinnahmt und ich kann nicht anders, als alles, was ich sehe, höre, spĂŒre und rieche in mich aufzunehmen, als hĂ€tte ich in meinem Leben zuvor noch nie etwas wahrgenommen und mĂŒsse meinen leeren Kopf nun mit Bildern und EindrĂŒcken fĂŒllen.

Mein Bett steht direkt vor der breiten Fensterfront, die die gesamte rechte Wand meines Zimmers einnimmt und fĂŒr einen kleinen Moment fĂŒhle ich mich seltsam bloßgestellt – bis mir wieder einfĂ€llt, dass die Fenster nur Felder sind, die von außen schattiert wurden, damit niemand hineinsehen kann. Die interessante KĂŒnstlichkeit der Stadt, die ich in den Nachtstunden bemerkt hatte, sticht mir nun nicht mehr so sehr ins Auge. Zwar sind noch immer weiße Fassaden zu sehen, die ĂŒberall von bunter Verspieltheit durchbrochen werden und die GebĂ€ude vor allem aus dieser Entfernung wirken lassen, als stammten sie aus einem Kinderspielhaus, trotzdem jedoch lĂ€sst die BerĂŒhrung der Strahlen der noch morgendlich kalten Wintersonne alles natĂŒrlicher und fester wirken. Nun sehe ich, wie BĂ€ume zwischen all den verschieden großen HĂ€usern aufragen und lebendige Tupfer in die sonst so sterile Umgebung der Terrassen und Gartenlagen auf den HausdĂ€chern sĂ€en, auch wenn viele von ihnen noch kahl von den nur langsam vergehenden Regenmonaten sind.

Einen richtigen Winter mit Schnee gab es auf der Erde schon seit hundert Jahren nicht mehr, hat man uns damals im Unterricht beigebracht, und ich habe Angst, ihn vielleicht irgendwann zu sehr zu vermissen. Der Gedanke daran, die Jahreszeit, die auf meinem Planeten alltĂ€glich herrschte, nie wieder erleben zu dĂŒrfen, pflanzt mir Zweifel in den Kopf. Gleichfalls erinnere ich mich an den Slot und die Möglichkeit, vielleicht selbst Wintertage erschaffen oder mich auf Behryu zurĂŒcktrĂ€umen zu können, und das macht mir Mut.

Ich recke meinen Kopf und sehe Menschen geschĂ€ftig durch die Straßen eilen. Ich sehe sie auf ihren Balkonen frĂŒhstĂŒcken und entspannen, und ich sehe Vögel ĂŒber der Szenerie fliegen, Pools und Blumenbeete auf DĂ€chern und ĂŒber allem und doch gar nicht weit entfernt die Wolken, die ab und an das Licht dimmen und alles etwas grĂ€ulich und doch nicht trist wirken lassen.

Erst als ich mich an der Welt vor dem Fenster satt gesehen habe, strecke ich meine Finger aus, um die lauwarme OberflĂ€che des Feldes zu berĂŒhren und die Informationen zu studieren, die es mir daraufhin in dunklen Buchstaben zeigt.

Datum: 23. Januar 2639
Uhrzeit: 07:59
Wetterlage: Leicht bewölkt bei 19°C
Regenwahrscheinlichkeit: 68 %

Ich scrolle die Tagesnachrichten mit einigen Fingerbewegungen fort, lese Namen, die ich nicht kenne, Nachrichten, die ich nicht verstehe, bis ich zum letzten Punkt komme und unerwarteterweise eine Nachricht von Lewin fĂŒr mich aufleuchtet.

Nachrichten: Hey Mara, ich hoffe, du hast gut geschlafen und bist bereit fĂŒr den heutigen Tag. Beeil dich nicht mit dem Aufstehen, ich bin noch bis 09:00 bei einer Freundin, um etwas zu besprechen. Mach dir schon einmal FrĂŒhstĂŒck, wenn du Hunger hast. Wir können dann ja noch einmal gemeinsam eine Kleinigkeit essen, wenn ich wieder da bin. Lewin.

»Bei einer Freundin, um etwas zu besprechen«, murmle ich und spĂŒre, wie meine ZĂŒge sich zu einem LĂ€cheln verformen, ohne dass ich es beeinflussen kann. »Genau  « Und mir fĂ€llt, noch bevor ich meinen Blick der Stadt entziehen und in meinen Raum schwenken kann, auf, dass ich so gut wie gar nichts ĂŒber das Leben meines Bruders weiß, auch wenn ich zumindest ĂŒber die Fernkommunikation oft mit ihm gesprochen habe. Eigentlich kenne ich ihn nicht, weiß kaum, was ihn bewegt und was ihn ausmacht. Das macht mir ein schlechtes Gewissen, denn wie es sich anfĂŒhlt, weiß er einfach alles ĂŒber mich.

Wie er gestern fast etwas beschĂ€mt gemurmelt hat, ist das Zimmer tatsĂ€chlich noch etwas karg eingerichtet, denn bis auf die verschlungenen Muster an der tĂŒrkisfarbenen Wand, die ich als ausgestellte Lichtquellen erkenne, und einige farblich dazu passende EinrichtungsgegenstĂ€nde ist er noch leer. Ich freue mich ĂŒber diesen Umstand aber eher, als dass er mich enttĂ€uscht, weil ich mir vorstellen kann, Spaß daran zu finden, alles nach meinem Geschmack und meinen Ideen gestalten zu können.

Und von diesem vorzeitigen Tatendrang gepackt, streife ich meine Decke ab, um sie lieblos am Fußende zusammenzufalten und dann aus dem Bett zu schlĂŒpfen.

