Kapitel 2

In dem ich Ruhe in der Endlosigkeit der Gedankenmeere finde

Angefangen beim Atmen ist jeder Moment ein Abenteuer. Wir vergessen es nur manchmal. Wir vergessen es viel zu oft.

241 N.TH. ÔÇô 2639 N.CHR. ÔÇô DIE QUALLENPHASE ÔÇô 13. UMBRUCH
21. & 22. JANUAR

Nirgendwo ÔÇô an keinem Ort, von hier bis zum Ende unserer Welt ÔÇô kann ich das finden, wonach ich suche. Es ist seltsam, wie aus meinem ruhigen Damals dieses wirre Jetzt werden konnte, in dem ich so leer geworden bin, dass ich selbst aus meinem K├Ârper geflohen zu sein scheine. Dass ich selbst zu einem der Wesen geworden zu sein scheine, die mich bereits seit ewigen Zeiten verfolgen.

Ich erinnere mich an st├╝rmische Herbsttage, in denen die Luft so feucht war, dass ich dachte, Wasser zu atmen. An warme Sommerabende, die in ihrer Stille so eintr├Ąchtig waren, dass ich dachte, eigentlich nur f├╝r Momente zu leben und nicht f├╝r die Zukunft. Ich erinnere mich an gl├╝ckliche Zeiten, die ich irgendwie ├╝berstanden habe ÔÇô mit ihm zusammen ÔÇô bis sie mich zersplittert und in diese schreckliche Wirklichkeit geworfen haben, die mich an den Grund meiner Existenz geschickt hat, um mich dort festzuhalten ÔÇô um mich mein eigenes Blut lecken zu lassen, bis ich an seinem Geschmack sterben w├╝rde.

Und nun stehe ich hier und betrachte eine Sonne, die hinter einer staubigen, toten Welt selbst zugrunde geht und uns den Schatten der Nacht ├╝berl├Ąsst. Der muffige Geruch verfallener Zivilisation h├Ąngt noch zwischen den kalten W├Ąnden des Wohnhauses, in dem wir unser Nachtlager aufschlagen werden, zumindest gesch├╝tzt vor Wind und dem Regen, der bereits durch die s├Ąuerlichen D├Ąmpfe in der Luft zu erahnen ist.

Hinter mir sind die vier W├Ąchter, die mich auf meiner Reise begleiten, damit besch├Ąftigt, die drei Zelte, in denen wir schon seit unserer Abfahrt in Madrid ├╝bernachten, aufzubauen. Hier, in dieser ehemaligen Jugendherberge, sind die Zimmer zumindest noch so weit intakt, dass wir gut in ihnen unterkommen k├Ânnen, und auch wenn der recht beengte Raum, in dem wir uns nun verschanzen, dumpf nach Moder riecht, scheint er doch zumindest oberfl├Ąchlich trocken zu sein. Das ist alles, was wir noch erwarten k├Ânnen.

Kahle, wei├če W├Ąnde, an denen sich die Silhouetten ehemaliger M├Âbel abzeichnen, ein zertretener graublauer Teppich und eine alte Metallkommode in der hinteren Ecke sprechen selbst jetzt noch von der kargen Einrichtung, die es hier zweifelsohne einmal gegeben haben muss. Und w├Ąhrend meine vier Begleiter damit besch├Ąftigt sind, unsere vorl├Ąufige Unterkunft einzurichten, frage ich mich, was hier wohl f├╝r Menschen gelebt haben mochten und wie sie ums Leben gekommen sind.

Fast kann ich die Spuren noch erahnen, die die vielen vergangenen Leben hier hinterlassen haben.
Es liegt Stille in der Luft, die den Sturm ank├╝ndigt, der uns bevorsteht. Und ich glaube, dass der Sturm, der vor unseren T├╝ren und Fenstern toben wird, trotzdem nicht so intensiv und heftig sein kann wie der in meinem Herzen.

Abtrennung

┬╗Was denkt ihr, wie lange wir noch brauchen, bis wir das Meer erreicht haben?┬ź Die Frage aus meinem Mund durchbricht das Schweigen, das bereits den ganzen Tag zwischen uns geherrscht hat. Manjana und Liam haben nie viel gesprochen ÔÇô schon in all den Hunderten von Jahren nicht, in denen ich sie kenne. Vermutlich sind sie mir genau deswegen auf eine unbeschreibliche Weise sympathisch: Die eigentlich schwarzhaarige Sch├Ânheit, die meistens den langen Mantel ihres Begleiters tr├Ągt, und eben jener, mit seinen verschiedenfarbigen Augen, die mich selbst jetzt noch bei jedem Hinsehen irritieren. Sein urspr├╝nglich blondes Haar wird durch die Strahlung dieser Welt ÔÇô wie das von allen ÔÇô immer weiter ausgebleicht und hat inzwischen einen vollkommen wei├čen Ton angenommen, w├Ąhrend Manjanas von Schwarz zu einem karamellfarbenen Braunton gewechselt hat, ebenso wie bei Ciar.

Letzterer ist im Laufe der Zeit zu einem fast umg├Ąnglichen Begleiter geworden. Seine provokanten Sticheleien ebben immer weiter ab, seine widerlichen Ann├Ąherungsversuche verharmlosen sich von Mal zu Mal, und ich denke, dass es an der Macht liegt, die ich ihm zusammen mit seiner Uhr genommen habe. Als ich seinen Kernpartikel zersplitterte, habe ich ihm alles genommen, das er gegen mich in der Hand hatte, und nun ist er nur an mich gebunden, weil seine Existenz keinen anderen Sinn f├╝r ihn bereith├Ąlt, als mir zu folgen. Wohin ich auch gehen mag.

┬╗Es wird schon noch eine Weile dauern┬ź, antwortet er erst nach einiger Zeit ruhig. Ich beobachte aus dem Augenwinkel, wie der W├Ąchter sich ein paar Str├Ąhnen aus der Stirn sammelt, um dann wieder mit dem Haar des M├Ądchens zu spielen, das ihren Kopf in seinen Scho├č gebettet hat.

Wir sind zur Ruhe gekommen und warten darauf, dass der Tag endet und die Nacht uns holt. W├Ąhrend ich in unbequemer Stellung auf dem hartgetretenen Teppich liege, sitzen Ciar und Purnima, seine Begleiterin, bereits in dem Zelt, das ihnen W├Ąrme und einen weichen Untergrund bietet. Manjana und Liam haben sich wie immer in die tiefsten Schatten zur├╝ckgezogen, in die Winkel ihres ger├Ąumigen, lichtlosen Unterschlupfs, um sich im Einklang zu verlieren und alles andere nur an sich vor├╝berziehen zu lassen.

