Kapitel 11

In dem ich in weiĂźem Licht gefangen bin und mit einem Wolf verhandle

»Vielleicht atme ich dich und du kriechst in den leeren Raum meiner Lungen. Bevor wir beide es noch verstehen, geht dann der Mond in meinem Herzen auf und splittert alte Leiden.«

241 N.TH. – 2639 N.CHR. – DIE QUALLENPHASE – 13. UMBRUCH
12. & 18. FEBRUAR

Bisweilen neigen meine Träume dazu, mir die schmerzlichsten Erinnerungen von allen wieder ins Gedächtnis zu rufen; Gedanken und Zweifel, die so alt sind und so tief in mir verborgen lagen, dass ich mich in wachem Zustand kaum mehr daran entsinnen konnte, sie je mein eigen genannt zu haben. Heute wollen wir fallen, damit wir keine Angst mehr vor dem Morgen haben müssen. Nun erinnere ich mich wieder so deutlich daran, genau diese Worte immer wieder gemurmelt und ausgesprochen zu haben und sie sind das Einzige, das sich jetzt noch in den engen Raum meines Geistes quetscht, als ich aus einem Traum schlüpfe und denke, nach Jahren des Schlafes wieder zu erwachen. Heute wollen wir fallen, damit wir keine Angst vor dem Morgen haben müssen. Heute wollen wir sterben, um nicht das Leid der Zukunft als Last auf unseren Schultern zu erdulden.

Schmerz. Nicht jetzt, nicht hier, aber so tief in meiner jüngsten Erinnerung. Ich hätte lieber sterben sollen, als all das ertragen zu müssen, was ich ertragen habe – nicht nur an diesem letzten Tag meines Wachseins, sondern immer. Lieber hätte ich für immer vergehen sollen, als ein Leben zu leben, das keines ist. Aber der Kernstaub in mir lässt mich nicht. Er lässt mich nicht los.

Ein Augenaufschlag, ein Anheben des Kopfes und eine eigenartige Schwere, gegen die ich ankämpfen muss, während ich in ein Licht schaue, das so matt ist, dass es selbst meine erwachenden Augen nicht blenden kann. Ein in dunkles Blau gehüllter Raum umgibt mich und obwohl mich selbst eine wohlige Wärme kleidet, wirkt alles an dem Badezimmer, in dem ich mich offenbar befinde, kalt und abweisend. Die Wände sind zu allen Richtungen weit von mir entfernt, die Fliesen wirken trotz ihrer dunklen Färbung eigenartig steril. Metallene Schränke in allen Höhen sammeln sich an den Seiten und auf vielen ihrer kahlen, glänzenden Oberflächen lagern weiße Instrumente, die nur verschwommen im Rand meines Blickfeldes aufblitzen.

Ein Badezimmer. Instrumente.

Wo ist mein Arm?

Ich blinzle einige Male, dann sehe ich an meinem Körper hinab und erschrecke, als ich das Becken sehe, in dem ich liege, bis zum Rand gefüllt mit weißer Flüssigkeit, die meinen Körper umschließt. Zäh wie Leim ist sie. Und als ich mich zu rühren versuche, tropft sie nur in dicken Strängen von meinen Fingerspitzen, von meinem Oberkörper als ich mich aufsetze.

Was ist das hier? Wer waren diese Menschen, die mich auf dem Boot gefangen genommen haben, und wo haben sie mich hier eingesperrt? Ich …

»Ah, du bist also wach.«

Ich erstarre in meinen Bewegungen und schlucke angestrengt, als ich die fremde Stimme vernehme. Zur Hälfte habe ich mich aus der dickflüssigen Masse befreit, die sich wie eine zweite Haut an meinen Körper drückt und mich wieder hinabzuziehen versucht.

»Du solltest dich lieber wieder hinlegen. Der Prozess ist noch nicht ganz abgeschlossen.«

Die dunkle Männerstimme hinter mir bereitet mir eine ungewöhnlich große Angst, trotzdem weiß ich nicht, warum ich es nicht wage, mich zu ihr umzudrehen und stattdessen versuche, mich weiter hochzukämpfen, mich aus diesem eigenartigen Schleim zu befreien.