Der helle Teppich ist ganz warm und meine nackten FĂŒĂŸe frieren nicht, wĂ€hrend ich zu einem meiner Koffer husche und meinen Morgenmantel aus einer unordentlichen Ansammlung verschiedener KleidungsstĂŒcke suche. Eigentlich ist es so warm, dass ich ihn nicht brauchen wĂŒrde, aber ohne ihn fĂŒhle ich mich allein in meinem Hemd so unbekleidet. Noch als ich ihn mir ĂŒber die Arme streife, denke ich darĂŒber nach, wie mir jemand an Bord des Schiffes versucht hat klarzumachen, dass die Gesellschaft hier um einiges offener mit diversen Themen umgeht, die fĂŒr mich und Menschen meiner Kultur schon immer heikel waren. TatsĂ€chlich hat meine Mutter mir oft genug VortrĂ€ge darĂŒber gehalten, wie provokant es wĂ€re, so knapp bekleidet wie ich herumzulaufen und so offen mit Fremden zu sprechen. Ich frage mich, wie sie sich verhalten wĂŒrde, wenn man sie in diese Welt hier fallen ließe, die selbst ich schon irritierend freizĂŒgig finde.

»Hm«, mache ich noch immer mit einem fröhlichen Zug um den Mund, als ich in den Hauptraum der Wohnung trete – das Wohnzimmer. Auch hier besteht eine der grĂ¶ĂŸeren WĂ€nde nur aus einem Fenster. Ich fĂŒhle mich hier weniger in einem Raum als in einer ĂŒberdachten Terrasse, so weitlĂ€ufig ist der Blick in alle Richtungen.

Alles ist in Weiß gehalten, kombiniert mit orangefarbenen Akzenten, die ungewöhnlich gut zu meinem Bruder passen, auch wenn ich nicht genau begrĂŒnden kann, warum ich diesen Eindruck habe. Als ich tiefer in den Raum trete, beginnen auch die gleichfarbigen LĂ€mpchen in den Ecken mit ihrem unscheinbaren Leuchten das Licht der einfallenden Morgensonne zu ergĂ€nzen, und ich streiche mit den Fingern ĂŒber den weichen, glatten Stoff der Sitzgruppe, die das Zentrum des Raumes darstellt.

Die Stille ist etwas drĂŒckend, aber ich finde nirgends etwas, das ich als Musikanlage oder FernsehgerĂ€t identifizieren könnte, deswegen versuche ich die Ruhe mit leisem Summen zu vertreiben, wĂ€hrend ich mich weiter ĂŒberall umschaue. Vermutlich ist diese Wohnung grĂ¶ĂŸer als unser gesamtes Haus daheim.

Das Badezimmer ist recht weitrĂ€umig und vollgestellt mit den Sachen meines Bruders. Ich ĂŒberlege bereits, wo ich wohl mit all meinen Sachen unterkommen soll, als ich direkt daneben ein Ă€hnlich großes Badezimmer entdecke, das noch vollkommen unbenutzt scheint und zu meiner Überraschung und trotz der eigentlich fehlenden Notwendigkeit eine Badewanne besitzt.

Alles ist anders, als ich es kenne; die KĂŒche eher ein gewöhnlicher Raum mit Schwebeschalen und einem Tisch. Das einzige, das sie vom Rest der Wohnung unterscheidet, ist die leuchtend blau-weiße Pilouzelle, in der ich mir einen Kaffee und ein altbekanntes FrĂŒhstĂŒck aus Eiern und Speck bestelle, das innerhalb von fĂŒnf Minuten fertig ist. Es schmeckt ĂŒberzeugend, auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass ich etwas anderes esse als diverse kĂŒnstlich zubereitete Fertigprodukte.

Abtrennung

Als mein Bruder heimkommt, bin ich bereits in meine fĂŒr hiesige VerhĂ€ltnisse fremdartige Kleidung gehĂŒllt und zurechtgemacht, bereit fĂŒr alles, was er mir auch zeigen möchte. Noch immer damit beschĂ€ftigt, eine Musikanlage zu finden, schaue ich auf und grĂŒĂŸe ihn mit einem »Guten Morgen«. Er strahlt ĂŒber das ganze Gesicht, als er mich sieht.

»Ah, schon munter?«

»Ja, schon eine ganze Weile«, klĂ€re ich ihn auf und mustere den Beutel, den er auf den Tisch stellt, interessiert. »Ich hab schon ein wenig gegessen, ich hoffe  «

»NatĂŒrlich, das hatte ich ja geschrieben«, lĂ€chelt er und setzt sich auf die Couch in der Mitte, wĂ€hrend ich mich gleichzeitig auf dem Sessel ihm gegenĂŒber niederlasse und die TĂŒte entgegennehme, die er mir herĂŒber schiebt. »Das sind ein paar Sachen, die du vielleicht gebrauchen kannst. Eine Handtasche, eine Uhr und ein Dect, damit du mich auch erreichen kannst, falls etwas sein sollte. Kommunikation kann dein Pad zwar auch, aber 
 na ja, das ist eher primitiv.«

Ich mustere die vertraut wirkenden GegenstÀnde einen nach dem anderen und lege dann die winzige Scheibe mit der Uhrzeit an meinen linken Unterarm, wo sie sich perfekt passend mit einem kaum sichtbaren Band befestigt, sodass am Ende nur die Zahlen auf meiner Haut zu sehen sind.

Ich bedanke mich immer wieder begeistert, wÀhrend ich nach und nach alles aus dem Beutel ziehe und direkt in der kleinen, kunterbunten Tasche verstaue.

»Das war es also, was du gerade getrieben hast?«, möchte ich wissen und er nickt, beobachtet mich offenbar sehr zufrieden mit sich selbst. »Und ich dachte, du wĂ€rst bei deiner Freundin 
 oder so etwas.«

»Oh nein, ich hab zurzeit keine«, erklĂ€rt er offen heraus, aber ich sehe etwas in seinen Augen blitzen, das ihn LĂŒgen straft.

»Aber jemanden in Aussicht?«, hake ich interessiert nach, doch er weist mich mit einem breiten Grinsen ab, als er sich ganz eindeutig ertappt fĂŒhlt.