┬╗Ich kann nicht mehr laufen┬ź, bringe ich nur mit M├╝he ├╝ber meine rissigen Lippen. Ebenso wie sie ist alles andere an meinem K├Ârper wund, vor allem die F├╝├če. Die Strapazen der Reise haben nicht nur meine Nerven, sondern auch meinen neu gewonnenen K├Ârper abgetragen und jeden Abend schlafe ich in dem Wissen ein, den n├Ąchsten Tag nicht ├╝berstehen zu k├Ânnen ÔÇô und jeden Morgen wache ich in dem Wissen auf, es doch wieder versuchen zu m├╝ssen.

Es ist eine Woche vergangen, seitdem wir mit dem Levit von der Raumstation in Caen aufgebrochen sind, um im Mittelmeer nach demjenigen zu suchen, den ich verloren habe. Vor sechs Tagen fiel das Gef├Ąhrt jedoch aus und da niemand von uns technisch begabt ist, waren wir nicht in der Lage, es zu reparieren. Hilfe von Glen und all den anderen kann und will ich wiederum nicht erwarten. Die Hoffnung darauf, einen neuen Wagen aus der Kolonie in Madrid ÔÇô meiner alten Heimat ÔÇô mitnehmen zu k├Ânnen, hat sich aufgel├Âst, als wir feststellen mussten, dass offenbar alle fortgebracht worden waren, als wir in der gro├čen Flucht Hals ├╝ber Kopf die Stadt verlassen hatten.

Und nun sind wir hier und schleifen uns Tag f├╝r Tag zu Fu├č voran, w├Ąhrend Wetter und Zeit immer weiter an uns nagen. Ich sollte nicht so verdammt schwach sein. Dabei dachte ich, ich k├Ânnte fliegen. Dabei konnte ich fliegen, f├╝r kurze Zeit, mich einfach sammeln, zerteilen und an anderen Punkten zusammensetzen, ohne dass es mich M├╝he gekostet h├Ątte.

Bis er mich ber├╝hrt hat. Mein Vater, der Kern.
Ich konnte fliegen, bis er mich ber├╝hrt hat.

Abtrennung

Ich habe eine eigenartige Ruhe in mir gefunden, seitdem ich mit diesen wortlosen Wesen reise, die nur sprechen, wenn ich spreche, nur fragen, wenn sie sp├╝ren, dass ich Fragen w├╝nsche und nur antworten, wenn sie sicher sind, mir helfen zu k├Ânnen. Es herrscht so viel Schweigen zwischen uns, dass ich mich einsam f├╝hle ÔÇô und doch gleichzeitig geborgen in dieser Gruppe, die eigentlich so falsch zusammengestellt ist und sich doch so harmonisch miteinander arrangieren kann.

Die Sonne ist bereits untergegangen und wir alle haben uns in die Zelte zur├╝ckgezogen, die wir innerhalb des dunklen Wohnzimmers aufgebaut haben. Hier sind wir vor Wind und Regen gesch├╝tzt und haben es warm und gem├╝tlich. Fast zu sehr, f├╝r meinen Geschmack, weil mir Tag f├╝r Tag das Aufstehen schwerer f├Ąllt, Stunde f├╝r Stunde das Bed├╝rfnis w├Ąchst, einfach nie wieder aus diesem Schlupfwinkel hervorkriechen zu m├╝ssen, um f├╝r immer in W├Ąrme zu ertrinken.

Ich liebe es, wie sich das Licht der kleinen, leuchtenden Computer in den Ecken des Raumes sammelt und alles mit einem goldenen Schein benetzt, wenn drau├čen bereits schwarze Nacht herrscht, die ihre dicken Regentropfen an die Fensterscheiben klatschen l├Ąsst, als wolle sie eindringen, um uns zu holen. Ich liebe es, mich in die warmen Decken zu h├╝llen und auf dem Untergrund zu liegen, der weicher ist als eine Matratze in meiner alten Welt es je h├Ątte sein k├Ânnen. Ich liebe das bl├Ąuliche Licht, das die Zelte erf├╝llt und mich noch m├╝der und schl├Ąfriger macht.

Und doch schmeckt am Ende alles nach dieser eigenartigen Bitterkeit, die unserer Reise zugrunde liegt, die alles erst behutsam mit ihren langen Klauen betastet und zuletzt doch zerst├Ârt.

Ich vermisse ihn, habe ich vor einigen Tagen gesagt, als wir durch ein zerfallenes Dorf gewandert sind und ich mich davon ablenken musste, dass ich nicht mehr gehen konnte. Nur noch einen Schritt, noch einen Schritt, dann machen es die Worte vielleicht besser. Ich glaube, ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wie es ist, in seiner N├Ąhe zu sein. Dabei bin ich erst wenige Tage von ihm getrennt. Es f├╝hlt sich an, als w├Ąren bereits Jahre seit seinem Tod vergangen.

Liebst du ihn?, hatte Purnima gefragt, die sonst die ganze Zeit ├╝ber sehr ruhig gewesen ist. Ich denke, in diesem Moment habe ich sie das erste Mal richtig angesehen und realisiert, dass alles, was ich bisher dachte, in ihrem Gesicht erkannt zu haben, eine L├╝ge war. Da war keine Grausamkeit, kein absch├Ątziges Verhalten mehr. Nur Neugier und Unsicherheit. Ich antwortete ihr, obwohl ich wusste, dass sie keine Ahnung von den Worten hat, nach denen sie fragt. Aber ihrem Sein liegt so gro├čes Unwissen zugrunde, dass sie mir leidtut.

Nein, habe ich geantwortet. Ich denke nicht. Und gleichzeitig doch so sehr, dass es mich von innen heraus zu verbrennen scheint. Aber wir sind schon zu alt, als dass es noch immer mit einem so einfachen Wort einzufangen w├Ąre.

Das verstehe ich nicht, hat sie wie erwartet geantwortet. Ich habe den Blick, den Ciar ihr zuwarf, genau gesehen ÔÇô mahnend und leicht den Kopf sch├╝ttelnd. Aber doch dachte ich nicht, dass es falsch sein k├Ânnte, zu antworten. Das denke ich noch immer nicht.

Seit er weg ist, f├╝hlt es sich an, als g├Ąbe es nichts mehr auf der Welt. Nur noch mich und diese Leere.