Es ertönen Schritte hinter mir, als ich gerade versuche, auf meine Füße zu kommen. Bis zur Hüfte reicht mir die Flüssigkeit selbst im Stehen noch, was das Vorhaben, mich auf den Ausgang des in den Boden eingelassenen Beckens zuzuschieben, erheblich erschwert. Ich habe mich noch immer nicht zu dem Fremden umgewandt, als er mich bereits am Arm packt und sacht wieder zurückzieht.

»Hey, verstehst du mich nicht?«, ruft er nun doch etwas aufgebrachter und ich wende meinen Kopf, um ihn mit einer Mischung aus Erschrecken und Trotz anzusehen. Wie auch bei den Menschen, die mir auf dem Boot begegnet sind, zieren verschlungene Tätowierungen sein Gesicht, schlängeln sich auf seiner Nase und seinen Wangenknochen entlang. Ich entdecke ebenfalls eines auf seiner Stirn, das halb von einigen dunkelblonden Haarsträhnen verdeckt wird, als wir einfach nur dastehen und einander schweigend mustern.

Ich bin also in der weiĂźen Stadt. Es kann nicht anders sein.

»Ich habe gesagt, du sollst dich wieder hinlegen.« Eigenartigerweise finde ich keine Wut und keine Drohung in den Augen des Fremden – nur dieselbe drängende Bitte, die auch in seinen Worten liegt, gepaart mit einer Entschlossenheit, die keinen Raum für Widerspruch lässt. »Was ist los?«, will er wissen, als ich ihn nur anstarre. »Verstehst du mich nicht?«

»Warum sprichst du meine Sprache?« Ich spreche leise, meine Stimme ist so rau, dass die Worte nur gebrochen über meine Lippen kommen.

Er lässt meinen Arm los und ich sinke freiwillig wieder tiefer in das Becken hinein, bevor all die Flüssigkeit von mir abgetropft ist und mich bloß zurücklässt. Der junge Mann hingegen versucht mit einer wedelnden Handbewegung, ebendiese Flüssigkeit von seinen Fingern zu schleudern, jedoch mit wenig Erfolg. Unerwartet locker lässt er sich aus seiner hockenden Position nach hinten fallen und setzt sich im Schneidersitz auf den Boden, um mich anzusehen.

»Ich spreche alle Sprachen«, sagt er, während ich noch immer nervös dabei bin, meinen Blick von ihm abzuwenden und wieder durch den Raum schweifen zu lassen. An allen Wänden diese Metallschränke und die dunklen Fliesen. Es gibt scheinbar nur eine Tür, die nach draußen führt und sie macht einen stabilen, metallischen Eindruck. Das Becken, in dem ich liege, befindet sich direkt in der Mitte des Zimmers. Der Fremde sitzt genau zwischen mir und einem eventuellen Fluchtweg.

»Was?«, frage ich nach und er lacht leise. Die Tattoos auf seinem Gesicht verziehen sich bei jeder Veränderung seiner Mimik und ich bin fasziniert von diesem Schauspiel, auch wenn ich es ob er Dunkelheit nur schummrig betrachten kann.

»Ich bin eine Anomalie. Ich spreche jede Sprache«, erklärt er mit einem geduldigen Lächeln.

Ich bin unsicher, ob seine Freundlichkeit mich beruhigt oder verstört.

»Bist du Cjoubrick?«, möchte ich wissen, doch wieder lacht er nur.

»Nein, nein, auf keinen Fall. Mein Name ist Apryl, ich bin hier nur der Arzt. Sozusagen.« Er macht eine kurze Pause, in der er mich weiterhin intensiv mustert, während ich ihn ebenfalls von oben bis unten anschaue. Mit seinem kurzärmligen Shirt, das geometrische Tattoos an seinen recht muskulösen Armen preisgibt, sieht er ganz und gar nicht aus wie ein Arzt. Trotzdem wirkt er auf eine irritierende Weise intellektuell; auch wenn ich nicht sagen kann, ob dieser Eindruck an seinen beherrschten Gesichtszügen oder an seiner ordentlichen Sprache liegt.