»DarĂŒber spreche ich nicht.«

»Wie du willst. Ich habe nun ja auch mehr als genug Zeit, um das in Erfahrung zu bringen«, stelle ich fest und mein Bruder zieht die Augenbrauen in die Höhe, bevor er lacht.

»Ach ja. Ich hatte fast vergessen, wie neugierig du manchmal bist.«

»Eigentlich immer.«

»Ja, eigentlich immer«, stimmt er mir zu und fĂ€hrt sich mit der Zunge ĂŒber seine Lippen, bevor er eine Pause einschlĂ€gt, um dann mit der Tagesplanung zu beginnen. »Gut, ich schlage vor, wir essen in Ruhe, dann schauen wir in der Zentrale vorbei, um deine Termine zu regeln, und dann sehen wir mal in der Uni vorbei, ich muss dort noch etwas abholen. Und vielleicht finden wir ja auch ein paar Kurse, die dich interessieren. HĂ€ttest du daran Interesse?«

»Klar«, meine ich und er scheint erfreut darĂŒber zu sein.

»Mal sehen, was wir dann tun.« Etwas nachdenkend mustert er mich und lacht dann wieder. »Wenn wir heute Abend dann wieder hier sind, werden wir dir auf jeden Fall neue Kleidung kaufen mĂŒssen. So kann ich dich nicht herumlaufen lassen.« Ich sehe an mir hinab und kann eigentlich nichts Schlimmes an der Kombination aus meiner schwarzen Hose und dem gewöhnlichen, grauen Shirt finden, ĂŒber das ich eine weiße Strickjacke gestreift habe.

»Danke fĂŒr das Kompliment«, lĂ€chle ich deswegen ironisch und mein GegenĂŒber nickt nur wohlwollend.

»DafĂŒr bin ich ja hier.«

Abtrennung

Die Erde als Heimat der Menschheit und als Ursprung der Besiedlung des Weltalls ist mir bereits in der Schule als ein Heiligtum vermittelt worden, auch wenn ich selbst eigentlich nie das BedĂŒrfnis hatte, hier zu leben. Das hat niemand, den ich kenne, denn so groß und mĂ€chtig dieser Quell aller Zivilisation auch sein mag, er ist verstĂ€dtert bis oben hin, nicht mehr in der Lage, ohne die Technologie zu leben, die ihn zusammenhĂ€lt.

Die Besiedlung anderer Planeten begann schon vor Jahrhunderten, gleichzeitig mit der Erfindung der Cogg-Reaktoren und der Springer, die es ermöglichten, unermessliche Strecken innerhalb des Weltraums innerhalb kĂŒrzester Zeit zurĂŒckzulegen. Jeder erdfern Geborene wuchs dabei – wie ich – in der Natur neuer Welten auf, in der schieren Unendlichkeit von Planeten, die großflĂ€chig unbesiedelt waren, auf denen neue Kulturen, neue Sitten und neue Technologien entstanden. FĂŒr Menschen wie mich ist die Erde nur ein entfernter Mythos, eine Geschichte, die man sich voller Ehrfurcht und Skepsis erzĂ€hlt.

Ein Ort, an dem es kein StĂŒck Land gibt, das nicht von HĂ€usern oder Beton bedeckt wĂ€re. Ein Ort, an dem Technologie den Alltag und das Wetter regelt, an dem man nur die Augen schließen muss, um eine andere Person in einer anderen Welt zu sein und an dem es keine Regeln und keine Grenzen mehr gibt. Eine Welt, die von einer Maschine gesteuert wird, die alle nur den Komplex nennen, der alle Bilder, alle Programme, alle Gedanken und GefĂŒhle gleichzeitig ĂŒberwacht und Maßnahmen zur Schlichtung von Problemen einleitet, bevor diese noch entstanden sind.

Überwachungsstaat und Verlust der PrivatsphĂ€re haben wir gemurmelt und das alles ist wahr, nichts davon nur Hirngespinste oder LĂŒgen. Und doch fĂŒhlt es sich nicht so an, nun, da ich hier bin.

Mein Bruder und ich schlendern durch die schmalen Straßen der oberen Ebene und ich fĂŒhle mich frei. Ich lĂ€chle entgegenkommenden Menschen breit zu, betrachte die schimmernden Wesen fasziniert, die sie wie Haustiere begleiten, und glaube, dass ich in einer glĂŒcklichen Welt gelandet bin. Ob echt oder nicht, BĂ€ume sĂ€umen unseren Weg und bringen NatĂŒrlichkeit in die verspielte Plastikwelt, in der wir uns bewegen. Jeder unserer Schritte auf dem Kunststoff-Pflaster des Gehweges erzeugt bunte Muster, Wirbel und Formen auf der milchigen OberflĂ€che, als hĂ€tte man versucht, das Fehlen von echter Natur durch Zaubereien zu ersetzen, die die Sinne bezirzen. Und das gelingt ihnen. Das gelingt ihnen so gut, dass es mir fast Angst macht.

Ich höre Vogelzwitschern und atme den frischen Morgenwind ein, der Meeresduft mit sich trĂ€gt, wĂ€hrend ich meine dĂŒnne Jacke abstreife.

»Ist das nicht ein bisschen kĂŒhl?«, fragt mein Bruder nach und schaut mein Shirt mit belustigten Blicken an, aber ich kann ihm nur ein Lachen entgegnen.

»Die Jahresdurchschnittstemperatur auf Behryu liegt bei -20°C. Ich schwitze.«

»Dann will ich sehen, wie du erst den Sommer ĂŒberleben wirst«, amĂŒsiert er sich ĂŒber die Vorstellung, der ich fast schon mit Grauen entgegenblicke. Trotzdem kann mich an diesem Morgen, an diesem ersten Tag in meiner neuen Welt, nichts schockieren.