Er wird mich hassen, wenn ich ihn aus diesem Leben des Vergessens, das er nun f├╝hrt, ziehe, und trotzdem bleibt mir nichts anderes ├╝brig. Ich kann nicht essen, nicht schlafen, an nichts anderes denken, wenn ich an ihn denke, und alles ist so eingenommen von seiner Pr├Ąsenz in meinem Herzen, dass ich weder ein noch aus wei├č.

Irgendwie muss ich ihn finden, irgendwo im Meer, zwischen den Quallen. Irgendwie m├╝ssen wir einen Weg finden, all das zu retten. All die Scherben, in die wir inzwischen geschlagen wurden, wieder zusammenzuf├╝gen und ein Leben zu leben, das befreit ist von Unendlichkeit und Wissen. Das befreit ist von Hass und Trauer. Ein Leben, in dem es nichts mehr gibt, das zwischen uns steht, zwischen ihm und mir. In dem wir einfach nur im Gras liegen k├Ânnen, den Duft von Blumen riechen und den milden Schein der Sonne auf unserer Haut sp├╝ren.

Ich bin so sicher, dass es dieses Leben geben muss, seitdem ich gesp├╝rt habe, welche Macht wirklich in mir darauf lauert, genutzt zu werden. Ich wei├č, dass es dieses Leben gibt.

Abtrennung

Jedes Licht, ob von uns hervorgerufen oder selbstst├Ąndig in den Ecken des Raumes entstanden, ist gel├Âscht, als wir alle einander murmelnd eine gute Nacht w├╝nschen und die Eing├Ąnge unserer Zelte schlie├čen. Es verwirrt mich selbst schon seit Tagen, wie wohl und geborgen ich mich f├╝hle, wenn wir unser Lager an sicheren Orten aufschlagen und ich warm und gem├╝tlich schlafen kann. Hat mich anfangs noch die Angst vor Ciar und den anderen W├Ąchtern geplagt, habe ich inzwischen sogar eine gewisse Art Vertrauen zu ihnen entwickelt, das ich mir nie h├Ątte vorstellen k├Ânnen.

Am Ende stand immer nur der Auftrag des Kerns zwischen ihnen und mir ÔÇô ihr Auftrag, mich umzubringen. Das ist der einzige und alleinige Grund ihrer Existenz. Und nachdem ich ihnen die Macht dazu genommen habe, sind sie willenlos und treu. Schweigende Helfer an Orten, an denen es sonst niemanden mehr gibt, der sich sorgt und k├╝mmert. Und doch bef├╝rchtete ich anfangs, nun, da er mir meine Macht wieder genommen hat, k├Ânnten sie auf den Gedanken kommen, mir doch etwas anzutun, Pl├Ąne schmieden, um die Grenzen zu ├╝berwinden, die ich ihnen auferlegt habe. Doch sie sind still. Sie sind still und das beruhigt mich ungemein.

Es riecht nach Regen, als ich die Augen schlie├če.
Nicht nach dem sauren Regen vor den T├╝ren und Fenstern, sondern f├╝r einen Moment tats├Ąchlich nach einem echten, frischen Sommerregen. Nach der Erde, die er befeuchtet, nach warmem Gras und Vergangenheit.

Manchmal denke ich, dass die Erde f├Ąllt, murmelt A’en in dieser perfekten Erinnerung, in der wir so dicht beieinander auf der Holzveranda vor den T├╝ren unseres Hauses stehen, w├Ąhrend die Welt um uns herum im Gewitter untergeht. Wenn sie fiele, w├╝rde ich mich ihr anschlie├čen.

Und du lie├čest mich und alles andere zur├╝ck.

Nein. Es g├Ąbe nichts mehr, das ich zur├╝cklassen k├Ânnte. Das ist der ideale Zustand, von dem ich tr├Ąume.
Es gibt vermutlich keinen Moment meiner Existenz, in dem ich ihn besser verstanden h├Ątte als jetzt, wo ich wartend und denkend im Bett liege und darauf sinne, ihn bald wieder ins Leben zur├╝ckzuholen. Es ist keine Option, dass alle gehen und wir allein zur├╝ckbleiben. Ebenso ist es aber auch keine Option, allein zu gehen, in dem Wissen, dass das Leben weiter geht. Nein, im idealen Zustand wird niemand zur├╝ckgelassen und im idealen Zustand geht niemand allein. Alle fallen gemeinsam.

Ich werde nie allein gehen, ob der Kern es m├Âchte oder nicht, sage ich und sein Arm legt sich um meine Schultern. Ich beobachte die kleinen Rinnsale an Wasser, die bereits aus der Dachrinne laufen und sich in gro├čen Pf├╝tzen am Boden sammeln, als ich meinen Kopf an seine Schulter lehne.

Daf├╝r werde ich auch sorgen, fl├╝stert er an meiner Schl├Ąfe und ich schlie├če unter einem wohligen Schauer die Augen. Kein Danke von meinen Lippen, denn ich habe es schon so oft ausgesprochen, dass er wei├č, was ich denke. Vermutlich w├╝sste er es auch ohne Worte.

Die Welt wird mit uns fallen.
Der Kern wird mit uns brechen.

Abtrennung

Augenaufschlag ÔÇô und ich gleite mit all meinem Sein hinein in blasses Licht, das durch die d├╝nnen W├Ąnde des Zeltes dringt, das weder blendet, noch zu viele Schatten mit sich bringt. Und doch vernehme ich hinter der Tr├╝bheit meiner langsam klarenden Gedanken noch immer das Ger├Ąusch des Regens, der an die Fenster h├Ąmmert.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich mich dazu zwingen kann, mich aus dem Wust der weichen Decken zu befreien, in die ich mich geh├╝llt habe, um mich aufzusetzen und den Eingang meines Schlafplatzes mit einem Knopfdruck zu ├Âffnen. Interessiert blicke ich mich um, aber die anderen scheinen noch zu schlafen, denn ihre Zelte sind noch geschlossen, also schl├╝pfe ich so leise wie m├Âglich in Socken und Schuhe und sch├Ąle mich aus dem kleinen Lagerplatz, um an das Fenster zu treten. Die Geb├Ąude sind erst in der Zeit nach dem dritten Weltkrieg errichtet worden und deswegen um einiges stabiler und in besserem Zustand als vorherige. Uxur hatte mir zu meinen Zeiten in Madrid viel ├╝ber Bauweisen und Architektur erkl├Ąrt, auch wenn ich mir nicht einmal die H├Ąlfte davon hatte merken k├Ânnen. Und so stark dieses Geb├Ąude auch gewesen sein mag, seine Bewohner hat es offensichtlich trotzdem nicht vor dem Tod sch├╝tzen k├Ânnen. Leider. Die Welt ist so leer geworden.