»Was wollt ihr von mir?«, frage ich heiser, räuspere mich, denn fortwährend sammelt sich ein eigenartiges, bitteres Sekret in meinem Rachen an, das ich angestrengt herunterschlucke. »Was ist das hier?«

»Das regeneriert deine Haut«, gibt er mir die Antwort, die ich erwartet habe. »Du hättest dich nicht wehren sollen, dann wären all diese Dinge nicht passiert. Und dir wären einige Schmerzen erspart geblieben, denn eigentlich möchte dir hier niemand etwas tun.«

»Eure Leute auf dem Boot haben aber leider keinen sehr entgegenkommenden Eindruck gemacht«, stelle ich hartem Tonfall fest, während ich mich erst jetzt wieder an meinen zersplitterten Arm erinnere und wie instinktiv das erste Mal richtig an ihm hinabschaue. Etwas aus der weißen Brühe ziehe, das leicht ist und sich angenehm organisch anfühlt – dass nun das nahezu endlos schwere Gewicht fehlt, das all die Wochen lang an meiner Schulter gezerrt hat, fällt mir erst jetzt auf.

»Was genau wir wollen, besprichst du dann mit unserem Anführer.«

»Cjoubrick.«

»Ja, genau. Aber die meisten nennen ihn nur Cjou.«

»Und du sollst so lange auf mich aufpassen?«

Er lächelt auf seine belustigte, aber irgendwie beherrschte Art und schüttelt seinen Kopf.

»Nein, wie gesagt«, setzt er geduldig an. »Ich bin hier der Arzt und habe dich wiederhergestellt. Ich kann nur wiederholen, dass die Sache mit dem Arm und den Quallen wirklich nicht hätten sein müssen, aber es ist ganz gut, dass er ab ist.« Während er spricht, schaue ich noch immer auf mein neues, offenbar fleischliches Körperteil, hebe auch den anderen Arm über den Rand der Flüssigkeit, um sie zu vergleichen, aber tatsächlich sieht einer von ihnen genau aus wie der andere, auch wenn ich nur ihre Konturen erkenne und sie mit ihrer Ummantelung wie aus Marmor wirken. Perfekt. »Das schwere Ding, das du vorher getragen hast, hat deine ganze Wirbelsäule gekrümmt. Dass du dich überhaupt noch bewegen konntest, ist ein Wunder. Vermutlich haben all die EneCs in deinem Körper dich vor dem Großteil der Schmerzen bewahrt. Trotzdem ungesund.«

»Du hast meine Wirbelsäule gerichtet?«, frage ich nach und er nickt. »Danke«, murmle ich und lege meinen Kopf etwas schief, noch immer im Versuch, schlau aus diesem Fremden zu werden. Schlau aus ihm und der Mission, die hinter alldem stehen muss. Denn wenn sie mir tatsächlich irgendwelches Leid zufügen wollten sollten, dann hätten sie mich nicht so vollkommen wiederhergestellt. Zumindest rede ich mir das ein.

»Selbstverständlich. Ich bin Arzt.«

»Ja, das sagtest du bereits«, stelle ich fest und er schmunzelt. »Was macht ihr jetzt mit mir?«

»Nichts. Wir warten, dass du dich vollständig erholt hast und dann sehen wir weiter.«

»Aber …«

»Wir wollen nichts als sprechen«, fällt er mir ins Wort und unterstreicht das Gesprochene mit einem Heben seiner Augenbrauen.

»Wenn ihr nichts als sprechen wollt, warum habt ihr mich dann angegriffen?«

»Weil du sonst nicht mitgekommen wärst. Und es ist sehr wichtig, dass du hier bist. Du wirst schon sehen.«

Ich schaue ihn an und versuche noch immer, aus seinen Worten schlau zu werden.