Pastellfarben zeichnen sich am Himmel ab und das Licht der Sonne fĂ€llt nur gemĂ€chlich zwischen den hohen HĂ€usern ein. Obwohl es warm ist, sieht man der Sonne ihre Winterlichkeit an, denke ich. Sie steht noch recht tief fĂŒr diese Uhrzeit, hat einen kĂŒhlen Schleier vor ihrem weißlichen Antlitz, das den Himmel in wundersame Farben hĂŒllt. Ich habe in meiner Vorbereitung auf die Erde so viel ĂŒber diese fremde Sonne gelernt, dass sie mir fast vertraut vorkommt.

»Es sind verblĂŒffend viele Menschen unterwegs«, stelle ich fest, als wir an einer Haltestelle vorbeikommen und einige Personen in die lautlos schwebende Bahn eintreten, bevor diese wie eine Schlange auf der schmalen Straße entlang weitergleitet.

»Ja, bei vielen wird Bewegung in der echten Welt großgeschrieben«, erklĂ€rt mein Bruder sofort. »Du bist nicht die Einzige, die diesen Drang auch ab und an mal hat.«

»Hm, ich wĂŒsste nicht, ob ich ihn hĂ€tte, wenn ich hier immer leben wĂŒrde.«

»Doch, doch, ganz sicher. Ich gehe auch immer zu Fuß zur Uni, das ist ein schöner Weg.« Er schaut zu den Wirbeln und Kringeln, die unsere FĂŒĂŸe erzeugen und ich frage mich wirklich, wie genau das wohl funktionieren mag. »Also, als der Slot neu war, war das wirklich ein Problem, habe ich gehört. Die Leute sind gar nicht mehr aus der Wohnung gegangen und haben den ganzen Tag zu Hause rumgehockt, sind fett geworden.«

»Was hat sich verÀndert?«

»Man hat an ihren Spieltrieb appelliert.« Lewin grinst, bevor er seine Fingerspitzen an die Innenseite seines Handgelenkes reibt und sich einige Bilder, Texte und Seiten sich vor ihm aufbauen. »Das wohl berĂŒhmteste, aktuelle Spiel heißt Pandou. Jeder kann sich eintragen und tĂ€glich das Ranking verfolgen.« Er zeigt mir eine Liste mit mir unbekannten Namen und dahinterstehenden Daten, die ich nicht verstehe. »Jeder, der eingetragen ist, gibt dem Programm Zugriff auf bestimmte Daten in seinem IChip, wie beispielsweise ErnĂ€hrung, Bewegung, Gesundheit und so weiter.«

»Das alles weiß der Chip?«

»Und leitet es direkt an den Komplex weiter, ja. Darum geht es ja.«

»Und wie wird dieses Spiel dann gespielt?«

Er lacht.

»Gar nicht. Die Daten sind das Spiel. Man bildet grĂ¶ĂŸere oder kleinere Gruppen und gewonnen hat derjenige, der sich am Tag am gesĂŒndesten verhalten hat. Ausgewogene ErnĂ€hrung, das richtige Maß an körperlicher BetĂ€tigung und so weiter. Und weil das Ding wahrscheinlich vom Komplex selbst betrieben wird, bekommt der Gewinner in besonderen FĂ€llen sogar GeldprĂ€mien oder andere recht reizvolle Preise.«

»Was?«, lache ich kopfschĂŒttelnd, als mein Bruder die Screens wieder schließt. »Das ist verrĂŒckt.«

»Das sagst du jetzt noch«, schmunzelt er. »Wenn du erst mal selbst deinen Chip hast, wirst du sĂŒchtig danach werden.«

»Wohl kaum«, murmle ich. Ich weiß nicht, warum mich gerade jetzt das GefĂŒhl ergreift, beobachtet zu werden, aber es fĂ€hrt mir kalt ĂŒber den RĂŒcken hinab und breitet sich als GĂ€nsehaut auf meinen Armen aus.

»Warum?«

»Hast du nie das GefĂŒhl, ĂŒberwacht zu werden?«

»Nein, eigentlich nicht. Ich fĂŒhle mich sogar ziemlich gut so, wie es ist.«

Ich wiege den Kopf hin und her, wÀhrend ich noch immer nicht meine Augen von der Umgebung abwenden kann. Von den Pastellfarben der HÀuser und dem warmen Licht, das sie noch surrealer vor dem blauen Himmel wirken lÀsst.

»Aber«, setze ich an und ĂŒberlege, wie ich meine Worte am besten formulieren kann. Einige Menschen kommen uns entgegen und haben einige Becher mit Kaffee in den HĂ€nden, denen ich fĂŒr einen Moment etwas neidisch hinterher schaue, bevor ich fortfahre. »Man kennt es doch aus zahlreichen Filmen und BĂŒchern, meine ich.« Wir biegen auf Geheiß meines Bruders in eine von der Sonne bereits heller und klarer erleuchtete Straße, die mit ihren schillernden GebĂ€uden magisch und mĂ€rchenhaft aussieht. »Du weißt schon. Überwachungsgesellschaften, Menschen ohne freien Willen, kĂŒnstliche Intelligenz, die beschließt, dass es fĂŒr alle besser ist, wenn die Menschheit ausgerottet wird und solche Sachen.«

»Panikmache«, stellt mein Bruder fest. »NatĂŒrlich musste die Menschheit viele Etappen der Irrungen und Wirrungen auf diesen Gebieten durchschreiten, um an diesen Punkt zu kommen, an dem wir uns heute befinden, aber tatsĂ€chlich ist es recht perfekt. Die erdfern Geborenen sind meist die Einzigen, die dahingehend Zweifel Ă€ußern.«