Wenn ich nun aus dem f├╝nften Stock hinabblicke, dann sehe ich die bl├Ąulich schimmernde Stra├če unter uns, die bereits zum gr├Â├čten Teil unter Lawinen von Schlamm und Staub begraben wurde. Wir folgen schon seit Tagen ihrem Lauf nach S├╝den, direkt in Richtung des Golfes von Gibraltar, in der Hoffnung, im Meer das zu finden, wonach wir suchen.

Ein Donnergrollen durchrei├čt die Ruhe des Morgens, w├Ąhrend ich noch immer versuche, das eigenartige Halblicht und die sintflutartigen Regenf├Ąlle in Einklang zu bringen, denn das Bild, das sich meinen Augen bietet, wirkt irreal.

Erst nach einer Weile befreie ich mich von dem Anblick und schleiche zur├╝ck in das Lager, um in einer unserer gemeinsamen Taschen nach einem Becher zu suchen, den ich mit kaltem Wasser f├╝lle. Obwohl alles, das von au├čerhalb kommt, verseucht ist, sch├Âpfen wir es inzwischen aus Fl├╝ssen oder anderen Wasserl├Ąufen, denn die Technologie, die wir mit uns tragen, erlaubt es, die Vorr├Ąte in Sekundenschnelle zu reinigen. Jedes Mal, wenn ich den daf├╝r ausgelegten Beh├Ąlter f├╝lle, danke ich Glen und den anderen Wissenschaftlern im Geiste f├╝r diese kleinen Gaben, die mich den Zustand der Welt ein klein wenig leichter ertragen lassen. Auch wenn sie es am Ende waren, die ihn erst herbeigef├╝hrt haben. Aber das Thema wurde schon seit meiner Ankunft stets totgeschwiegen.

Nun habe ich schon seit unserem Aufbruch in Caen nicht mehr mit Glen gesprochen oder ├╝ber den Orbit kommuniziert, auch wenn ich wei├č, dass er auf meinen Anruf warten muss. Aber ich wage es nicht, ihn anzufunken und ich wage es nicht, abzuheben, wenn er mich kontaktieren m├Âchte. Unser Fortgehen f├╝hlte sich wie ein Abschied an ÔÇô ein Abschied f├╝r immer, denn irgendetwas tief in mir scheint mit ihm und allem anderen abgeschlossen zu haben. Und dieser Teil hat so gro├če Furcht vor dem, was er sagen k├Ânnte, dass ich nur die Augen schlie├čen und hoffen kann, es zu ertragen.

Vielleicht verlassen sie die Erde ohne uns. Vielleicht haben sie sie schon verlassen. Und was in aller Welt k├Ânnten wir dann noch tun, um nicht mehr g├Ąnzlich an uns selbst zu verzweifeln?

Ich setze vorsichtiges Licht in die Ecken der W├Ąnde, um das einfallende Grau aus den Fenstern etwas anzuw├Ąrmen, und lasse mich dann im Schneidersitz direkt darunter nieder, lehne mich an die kalte Wand. Den dunkelblauen Becher aus dem wunderbar formbaren und trotzdem festen Material stecke ich auf eine tragbare W├Ąrmezelle und warte, bis das Wasser zu brodeln beginnt. Wir k├Ânnen sie nur benutzen, weil die EneCs mich lieben, sagt Liam immer wieder, auch wenn ich mich frage, woher er Ahnung von diesen Dingen haben kann. Die kleinen Nano-Computer, die als Energieumwandler fungieren, sind bei richtiger Programmierung in der Lage, jede Form von Energie in eine andere umzuwandeln. In meiner N├Ąhe jedoch scheinen sie meinem Willen zu folgen und die Ger├Ąte anzutreiben. Das ist der einzige Grund, aus dem es uns noch so gut geht.

Als ich den Becher von der Heizstelle nehme, lasse ich einen der wenigen Teebeutel, die mir Sia heimlich mitgegeben hat, in die dampfende Fl├╝ssigkeit gleiten, um dann nach einigen Minuten den Duft des hei├čen Getr├Ąnks tief in meine Lungen zu atmen.

Ich lasse mir Zeit, w├Ąhrend ich darauf warte, dass die anderen erwachen, aber nachdem ich die Tasse mit geb├╝hrendem Genuss geleert habe, rapple ich mich wieder auf, um meine Jacke von der Lehne eines Stuhls zu klauben und aus dem Raum zu gehen, durch das Haus zu streifen. Es gibt nur wenige Zimmer auf jedem Stockwerk, daf├╝r aber einen metallenen Aufgang an der Au├čenwand des Geb├Ąudes, der jedes Zimmer und jedes Geschoss mit den anderen verbindet. Dort hinaus begebe ich mich. Das Rauschen und Poltern des Unwetters kommt mir laut entgegen, als ich die Kunststofft├╝r ├Âffne und auf den Balkon trete, der so gut von den oberen Stockwerken abgeschirmt ist, dass nur der Wind ab und an den Regen in mein Gesicht st├Ąubt.

Meine dunkelgr├╝ne Schutzjacke enger um meinen Oberk├Ârper ziehend, um nicht unn├Âtig nass zu werden, schlie├če ich die T├╝r hinter mir und gehe ein paar Schritte auf und ab, w├Ąhrend derer ich auf die zerst├Ârte Stadt unter uns hinabblicke. Ich habe nicht einmal eine Ahnung, wie ihr Name war, als hier noch Menschen lebten. Nun spielt er keine Rolle mehr, denn die letzten Bewohner sind schon so lange tot, dass nur noch die Gerippe der letzten Geb├Ąude an sie erinnern. Alles verschwimmt in dunkelgrauen Wolken und Streifen, der Horizont kann kaum weiter als einen Kilometer entfernt sein. Ab und an ÔÇô auf meinem gem├Ąchlichen Weg auf dem alten Stahlger├╝st entlang ÔÇô h├Âre ich ein Krachen aus weiter Ferne, als k├Ânnten einige der alten Riesen den Regenmassen nicht mehr standhalten und m├╝ssten unter ihnen zusammenbrechen.

┬╗Du solltest es dir angew├Âhnen, dich nicht zu weit von der Gruppe zu entfernen.┬ź

Ich schnelle erschrocken herum, als ich pl├Âtzlich Ciars gegen das Rauschen des Regens anrufende Stimme hinter mir h├Âre, auch wenn ich wei├č, dass ich ihn h├Ątte kommen h├Âren sollen.