»Dieser Mann am Telefon … am Orbit, er hat gesagt, ihr … ihr hättet meine Qualle«, fällt mir in diesem Moment ein und ich spreche meine Gedanken stotternd aus. »Weißt du etwas davon?«

»Du wirst schon sehen«, wiederholt der Arzt und erhebt sich in einer fließenden Bewegung. Er geht durch den Raum und lässt sich auf einem Drehstuhl vor einem der Schränke nieder, um sich unerkennbaren Dingen auf der Arbeitsplatte zu widmen, die er auch ohne Licht zu erkennen scheint. »Und nun schlaf, damit du bald wieder auf den Beinen bist.«

Abtrennung

Als ich das nächste Mal die Augen öffne, ist mir unendlich kalt und ich liege nackt am Grund des bereits leeren und sauberen Beckens. Trotz Müdigkeit und Schwindel rapple ich mich so rasch wie möglich in eine sitzende Position auf, um mich in eine der Ecken der riesigen Wanne zu drücken und meine Haut zu bedecken. Die Fliesen sind kühl und sie zu berühren, bereitet mir eine Gänsehaut.

Von der weißen Flüssigkeit, in der ich das letzte Mal noch gelegen habe, ist nichts mehr zu sehen, meine Haut vollkommen trocken. Ich scheine also bereits eine Weile hier zu liegen. Wie lange habe ich geschlafen? Wie lange befinde ich mich schon in diesem Gefängnis, das nicht aussieht wie eines? Wohin ist der Arzt verschwunden?

Inzwischen wurde ein helleres Licht eingeschaltet, das kĂĽhl und trocken jeden Winkel des Raumes ausleuchtet und in dem ich mich nur noch nackter und unwohler fĂĽhle. In meiner zusammengekauerten Pose kann ich kaum ĂĽber den Rand der Wanne schauen und recke den Kopf etwas nach oben, um mich vorsichtig umzusehen.

»Hallo?«, frage ich leise, unsicher ob ich darauf hoffe, eine Antwort zu hören oder genau das nicht zu tun.

»Ah, bist du aufgewacht«, kommt die vertraute Stimme zu mir herüber und der Arzt lugt über den Rand des Beckens zu mir hinein, setzt erst einen besorgten Blick auf, dann erhellt wieder das Lächeln seine Züge. »Du musst dich nicht verstecken. Ich hab dich operiert und bereits alles gesehen«, scherzt er, aber ich finde es alles andere als lustig und muss an eine ähnliche Bemerkung von Glen vor einiger Zeit denken. Es kommt mir vor, als wäre sie in einem ganz anderen Leben gefallen.

Das gereizte Funkeln in meinen Augen scheint ihm als Antwort zu reichen, denn der Arzt murmelt ein »Warte« und verschwindet wieder, um mir wenige Momente später einen Mantel zuzuwerfen. »Der wird zu groß sein, aber es geht ja nicht um Schönheit«, meint er von weiter weg.

Seine lockere Freundlichkeit irritiert mich noch immer, während ich nach dem dunklen, weichen Stoff greife und stocke, als ich meinen neuen Arm das erste Mal bewusst sehe.

Tattoos. Wie auch bei dem Arzt ist mein Arm von den Fingern bis zur Schulter mit kryptischen Zeichen, Kreisen, Kreuzen und Linien bedeckt. In schwarzer und goldener Tinte heben sie sich von meiner blassen Haut ab und lassen sie wie ein irritierendes Kunstwerk wirken. Und als mein Blick weiter gleitet, sehe ich, was ich viel früher hätte bemerken sollen: Es ist nicht nur mein Arm.

»Was … was habt ihr mit mir gemacht?«, frage ich, eine Mischung aus Bestürzung und Faszination in mir aufwirbelnd, als ich den Rest meines Körpers mustere, der von meinen Füßen bis zu den Schultern – und vermutlich noch höher – in die dunklen und goldenen Muster gehüllt ist.

Der Mann kehrt zurĂĽck und rasch greife ich abermals nach dem Mantel, um mich damit zu bedecken.

»Wir haben dich optimiert«, erklärt er mir und ich runzle skeptisch die Stirn. Er zieht sich wieder zurück und in Windeseile streife ich mir den dunkelblauen Kittel über die Arme und verschließe ihn mit dem Band. Dann gelingt es mir, auf die Beine zu kommen und unerwartet leichtfüßig aus dem leeren Becken zu steigen. Meine nackten Füße erzeugen nur leise Geräusche auf dem kalten Fliesenboden. Selbst aus dieser Perspektive und in Licht gehüllt sieht der Raum kahl und trostlos aus.