»Als wÀrst du keiner von ihnen.«

»Ach, ich lebe schon lang genug hier.« Er klopft mir auf die Schulter. »Es gab hier schon seit Jahrzehnten keine Verbrechen mehr. Weltweit. Erst recht keine Kriege oder andere Grausamkeiten. Jeder geht den TĂ€tigkeiten nach, die er mag, jeder kann im Slot alles Legale und Illegale tun und lassen, was er möchte.« Er macht eine unbestimmte Bewegung mit der Hand, als wolle er seinen Worten Nachdruck verleihen. »Geht es dir schlecht und bist du allein, vermittelt dir der Komplex innerhalb von Sekunden jemanden, der dir helfen kann. Bist du aggressiv oder wĂŒtend, verfrachtet er dich in den Slot, wo du nach allen GelĂŒsten deiner Wut freien Lauf lassen kannst. Und findest du das alles trotzdem dumm, dann kannst du jederzeit deinen IChip abgeben und auf einen von zig anderen Planeten umziehen und unter den Wilden leben.« Er hat ein breites Grinsen auf den Lippen, als er endet und ich kann mich nur schwerlich davon abhalten, es zu erwidern.

»Na danke!«, rufe ich lachend, boxe ihn in den Oberarm und er weicht spielerisch vor mir aus. »Fakt ist doch«, setze ich dann aber wieder an, als er mich von sich schiebt, um dann seinen Anzug wieder zu richten, »dass das irgendwie zu perfekt ist, oder? Ich meine, irgendwie  «

»Irgendwie verspĂŒrst du ein BedĂŒrfnis nach Rebellion?«, will er mir auf die SprĂŒnge helfen und ich muss mich davon abhalten, nicht wieder auf ihn loszugehen.

»Du weißt genau, was ich meine«, lache ich, auch wenn das Thema eigentlich ernst sein sollte. Ob ich allein fĂŒr solche Gedanken schon vom Komplex als kritisch eingestuft werde? Wer weiß, was er fĂŒr Möglichkeiten hat, Menschen verschwinden zu lassen und die GedĂ€chtnisse der andere zu manipulieren, sodass es niemand bemerkt. »Himmel«, stelle ich fest und fahre mir mit den Fingern ĂŒber die Stirn, bevor sich ein Grinsen auf meinen Lippen abzeichnet. »Verflucht, kaum einen Tag hier und schon werde ich paranoid.«

»Du wirst dich schon dran gewöhnen, Schwesterherzchen«, versucht Lewin nun mich zu beruhigen und legt mir den Arm um die Schultern. »Und wenn nicht, dann kannst du jederzeit wieder auswandern. Versprochen. Die meisten brauchen aber nur eine kurze Eingewöhnung.«

Abtrennung

Auf dem Weg zur Kayslot-Zentrale gibt mein Bruder mir eine Geschichts- und Geografiestunde und wieder einmal kann ich mich dem Gedanken nicht verwehren, dass er einen hervorragenden Lehrer abgeben wĂŒrde, auch wenn er diesen Umstand, schon seit ich ihn kenne, abzustreiten versucht. Alles, was er heute zu berichten hat, kommt mir in gewisser Weise bekannt vor, aber noch immer kann ich mich nicht vollkommen an alle LehrgĂ€nge erinnern, die ich vor meinem Abflug absolviert habe und lausche ihm deswegen ĂŒberaus interessiert.

Obwohl die Erde eigentlich nichts als eine große Stadt ist, haben die verschiedenen Gebiete weitgehend die Namen der StĂ€dte behalten, denen sie entsprungen sind. Seitdem das Reisen mit den Schleusen möglich ist, wurden auch die Unterschiede innerhalb der Sprachen immer geringer, bis sich aus all den Sprachen der Welt eine einzige herauskristallisiert hat, die man auch heute noch ĂŒberall spricht. Doch selbst nach dem großen Zusammenwuchs der Stadtbereiche mussten verschiedene Gebiete durch verschiedene Kriterien voneinander abgegrenzt werden, also entschied man sich dazu, den Bereichen die Namen der grĂ¶ĂŸten StĂ€dte im Umkreis zu geben.

Magadan ist einer der fortschrittlichsten Bereiche der Erde, beherbergt den grĂ¶ĂŸten Raumhafen, die Zentrale des weltweiten Slot-Systems und angeblich sogar den Sitz des Komplexes, auch wenn wohl niemand weiß, wo genau er ist. Die Stadt liegt an zwei Buchten des Ochotskischen Meeres und die zwei Plattformen, die ĂŒber ihr ragen, reichen noch weit ĂŒber den Rand des Meeres hinaus. Die Ebenen sind im Grunde zwei riesige Quadrate, die so versetzt ĂŒbereinander liegen, dass sie von oben aussehen wie ein Stern mit acht Ecken. Als ich sage, dass ich das zu gern einmal sehen wĂŒrde, willigt mein Bruder zu einer kleinen Flugtour ein, die ich schon jetzt nicht mehr erwarten kann.

»Die Ebenen mĂŒssen aber wirklich riesig sein, oder?«, will ich in Erfahrung bringen und Lewin nickt zustimmend.

»Ja, in der Tat. Warum?«

»Weil wir schon seit«, ich schaue auf meinem Unterarm nach der Zeit, »eineinhalb Stunden laufen und noch immer nicht ans Meer gestoßen sind.«

»Oh, das, was wir zurĂŒckgelegt haben, war vielleicht ein Viertel der GrĂ¶ĂŸe der Plattform. Aber sieh mal, da vorn ist die Zentrale auch schon.« Er weist mit dem Fingern auf den riesigen Wolkenkratzer, der noch um einiges höher ist als alle GebĂ€ude um ihn herum.