┬╗Ich wollte mir nur etwas die Umgebung ansehen┬ź, erkl├Ąre ich und er nickt verstehend. Ich erinnere mich an all die Gr├Ąueltaten, die er mir in den letzten beiden Leben angetan hat. Mir und anderen. Es macht mir noch immer Angst, dass er sich jetzt so ver├Ąndert zu haben scheint. ┬╗Es sieht nicht so aus, als k├Ânnten wir heute weit kommen┬ź, f├╝ge ich an, was er mit einem ernsten Nicken quittiert.

┬╗Ja, das habe ich auch gedacht. Vielleicht w├Ąre es besser, hier zu bleiben, bis der Regen vorbei ist. Wir k├Ânnten den Plan f├╝r die n├Ąchsten Tage aufstellen.┬ź

Und ich seufze dankbar, weil ich so unendlich erleichtert von diesen Worten bin. Meine m├╝den F├╝├če ausruhen, selbst wenn es nur f├╝r einen Tag sein sollte, das klingt nach einer Wonne. Nach einer dunklen und doch wunderbaren Traumvorstellung.

Abtrennung

Wir sitzen im Kreis, nachdem auch die anderen gegessen haben, und beugen uns ├╝ber den Orbit. Das metallisch rote, handyartige Ger├Ąt schafft einen HethScreen in der Luft zwischen uns, auf dessen verschiebbaren Oberfl├Ąchen Ciar vor- und zur├╝ckscrollt, bis er zwischen all den leuchtenden Punkten und Linien die Stadt gefunden hat, in der wir uns offenbar befinden. Spanien, nicht weit s├╝dlich der ehemaligen Hauptstadt. Nun trennen uns noch etwa zehn bis elf Tage von Marbella, der Stadt in Spanien, die wir als Ziel anstreben.

Ich h├Âre kaum zu, als die anderen Vier die Route und unsere n├Ąchsten Rastpl├Ątze durchgehen, schaue mich stattdessen im Raum um, ziehe mir irgendwann die Schuhe und die Socken wieder von meinen F├╝├čen und untersuche die blutigen Blasen, die sich inzwischen ├╝berall unter meinen Sohlen angesammelt haben. Und ich kann nichts tun, um den Schmerz zu lindern, denn weder haben wir Medikamente finden k├Ânnen noch bin ich in der Lage, mich so schnell selbst zu regenerieren wie vor wenigen Wochen noch. Wohin sind die Zeiten, in denen ich nur zerfallen musste, um mich dann wieder frisch zusammensetzen zu k├Ânnen?

Ich seufze und streiche mir etwas verloren durch das wirre Haar.

┬╗Ich werde schauen, ob ich eine Duschzelle finde, die ich mithilfe der EneCs in Ordnung bringen kann┬ź, verk├╝nde ich, als die anderen mit ihren Besprechungen geendet haben. ┬╗Vielleicht klappt es dieses Mal tats├Ąchlich, bei diesem Regen.┬ź Etwas schwerf├Ąllig rapple ich mich auf und husche barfu├č ├╝ber den Teppich, um in einer der Taschen nach einem Handtuch, frischer Kleidung und einem Paar weiter Schuhe suchen, die ich mir f├╝r meinen Weg locker ├╝ber die geschundenen F├╝├če ziehen kann.

Wortlos verschwinde ich aus dem Raum, aus der Wohnung, um auf dem Flur zu sehen, welche anderen Bereiche des Hauses noch ohne Probleme zu betreten sind. Innerhalb der Wohnappartements gibt es keine Duschen und keine K├╝chen, das hatten wir bei unserer Ankunft bereits festgestellt.

Ein kalter Wind schleicht durch die Ecken und Winkel der Flure, auf deren Treppen ich mich nach unten bewege. Ich versuche, all den Dreck und den Schmutz auszublenden, den Schimmel, der ├╝berall seinen modrigen Geruch nach Tod und Verfall verbreitet. Ich h├Ątte gedacht, mich nach einigen Monaten in dieser Welt daran gew├Âhnen zu k├Ânnen, aber inzwischen bin ich ├╝berzeugt davon, dass es unm├Âglich ist. Egal, wie oft ich mich wasche, der Schmutz legt sich immer wieder wie eine zweite Haut auf meinen K├Ârper ÔÇô und so steigert jeder Tag den Ekel vor mir selbst. So wird jede Ber├╝hrung zu einer fast un├╝berwindbaren H├╝rde.

Ich denke, es ist gut, wenn das Schmutzigsein dein einziges Problem darstellt, hat Ciar vor wenigen Tagen gesagt und eigentlich hat er recht damit.

Ich suche mir vorsichtig meinen Weg durch ein paar d├╝stere G├Ąnge, bis ich irgendwann im Erdgeschoss hinter einer halb in den Angeln h├Ąngenden T├╝r einen gro├čen Duschraum finde. ├ťber zwanzig Duschzellen stehen hier nebeneinander, ohne Barrieren, welche die sich waschenden Personen vor Blicken h├Ątten sch├╝tzen k├Ânnen.

Ich werfe einen Blick zur Doppelt├╝r der Eingangshalle hin, die noch relativ stabil wirkt, obwohl sie nur aus einem fragilen, glas├Ąhnlichen Material gefertigt worden zu sein scheint. Sie bietet die einzige Lichtquelle f├╝r alle umliegenden R├Ąume, also s├Ąe ich auch in dem gro├čen Badezimmer das Licht der Nano-Computer in die Decken und an die W├Ąnde, quetsche mich durch den schiefen T├╝rspalt hindurch und schaue mich langsam um, lasse die Kleidung und das Handtuch aus meinen H├Ąnden gleiten. Ich mustere die zersprungenen und dreckigen Fliesen, die den Gang bilden und das plastikartige Material, aus dem der Untergrund der Zellen gefertigt ist.

So viele Stockwerke liegen nun ├╝ber mir und es wird mir doch etwas mulmig, als ich nach oben schaue und die schon halb durchgedr├╝ckte Decke sehe, an der sich gro├če Wasser- und Schimmelflecken sammeln, aus denen langsam eine dunkle Fl├╝ssigkeit tropft.

Ich bin recht unsicher, was ich nun, da ich hier bin, tun soll, denn jeder bisherige Versuch, einen Gegenstand in dieser Art zu reparieren, ist mir nicht gelungen. Das Problem ist vermutlich, dass nichts von dem, was ich tun kann, was ich bewirken kann, mit Logik oder Denken zu tun hat. H├Âchstens mit Bewusstsein und Unterbewusstsein, doch selbst damit kann ich es nicht hinreichend erkl├Ąren. Ich denke, es ist vielmehr dieser alte und allwissende Teil tief in meiner Seele, der die Dinge so steuern und ver├Ąndern kann, dass sie am Ende so werden, wie ich es w├╝nsche. Und auch, wenn es sich nicht wie Kontrolle anf├╝hlt, ist bisher noch nie etwas geschehen, das ich nicht gewollt h├Ątte. Nicht wirklich, denke ich.