»Ich will es aber jetzt wissen!«, fordere ich und mustere den Mann mit dem honiggoldenen Haar, der mit vor der Brust verschränkten Armen vor mir steht. Ich habe bereits viel zu viel Zeit in dieser Welt damit verbracht, Fragen zu stellen, auf deren Beantwortung ich immer nur vertröstet wurde; selbst jetzt gibt es noch zu viele ungeklärte Dinge, die mir den Schlaf rauben. Ich habe keine Lust auf Spielchen. »Was soll das alles hier? Ich …« Ich habe mich seit Ewigkeiten nicht mehr so gesund und gut gefühlt wie jetzt, und als mir das klar wird, stocke ich doch wieder. Dass mein Arm nicht mehr aus schwerem Metall, sondern wieder aus Fleisch und Blut zu sein scheint, gibt mir ein vollkommen neues Körpergefühl. Nicht mehr so verzerrt und verkrümmt. Ich muss mich anstrengen, gerade zu stehen, denn ich scheine mich unbewusst so daran gewöhnt zu haben, das Gewicht meines schweren Armes auszugleichen, dass es mir schwer fällt, mich nun nicht mehr automatisch in die entgegengesetzte Richtung zu neigen. Meine Haut fühlt sich frisch und wie erneuert an. Und mein Geist so eigenartig rein. Als wäre ich neu geboren worden.

Sollte ich mich bedanken? Aber ich weiß immerhin nicht, was sie noch mit mir getan haben, während ich schlief, deswegen fällt es mir schwer, mich mit diesem Gedanken anzufreunden.

»Was ist?«, möchte mein Gegenüber wissen, doch ich schüttle lediglich meinen Kopf. »Vertraust du uns noch immer nicht?«

»Ich würde es tun, wenn ihr uns nicht so überfallen hättet.« Dabei kommt mir ein neuer Gedanken in den Sinn. »Wo sind meine Freunde?«, will ich wissen.

»Deine Freunde? Ich dachte, das wären irgendwelche Typen, die dich umbringen wollen.« Sein Tonfall ist nahezu sarkastisch und lässt vermuten, dass er genau weiß, wer ich bin – was ich bin – und wer es war, der mich begleitet hat.

»Ja, das auch«, seufze ich und wiege den Kopf hin und her. »Das ist in meinem Fall erschreckend oft dasselbe.«

Er lacht, als hätte ich einen Witz gemacht und bestimmt klingt es auch so, aber in Wahrheit kenne ich niemanden, der nicht zumindest einmal mit dem ernsthaften Gedanken gespielt hätte, mich zu töten. Selbst A’en und Glen. Am Ende bin ich auch fĂĽr sie der letzte Störfaktor des Systems.

»Wir haben sie gehen lassen«, erklärt er. Ich schaue immer wieder zu meinen Füßen und meinen Händen hinab. »Die Betäubung, unter die wir sie gestellt haben, hielt nicht mehr lange an, und sie sind sicher wieder am Festland angekommen.«

»Gut«, murmle ich zu mir selbst und hoffe insgeheim, dass sie bereits Pläne schmieden, um mich von hier zu befreien. Ich seufze, schlucke schwer, mein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagernd.

»Und wie fühlst du dich?«, möchte mein Gegenüber wissen, von dem ich wieder einen Schritt zurücktrete und überlege.

»Zerrissen«, gestehe ich. »Ich möchte bitte hier weg.« Ob es mir gelingt durch die offenstehende Tür zu fliehen? Ein Teil von mir möchte es, ein anderer ist diesem Apryl noch immer zu dankbar dafür, dass er mich ungefragt von allen Beschwerden befreit hat, als dass ich nun einfach gehen könnte. Und allein gegen die ganze Stadt? Wie viele Personen leben hier und was ist ihr Ziel? Warum hat man sie nicht längst zurück in den Himmel geholt und was meinte dieser Anführer, als er sagte, er hätte meine Qualle?

Nein, nun bin ich hier, in der Höhle des Löwen, die mir so viele Antworten auf brodelnde Fragen bietet, dass ich nicht mehr umdrehen kann. Ich muss tiefer hinein.