Ich hatte ihn schon seit einer Weile im Auge, aber noch ist das GebĂ€ude – oder eher der GebĂ€udekomplex – zu weit entfernt, als dass ich die weiße Inschrift lesen könnte, die auf der fast vollkommen schwarzen Fassade leuchtet.
»Ich hab das Ding noch nie von innen gesehen«, gibt er zu und scheint deswegen fast ebenso aufgeregt zu sein wie ich. »Hast du eigentlich alles dabei, das du fĂŒr die Anmeldung brauchst?«

»Ja, alles bereit«, versichere ich und klopfe demonstrativ auf die kleine Tasche. Ich muss mir eingestehen, dass ich mir schönere Dinge vorstellen kann, als meinen ersten Tag in einer Wartehalle zu verbringen, aber immerhin war es diese Firma, die mir den unheimlich teuren Flug finanziert hat, nur um an meine Erinnerungen zu kommen. »Nur ein wenig mehr Mut und 
 Motivation wĂ€ren schön«, grummle ich etwas bitter.

»Das wird sicher schnell gehen. Du bist immerhin ein Spezialgast.«

»Auch wieder wahr.«

»Aber wenn du danach nicht in die Uni möchtest, sondern erst mal etwas anderes unternehmen willst, wÀre das auch in Ordnung.«

Die Sonne scheint inzwischen krĂ€ftig und lĂ€sst das schwarze GebĂ€ude, in dessen Straße wir einbiegen, glasig schimmern. In seiner strahlenden Dunkelheit wirkt der Koloss ungewöhnlich beeindruckend, nahezu angsteinflĂ¶ĂŸend.
»Wie ist die Uni denn so?«, möchte ich wissen und schon am Funkeln seiner Augen kann ich erkennen, dass ich ihm den Wunsch, diesen Ort zu besuchen, auf keinen Fall werde ausschlagen können.

»Ganz anders als alles, was du hier siehst. Sie liegt auf der untersten Ebene, aber nicht ĂŒberdeckt von den Plattformen, sondern unter freiem Himmel. Sie ist eins der wenigen GebĂ€ude, die schon seit Jahrhunderten genau so bestehen, wie sie sind, und ihre Ausstattung ist im Gegensatz zu allem hier sehr prunkvoll. Ihre Fassade ist aus wertvollem, weißem Gestein und mit filigranen Goldmustern durchzogen. Das setzt sich auch innen fort. Dort gibt es unglaublich breite Treppen aus Marmor, wertvolle handgefertigte Teppiche, Kronleuchter und alles, was du dir vorstellen kannst.«

»Wow, das klingt eher nach einem Schloss, oder so.«

»War sie auch einmal. Du wirst begeistert sein.«

»Ja, davon bin ich ĂŒberzeugt«, grinse ich und lasse es zu, mich von seiner Vorfreude anstecken zu lassen.

Das letzte StĂŒck zum GebĂ€ude fahren wir mit der Bahn, die viele Sitzgelegenheiten bietet, aber wir verbringen unsere kurze Fahrt stehend, um gleich an der nĂ€chsten Haltestelle auszusteigen, die mit »Kayslot Z« betitelt ist. Vor den TĂŒren des GebĂ€udes, an dem ich nicht hinaufschauen kann, ohne dass mich ein SchwindelgefĂŒhl ergreift, warten mehrere MĂ€nner, von denen einer auf uns zugeeilt kommt. Es gibt viele verschiedene Schleusen mit Hunderten von Nummern, die in den Weg und einen kleinen Vorplatz eingelassen sind, aber noch bevor ich mich fragen kann, welche wir wohl nehmen mĂŒssen, grĂŒĂŸt uns der Mann auch schon freundlich.

»Willkommen bei Kayslot – dem Ort, an dem TrĂ€ume wirklich wahr werden«, grinst er mit einem viel zu weißen LĂ€cheln, wĂ€hrend er uns die HĂ€nde schĂŒttelt. Seine Haare sind von einem Korallenriff-TĂŒrkis, das sich stark von seiner weißen Kleidung abhebt und mich irgendwie gefangen nimmt. »Ich bin Cure und ich spiele heute den Einweiser, weil der Empfang derzeit etwas ĂŒberlastet ist. Wir stellen gerade alles auf das neue, kompakte Schleusensystem um, um uns das Nummerchaos hier sparen zu können. Aber bei so vielen Stockwerken geht das leider nicht so schnell. Ihr könnt mir also gern euer Anliegen nennen und ich sage euch direkt, auf welche Ebene ihr mĂŒsst.«

»Mein Name ist Mara Diguo«, verkĂŒnde ich rasch, bevor mein Bruder auch nur Luft holen kann, um etwas zu sagen. »Ich bin hier, weil  «

»Ah, Mara von Behryu V. Von dir wurde uns schon berichtet, du wirst bereits erwartet. Schleuse 292. Man sieht schon, woher du kommst«. Er zwinkert mir schelmisch zu. »Du siehst echt toll aus.«

Ȁhm 
 danke«, lache ich etwas ĂŒberrumpelt ob dieser raschen Direktheit.

»Dann viel Spaß beim Reichwerden«, lĂ€chelt der Mann namens Cure breit, bevor ich mich abermals bedanke.

Mein Bruder ist bereits auf der Suche nach der richtigen Schleuse, wĂ€hrend ich mich verabschiede. Etwas abgelenkt folge ich Lewin ĂŒber den Platz, denn ich weiß noch immer nicht, wohin ich meinen Blick lenken soll – auf all die HĂ€user, die ich im Zentrum dieser riesigen Kreuzung sehe, die von keinen Fahrzeugen befahren wird; auf den Wolkenkratzer, der hoch wie ein Gott ĂŒber uns ragt und immer in meinem Augenwinkel ist, wie ich mich auch drehe; oder auf die Personen, die mit anderen Einweisern sprechen und dann auf den entsprechenden hellblauen Schleusen verschwinden.

Lewins Ruf reißt mich jedoch aus der Beobachtung und kaum, dass ich zu ihm geeilt bin, ergreift mich der Lichtblitz der Schleuse.