Das ist deine Gabe als Kernstaub, hat Glen einmal gesagt, als er mich noch nicht gemieden hat. Dass du alles ver├Ąndern kannst, vollkommen unabh├Ąngig von Gesetzen, Logik und Verstand. Aber seit meiner Begegnung mit dem Zentrum des Systems sind nur noch Reste und Bruchst├╝cke von meiner eigentlichen Macht ├╝briggeblieben. Mit ihr ist alles gegangen, das mich stark und au├čergew├Âhnlich gemacht hat. Und trotzdem bin ich in einigen Momenten dankbar daf├╝r, denn die Erinnerung an mein altes Ich, an meinen alten, vollkommenen Zustand, den ich nur f├╝r wenige Tage hatte kosten k├Ânnen, macht mir Angst. So wenige Emotionen kennzeichnen ihn. So viel trockene Berechnung, verbunden mit der Arroganz derjenigen, die wissen, dass sie besser und m├Ąchtiger sind als der Rest der Menschheit. Ich wusste es genau. Vielleicht war es das, was mich so grausam gemacht hat. Zumindest in meinen eigenen Augen.

Bevor ich etwas unternehme, erkunde ich den Raum, versuche, mich in ihn einzufinden und ihn zu verstehen. Manchmal ist es, als w├╝rde ich Fetzen vergangener Tage schmecken und sp├╝ren k├Ânnen, wenn ich mich den Dingen hingebe. Wie Kinderlachen und Wasserschlachten, Gekicher und Schamgef├╝hle, die sich in den Fugen der Fliesen verfangen haben.

Ich dr├╝cke die T├╝r am Ende des langen, im Halbschatten liegenden Duschraumes auf und schaue in die Dunkelheit eines weiteren Badezimmers mit vielen Waschbecken und Spiegeln, die mich augenblicklich den Blick senken und abwenden lassen.

Nein, ich m├Âchte mich nicht sehen. Nicht das eingefallene Gesicht, die hervorstechenden Wangenknochen und die blutunterlaufenen Augen. Nicht die spr├Âden Lippen und nicht das Haar, das wieder ausbleicht, seitdem ich mich nicht mehr neu ordnen kann. Und war es vor einigen Tagen noch strahlend Rot, kann man die Farbe der mir ins Gesicht h├Ąngenden Str├Ąhnen nur noch schwerlich zwischen orange und blond einordnen.

Seufzend dr├╝cke ich die T├╝r wieder zu und fliehe vor mir selbst.

Nur langsam trete ich auf eine der Zellen zu und streiche mit den Fingern ├╝ber die gro├če Schaltfl├Ąche des Kontrollmoduls. Wie erwartet geschieht nichts, nicht das kleinste Ger├Ąusch ert├Ânt, kein Tropfen Wasser dringt aus der verkalkten Anlage ├╝ber mir. Ich fahre noch einmal mit Nachdruck ├╝ber das Feld, doch abermals tut sich nichts. Ich hatte auch gar nichts anderes erwartet.

Was muss ich jetzt tun? Das Licht zu verteilen, geschlossene T├╝ren zu ├Âffnen, vielleicht sogar Wasser anzuw├Ąrmen gelingt mir inzwischen mit Leichtigkeit, allein ├╝ber die Verbindung, die meine Gedanken mit den ├╝berall in der Welt verstreuten EneCs haben. Was aber muss geschehen, was muss ich ver├Ąndern und modifizieren, um eine alte Duschanlage zu reparieren? Was ist der Unterschied zwischen all diesen Aufgaben? Er kann doch nicht so gro├č sein!

Oh, wenn meine eigene Unf├Ąhigkeit mich doch nur nicht so aufregen, so belasten w├╝rde!

Ich gehe an beiden W├Ąnden entlang und wiederhole meine Versuche an jeder Zelle. Mal f├╝r Mal das Streichen ├╝ber die feuchte Staubschicht der Kontrollfelder und Mal f├╝r Mal der Versuch, mit den Gedanken die alten Verbindungen zu erahnen, die Rohre und Leitungen zu erkennen, um vielleicht durch das Wissen um ihre Position in der Lage zu sein, etwas wiederherzustellen.

Ich ├╝berlege bereits nach einer Seite des Raumes, die ich abgetastet habe, aufzugeben und wieder hinaufzugehen, vielleicht etwas Regenwasser in einem Gef├Ą├č zu sammeln und mich damit zu waschen, doch dann entscheide ich mich doch noch f├╝r einige wenige Versuche an der gegen├╝berliegenden Wand und tats├Ąchlich klappt es bei der letzten Zelle, bei der ich es versuche. Links neben der T├╝r, die f├╝nfte Dusche. Bereits als meine Finger leicht ├╝ber die bl├Ąuliche Schaltfl├Ąche streichen, vernehme ich ein Gurgeln und Grollen ├╝ber mir, springe ein St├╝ck zur├╝ck, um zu beobachten, wie schon im n├Ąchsten Moment eine braune Suppe aus dem Duschkopf rinnt und auf den hellen Untergrund pl├Ątschert, um dann von einem Abfluss im Boden verschluckt zu werden.

Mein Herz schl├Ągt schneller. Ich verstehe nicht, was ich getan habe oder ob das Funktionieren ├╝berhaupt etwas mit meinen unterbewussten Bem├╝hungen zu tun hat. Ich verstehe es einfach nicht. Lange beobachte ich, wie das Wasser klarer und klarer wird, bis es so rein geworden ist, dass ich denke, es wagen zu k├Ânnen. Also hole ich das Handtuch in Reichweite, um es an die daf├╝r vorgesehene Halteeinrichtung zu klemmen und mich dann zu entkleiden.

Ein kalter Schauer f├Ąhrt ├╝ber meine Haut, als ich mir das Shirt ├╝ber den Kopf streife. Probeweise halte ich eine Hand unter den Wasserstrahl und stelle fest, dass er eher lauwarm als wirklich perfekt temperiert ist, aber meine Freude dar├╝ber, nach so langer Zeit wieder duschen zu k├Ânnen, ├╝berdeckt selbst diesen Umstand.