Nach dem Öffnen der Augen befinden wir uns plötzlich so weit oben, dass ich durch die komplett durchsichtige Außenwand scheinbar die ganze Plattform ĂŒberblicken und in der Ferne ihr Ende erahnen kann. Diese Höhe kommt so plötzlich, dass mir ĂŒbel wird und ich benommen und um Gleichgewicht ringend taumle, bis mein Bruder mich stĂŒtzt.

»Ach Mist«, murmle ich, angestrengt versucht, Lewins helfende HĂ€nde wieder von mir zu schieben und auf eigenen, wackeligen FĂŒĂŸen zu stehen. »An diese Form zu reisen muss ich mich definitiv noch gewöhnen.« Etwas schnĂŒrt mir den Atem ab und es fĂ€llt mir schwer, mich um Konzentration zu bemĂŒhen, wĂ€hrend ich die taube Übelkeit in meiner Magengegend zu ignorieren versuche.

»Das geht jedem am Anfang so«, erklÀrt Lewin in beruhigendem Tonfall. »Versuch, zu schlucken und ruhig zu atmen.«

»Willkommen!«, schallt es jedoch schon hinter uns, als ich gerade zu einer Antwort ansetzen möchte. Stattdessen drehen wir uns synchron um, um einem Ă€lteren Herrn entgegenzublicken, der in seiner gerade geschnittenen, schwarzen Kleidung und dem fĂŒr sein Alter doch unnatĂŒrlich weißen Haar wie ein typischer GeschĂ€ftsmann aussieht.

»Mara, ich habe dich schon erwartet«, begrĂŒĂŸt er mich zuerst und dann meinen Bruder, ebenfalls mit seinem Namen. Es irritiert mich noch immer, dass hier keine Höflichkeitsformen verwendet werden, denn auf meinem Heimatplaneten sind sie einer der wichtigsten Bestandteile von Sprache und Kultur. »Ich habe schon auf euch gewartet, ihr könnt gern mitkommen.« Er dreht sich wirbelnd herum und mit einem schelmischen Winken seiner Finger bedeutet er uns, ihm zu folgen. »Schade, dass gerade heute unsere Eingangshalle gesperrt ist, die hĂ€tte euch sicher sehr gut gefallen. Sie ist wirklich prĂ€chtig. Andererseits werdet ihr ja sicherlich in nĂ€chster Zeit noch einmal wiederkommen, also bleibt euch diese Chance nicht vollkommen verbaut.« Er lotst uns in einen abgetrennten Raum, in dem drei andere MĂ€nner ĂŒber durchsichtige Tischplatten gebeugt sind und nur kurz aufsehen, als wir eintreten.

Hier gibt es ebenfalls eine Fensterwand, die einen Ausblick auf einen anderen Teil der Stadt gewĂ€hrt, in dessen Richtung ich allerdings nichts sehe, das auf ein Ende der Ebene hindeuten könnte. Nachdem der Fremde uns zwei schwarze Sitzschalen angeboten hat und wir uns an einen der Glastische in der Mitte gesetzt haben, winkt er die drei anderen Personen heraus, die sofort aufspringen, aus dem Raum eilen und das TĂŒrfeld hinter sich verdunkeln.

»Mein Name ist Tlou und ich bin dein persönlicher Berater«, fĂ€hrt er fort. »Kann ich euch etwas zu Trinken oder zu Essen anbieten? Andererseits sollten wir hier schnell fertig sein, du musst nur zwei oder drei Sachen unterzeichnen. War dein Flug denn angenehm? Aber gut, was rede ich, ich hab ja bereits einen Bericht von den Komplikationen bekommen.« Offenbar ohne eine Antwort von mir zu erwarten, sieht er nun auf den zwischen uns liegenden Tisch hinab, um einige Dokumente darauf zu ordnen. Ich danke ihm im Stillen fĂŒr diese Unterbrechung seines Redeschwalls, denn ich weiß noch nicht einmal, auf welche Frage ich zuerst antworten soll.

»Probleme beim letzten Sprung und damit verbunden ein noch nicht vorhandener IdentitÀtschip. Ist das richtig?«

»Ja, genau«, bestÀtige ich. »Das tut mir wirklich leid, es war ein Unfall.«

»Ach, gar kein Problem.« Er schiebt mir mit den Fingern schwungvoll eine der Dateien ĂŒber den Tisch zu und ich werfe einen knappen Blick darauf. »Leider mĂŒssen wir dadurch die Annahme der Erinnerungen verschieben, weil das ohne IChip nicht funktioniert. An den schon verhandelten Konditionen Ă€ndert das aber nichts. Du musst dort nur bestĂ€tigen, dass du damit einverstanden bist. Reine Formalia.«

Ich nicke und tue es so wie auch gestern schon im Hafen, als die Frau, die uns in Empfang nahm, die Daten zum Absegnen gab. Ich lege meine Fingerkuppen in die Kreise, bis sie blau leuchten, dann ziehe ich sie wieder zurĂŒck und schiebe dem Bearbeiter vorsichtig die Datei zurĂŒck.

»Gut, danke. Wir werden ja benachrichtigt werden, wenn du deinen Chip erhÀltst und dir zeitnah eine Nachricht schreiben, um dich noch einmal offiziell zum neu vereinbarten Termin hier einzuladen. Alles in Ordnung?«

»Ja, gut«, bestĂ€tige ich, noch immer ĂŒberfordert von dem Tempo, in dem der Mann spricht. Ich hatte eigentlich noch einige Fragen, die ich an dieser Stelle loswerden wollte, aber unser GegenĂŒber scheint so aufgeregt zu sein, dass ich es fĂŒr angenehmer halte, diese Sitzung so schnell wie möglich hinter mich zu bringen und stattdessen Lewin spĂ€ter auszuquetschen.

»Und was ist mit dir, Lewin?«, wendet er sich dann an meinen Bruder und setzt ein ebenso breites Grinsen auf wie der Einweiser am Fuße des GebĂ€udes. »Auch Interesse am Verkauf der Erinnerungen? Immerhin bist du auch auf Behryu geboren, da ist sicherlich unterbewusst noch einiges Interessantes dabei. Immerhin der Planet, der am weitesten von der Erde entfernt ist. Wir haben gerade mal die Erinnerungen von einer Handvoll Personen und Einblick in nicht mal ein Hundertstel der Landschaft dort. Da kann jeder noch so kleine Brocken Gold wert sein.«

»Nein, kein Interesse«, lÀchelt mein Bruder neutral, als der Mann geendet hat und nun etwas enttÀuscht wirkt. »Es sei denn, es gibt inzwischen die Möglichkeit der Filterung.«

»Leider nicht«, seufzt unser GegenĂŒber und lehnt sich ein StĂŒck zurĂŒck. Er greift in eine SchĂŒssel mit kunterbunten SĂŒĂŸigkeiten, die irgendwie wunderbar zu seiner fĂŒlligen Figur passen. Mir kommt fĂŒr einen winzigen Moment in den Sinn, dass er sicherlich nicht dieses Gesundheitsspiel spielt, das mir Lewin vorhin gezeigt hat. »Leider geht nur alles oder nichts. Daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts Ă€ndern, liegt an der Technik. Erinnerungen sind eine komplexe Sache, die man nicht einfach so sortieren oder aussortieren kann. Schwere Sache.«

»Schade.«

»Aber wenn du es dir irgendwann noch mal ĂŒberlegst, dann stehen dir meine TĂŒren immer offen. Du kannst dich direkt an mich wenden.« Wieder schiebt er uns eine Datei zu, die dieses Mal jedoch schon in dem Moment verschwindet, in dem mein Bruder sie antippt. Vielleicht ist sie jetzt auf seinem Chip gespeichert, denke ich, weil ich meine, so etwas schon einmal gelesen zu haben. »Sonst noch was?«, möchte er wissen und mich noch einmal vergewissernd, dass ich doch lieber meinen Bruder mit Fragen löchere als diese Quasselstrippe, schĂŒttle ich mit dem Kopf. Und so erhebt sich unser GesprĂ€chspartner ruckartig und scheucht uns ungeduldig hoch.

Ob er immer so ist? Oder nur an Tagen, an denen sie ĂŒberlastet sind?

»Wie gesagt melde ich mich, sobald du deinen Chip hast und wir ĂŒber den Verkauf sprechen können. Bis dann«, verabschiedet er uns und als wolle mein Bruder genauso schnell fort wie ich, nickt er ebenfalls nur knapp, bevor er seinen Arm um mich legt, um dann mit mir zu verschwinden.

9 Wolkengedanken zu “Kapitel 3

  1. Ich glaube hier steht statt “wir” ein wie – hier “Gut, ich schlage vor, wie essen in Ruhe […]”
    Ich dachte ich sage das, bevor ich das nachher vergesse. :D Ich wollte erst in Ruhe lesen bevor ich kommentiere – aber ich dachte, vielleicht erwĂ€hne ich das kurz. :DReference

  2. So. Kaptitel 3 durch gelesen. :) Kapitel 1 und 3 sind halt schwere Brocken mit neuen Informationen und alles, aber es ist sehr interessant. :D
    Es bleiben halt sehr viele Fragen offen, was mich ja förmlich dazu zwingt alles in mich rein zu schlingen ;)
    Ich freu mich schon auf Kapitel 4 und bin gespannt was das mit der (anderen?) Mara auf sich hat. :D Da habe ich noch nicht ganz den Überblick – hehe ;)

    NatĂŒrlich ist alles wieder sehr schön geschrieben und die Gedanken wirken alle so poetisch. Hach. Genau so mag ich es!

    LG, Fabi

    1. Hey Fabi,

      juhu, ich freue mich total, dass du so fleißig gelesen hast und es dir gefallen konnte – auch wenn die Fragen natĂŒrlich noch groß sind. Ich stehe ja auf RĂ€tsel und das hier ist eins der grĂ¶ĂŸten zu Beginn des Romans. Wenn du Theorien hast, was es mit dieser … nennen wir sie “Parallelwelt” auf sich hat, dann nur heraus damit. Spekulationen wĂŒrden mich auch sehr interessieren :D

      Es wird sich natĂŒrlich alles, wie auch zu Beginn von Kernstaub, nach und nach erklĂ€ren und fĂŒgen und erklĂ€ren ♄

      Echt klasse, dass du Spaß beim Lesen hattest. Hoffentlich bleibt das auch bei den nĂ€chsten Kapiteln so. Samstag geht es ja immerhin schon weiter!

      Liebe GrĂŒĂŸe
      Marie

  3. Ein sehr interessantes Kapitel. Mir gefallen die Beschreibungen der Erde und ihrer Technologien total und ich fĂŒhle mich, als wĂ€re ich selbst dort. Ich bin gespannt, was es mit dem Slot und den Erinnerungen auf sich hat. Was passiert mit den verkauften Erinnerungen?
    Die neue Mara ist mir genauso sympathisch wie die alte, bei Juan bin ich mir da noch nicht so sicher.

    1. Oh wow, ich freue mich echt riesig, dass du so schnell gelesen und hier aufgeholt hast, Anna! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, außer DANKE! So klasse, ich liebe es, die Kommentare der Leser in Echtzeit zu verfolgen ♄

      Es freut mich sehr, dass dir die Welt und ihre Technologie gefallen und dir auch interessant vorkommen. Und auch, dass du diese Mara hier magst. Ihre WesenszĂŒge sind Ă€hnlich der “anderen” Mara, aber anders ist sie doch schon etwas. Deswegen cool, dass du sie auch sympathisch findest. Ich bin gespannt, ob und wie sich deine Meinung zu Juan noch entwickeln wird.

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