Die Gelenke meines Metallarms quietschen vernehmlich, als ich mir den Rest meiner Kleidung vom Leib streife und den kleinen Haufen neben das Handtuch klemme. Ich frage mich fast jeden Tag, warum ich ihn damals nicht einfach zur├╝ckgeholt habe, meinen echten Arm. Es w├Ąre so leicht gewesen, aus diesem k├╝nstlichen K├Ârperteil eines aus Fleisch und Blut zu machen. Aber vielleicht war mir genau diese Schwere, die an meiner Schulter h├Ąngt und meine Wirbels├Ąule kr├╝mmt, damals schon so vertraut, dass ich mich ohne sie schon gar nicht mehr vollst├Ąndig f├╝hlte. Vielleicht.

Fast etwas and├Ąchtig trete ich unter die pl├Ątschernden Wassertropfen, erwarte f├╝r einen Moment fast, dass doch wieder die ach so bekannten Schmerzen eintreten, wenn das Wasser die Haut benetzt, wie auch beim Regen vor den T├╝ren, doch dieses Mal gibt es keine Verbrennungen, kein Prickeln auf der Haut, wenn die S├Ąure sie trifft, die von der Natur nicht abgebaut werden kann ÔÇô nur Wohlgef├╝hl und Entspannung.

Dankbar streiche ich meine Haare zur├╝ck, stehe vermutlich minutenlang einfach nur da, vollkommen paralysiert vom Ger├Ąusch des Wassers und dem Gef├╝hl, das seine Ber├╝hrung auf meiner Haut ausl├Âst. Und ich tr├Ąume mich in Zeiten zur├╝ck, in denen all das noch kein Wunder war.

Abtrennung

Ich wei├č nicht, wie lange ich gebraucht habe, um mich von dem w├Ąrmer werdenden Wasser unter der Dusche loszurei├čen, das Kontrollfeld seufzend zu bedienen, um mich dann gr├╝ndlich abzutrocknen und die frische Kleidung anzuziehen. Die Hose ist mir inzwischen zu gro├č und ich muss den G├╝rtel bis ins letzte Loch zuziehen, damit sie mir nicht von den H├╝ften rutscht.

Als ich eingekleidet bin, klaube ich den Rest meiner Sachen auf, schl├╝pfe in meine Schuhe und bin noch dabei, mir die Haare mit dem Handtuch trocken zu reiben, als ich mich der T├╝r zuwende und dort so pl├Âtzlich eine Gestalt entdecke, dass ich zusammenfahre und einen Schritt zur├╝ckstolpere.

Es dauert ungew├Âhnlich lange, bis ich die Person erkenne, die nur halb sichtbar hinter der schr├Ągen T├╝r steht und mich mit einem interessierten Ausdruck in den schwarzen Augen mustert.

┬╗Ciar?┬ź, frage ich leise und gehe mit klopfendem Herzen auf ihm zu. Er l├Âst sich aus seiner an den T├╝rrahmen gelehnten Position und schiebt die T├╝r ein St├╝ck auf, sodass ich unter seinen Armen hindurchschl├╝pfen kann. ┬╗Wie … lange stehst du da schon?┬ź, frage ich irritiert und schaue zu ihm auf; und ich erkenne mit Schrecken, dass sich dieses verst├Ârend h├Âhnische L├Ącheln auf seinen Z├╝gen abbildet, das ich schon so gut von ihm kenne.

┬╗Lange genug┬ź, grinst er.

Ich schlucke angestrengt und bem├╝he mich um Fassung, die mir immer wieder entgleitet.

┬╗Aber ich ÔÇŽ was? Warum?┬ź, stottere ich, w├Ąhrend er einen Schritt auf mich zukommt und ich ebenso weit zur├╝ckweiche. Wir sehen einander so lange in die Augen, dass mir mulmig wird und ich mich frage, wohin das Vertrauen verschwunden ist, das ich in den letzten Tagen in seinem Gesicht gefunden zu haben glaubte. Wer ist er?

┬╗Ich m├Âchte eigentlich auch nur duschen, wenn du das erlaubst.┬ź Noch immer schwenkt dieser abf├Ąllige Unterton in seiner Stimme mit.

┬╗Tu was du nicht lassen kannst┬ź, fl├╝stere ich, als er endlich wegsieht und in den Raum schaut, in dessen Ecken noch immer das Licht der EneCs klebt.

┬╗Du kannst auch gern zusehen, wenn du m├Âchtest┬ź, grinst er und ich kann nichts tun als angewidert den Kopf zu sch├╝tteln.

┬╗In deinen Tr├Ąumen vielleicht┬ź, grummle ich, stehle mich in gro├čem Bogen an ihm vorbei und laufe die Treppe hinauf, so schnell mich meine F├╝├če tragen.

┬╗Dort auf jeden Fall┬ź, ruft er mir lachend hinterher.

Abtrennung

Im Versuch, mich zu beruhigen, suche ich mir aus einem der leerstehenden Appartements einen gro├čen Eimer, ziehe die Kapuze meiner Jacke tief in mein Gesicht und bringe ihn hinaus in den Regen. Als ich dabei an der Eingangshalle und dem angrenzenden Duschraum vorbeikomme, sp├╝re ich, wie sich eine tiefe Falte auf meiner Stirn bildet.

Ciar. Ich dachte, ich h├Ątte ihm mit seiner Uhr all das genommen, was ich einmal an ihm gehasst habe, aber das scheint leider nicht gelungen zu sein. Dabei w├╝rde ich ihn so gern m├Âgen, denn zu viele gute Erinnerungen aus meinem Leben vor der Ankunft in dieser toten Welt sind mit ihm verkn├╝pft. Zu viel W├Ąrme und Geborgenheit haften allein schon an seinem Anblick und jedes Mal zerrei├čt es mich, wenn ich in sein widerliches Gesicht sehe.

Wenn doch nur A’en hier w├Ąre. Er ist der Einzige, der in der Lage w├Ąre, all diese dummen Zweifel mit einer Handbewegung fortzuwischen.

Nachdem ich einige Anstrengungen bew├Ąltigen musste, die gro├če T├╝r zu ├Âffnen, husche ich in den Regen, um erst den Staub aus dem Eimer zu waschen und ihn dann stehen und volllaufen zu lassen, w├Ąhrend ich unter den zumindest halbwegs trockenen Unterstand vor dem Eingang fl├╝chte. Die Stellen, an denen der Regen meine Finger benetzt hat, brennen schon jetzt, und ich versuche, das Wasser an meiner Hose abzureiben. Der spezielle Stoff der Kleidung ist gl├╝cklicherweise vor jeder Form von Strahlung und S├Ąure gesch├╝tzt.

Nachdem ich das Wasser mit dem sonden-├Ąhnlichen Ger├Ąt, das ich in meiner Tasche bei mir trage, gereinigt habe, setze ich mich in den Eingang und versuche, meine alte Kleidung so sauber wie m├Âglich zu schrubben. Die Arbeit ist einfach, aber sie vermag es zumindest f├╝r einige Momente, meine Gedanken auf sich und von allem anderen wegzulenken.

Als meine Finger bereits wund und eiskalt sind, rapple ich mich aus meiner hockenden Position auf, wringe die W├Ąsche so gut wie m├Âglich aus und trage sie in dem behelfsm├Ą├čigen Korb die Treppen nach oben. Im Nebenraum unseres Zimmers h├Ąnge ich die wenigen Kleidungsst├╝cke ├╝ber d├╝nne Seile, die Manjana und Liam bereits angebracht haben, dann sammle ich die W├Ąsche meiner Begleiter zusammen, um sie ebenfalls nach unten zu tragen.

In der Eingangshalle, die nur vom blassen Licht des regnerischen Tages beleuchtet ist, wartet Ciar bereits schweigend mit einem neuen Eimer Wasser auf mich. W├Ąhrend ich langsam auf ihn zutrete, hoffe ich, dass mein Schweigen ihn mehr ├Ąrgert als ein erneuter Versuch, ihn auf vorhin anzusprechen. Ich strafe ihn mit stiller Missachtung, w├Ąhrend wir beide einer stillen ├ťbereinkunft folgend auch den Rest der W├Ąsche waschen und danach oben aufh├Ąngen.

┬╗Das n├Ąchste Mal, wenn ich allein aus dem Raum gehe, dann k├Ânntet ihr darauf achten, dass Ciar mir nicht folgt┬ź, weise ich die anderen Drei an, als er und ich nebeneinander eintreten und uns zu unseren Zelten begeben. Manjana und Liam sitzen nebeneinander an die Wand gelehnt dort und schauen zu mir hinauf. Ihre Schultern ber├╝hren sich und ich frage mich, ob sie es ├╝berhaupt bemerken. Und ob K├Ârperlichkeit f├╝r sie wohl ├╝berhaupt eine Rolle spielt. Zumindest Ciars Denken scheint sie ja vollkommen einzunehmen.

┬╗Als w├╝rde er auf uns h├Âren┬ź, seufzt Manjana und als ich mich in den offenen Eingang meines Zeltes dr├╝cke und meine kalten, ger├Âteten H├Ąnde zwischen meinen Decken w├Ąrme, streifen sich unsere Blicke. In ihrem scheint so wenig zu sein ÔÇô so wenig Menschliches und daf├╝r so viel Altes. Als w├╝rde der Kern aus ihrem Gesicht zu mir fl├╝stern.

┬╗Nein. Nat├╝rlich w├╝rde ich das nicht┬ź, spottet Ciar lachend und schiebt sich zu Nima in das Zelt, die ihn fragend und wie immer etwas hilflos mustert, w├Ąhrend er nur mich anschaut. Woher kommen seine pl├Âtzlichen Sinneswandlungen?
┬╗Dann haltet zumindest eure Ohren offen┬ź, bitte ich und lege mich auf den weichen Untergrund zur├╝ck. ┬╗Ihr k├Ânnt mir ja wenigstens helfen, wenn ich um Hilfe schreie.┬ź

┬╗Wird gemacht!┬ź, verspricht Nima fr├Âhlich und ich lache leise.

19 Wolkengedanken zu “Kapitel 2

  1. Herzlich willkommen und herzlich willkommen zur├╝ck, liebe Leser. In Kapitel 2 geht es nun – anders als in Kapitel 1 – eher wieder “wie erwartet” zu. Ein Wiedersehen mit bekannten Charas ist auf jeden Fall auch hier wieder garantiert!

    Viel Spa├č beim Lesen, ihr Lieben. Ich hoffe, es wird euch gefallen und ├╝ber Kommentare freue ich mich wie immer riesig ÔÖąReference

  2. Eigentlich eine traurige Existenz, auch wenn ich mit Ciar nicht wirklich Mitleid haben kann. Ich frage mich auch, ob Mara da keine falschen Schl├╝sse zieht. Wer wei├č, was Ciar so plant.Reference

    1. Interessante Gedanken. Ich kann mir vorstellen, dass es extrem schwerf├Ąllt, mit Ciar Mitleid zu haben – geht mir oft genauso. Und er hat nun ja auch schon oft genug bewiesen, dass Misstauen bei ihm nicht unbedingt unbegr├╝ndet ist.

      1. Mein Problem mit Ciar ist auch einfach, dass die W├Ąchter immer so seelen- und willenlos wirken. Prinzipiell finde ich ja zum Beispiel Liam schon cool – aber irgendwie haben sie immer etwas fremdgesteuertes an sich, was mich an der “richtigen” Sympathie hindert.

        Ah, ich muss dringend weiterlesen. :D

      2. Na ja, sie wirken ja nicht nur seelen- und willenlos, sie sind es ja tats├Ąchlich :D Dass man da keine gro├če emotionale Bindung aufbauen kann, ist nat├╝rlich schon klar. Dadurch, dass sie sich eben auch nur an das erinnern, woran sie sich erinnern m├╝ssen, kann auch keine wirkliche Charakterbildung stattfinden. Klar, bei Jana und Liam schon eher. Aber trotzdem …
        Es sind halt keine Menschen :/

      1. F├Ąllt zumindest mehr auf als “aufheben” oder so :D Kam zumindest im letzten Drittel von Kernstaub schon ├Âfters mal vor (hatte ich den Eindruck, vielleicht ist das auch nur so ein Wort, was mir auch nicht mehr aus den Gedanken geht..)

      2. Stimmt, solche Worte fallen auf jeden Fall mehr auf als allt├Ągliche Worte. Da erinnert man sich manchmal Kapitel sp├Ąter noch dran. Ich suche auf jeden Fall mal durch und schaue, ob ich es hier und da noch ersetzen kann! :)

  3. Hier ist also wieder unsere Maja aus Kernstaub :) War das im letzten Kapitel ein Paralleluniversum?
    Hm, ob Mara den W├Ąchtern wirklich vertrauen kann? Zumindest Ciar scheint ja noch nicht alles von seinem fr├╝heren Verhalten abgelegt zu haben. Er ist mir immer noch extrem unsympathisch. Mal sehen, ob sich das noch ├Ąndern wird oder ob er noch etwas anstellt. Ich denke, er f├╝hrt nichts Gutes im Schilde.
    Mara tut mir leid und es macht mich wirklich traurig, dass sie A’en verloren hat, so kurz nachdem sie wieder zueinander gefunden hatten.

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