»Fühlst du dich imstande, mit Cjoubrick zu sprechen?«, möchte der Arzt wissen und ich nicke unbestimmt. Ich weiß nicht, was dieses Gespräch bringen wird – was ich sagen und verschweigen soll, wenn er mir Fragen stellt. Doch das verändert sich vermutlich nicht durch Abwarten und es gibt nichts anderes, das ich hier tun könnte. »Gut, dann könnte ich dir Kleidung und alles andere organisieren. Und etwas zu essen, wenn du Hunger hast. Ja?« Warum spricht er mit mir, als wären wir auf einer Stufe? Als wäre er auf meiner Seite, in diesem Hort aus Feinden?

Ist er auf meiner Seite oder ist das hier alles nur ein geplantes Spiel, auf das ich hereinfallen soll?

»Woher wusstest du, dass meine Begleiter mich umbringen wollten?«, frage ich ihn aus dem Zusammenhang gelöst und verwirrt davon stemmt er die Hände in die Hüften.

»Worauf willst du hinaus?«

»Ich denke nur«, setze ich unsicher an, »dass ihr uns beobachtet habt, oder? Ihr wusstet, dass wir kommen und ihr habt auch schon lange vorher gewusst, was wir tun und wer wir sind.«

»Hm, so einfach ist das nicht«, weicht er seufzend aus. »Aber das solltest du wirklich mit Cjou besprechen.«
»Ich hoffe, der lässt sich dann dazu herab, mich aufzuklären«, grummle ich leise.

Abtrennung

Wie sich herausstellt, führt die Tür, die ich als möglichen Fluchtweg erachtet hatte, in einen quadratischen, vollkommen weißen Raum, von dem drei Türen abzweigen. Unterschiedliche Zeichen zieren sie. Ich kann sie alle nicht deuten. Dieses Durchgangszimmer ist so steril und hell, dass es surreal wirkt und ich mich eigenartig beobachtet fühle.

Der Doktor wählt die Tür zu unserer Rechten, durch die ich rasch hinter ihm her husche, um dem eigenartigen Zwischenraum zu entkommen. Stattdessen finden wir uns in einem kleinen Badezimmer wieder, das demjenigen ein wenig ähnelt, das ich aus Hamburg kenne: glatte, kahle Wände, die in ein warmes Licht getaucht sind, das eigenartig beruhigend wirkt. Vor allem nach dem Raum mit dem Becken, in dem ich so lange gelegen haben muss.

Der Blick in den großen Spiegel, der nahezu die ganze gegenüberliegende Wand einnimmt, lässt jedoch mein Herz kurz aussetzen, denn er offenbart zwei Dinge, die mich gleichfalls faszinieren und schockieren.

Einerseits die Tattoos, die sich wie erwartet meinen Hals hinauf und über mein Gesicht ziehen. Vier hauchdünne Linien setzen an meinem Schlüsselbein an und enden fein wie Nadelspitzen unter meinem Kinn. Zwei breite Striche beginnen auf der linken Gesichtshälfte unter meinem Ohrläppchen und verjüngen sich bis zum Wangenknochen hin und vier breitere, goldene Striche, spannen sich über meinen Nasenrücken, lassen mich irgendwie kämpferisch wirken. Das auffälligste Mal ist jedoch das, welches wie ein breiter schwarzer Balken über beiden Ohren ansetzt und unter den Augenbrauen und knapp über den Wangenknochen entlang wie eine Maske meine Augen komplett umrahmt. Ich blinzle probeweise, doch selbst die Lider sind schwarz gefärbt, ebenso wie die Iriden.

Was mir der Spiegel andererseits offenbart, ist – wenn auch überschattet von dem Fakt, dass sich die Tattoos auch dort fortsetzen – der Umstand, dass ich auf dem Kopf keine Haare mehr habe. Irritiert hebe ich meine Finger, um die freiliegende Kopfhaut zu berühren, gemeinsam mit den Linien, die sie zieren. Und ich weiß nicht, wie ich mich fühle soll. Ich erkenne mich selbst nicht mehr und möchte die Augen vor diesem Anblick verschließen; gleichzeitig kann ich sie jedoch nicht abwenden, ungläubig und erschrocken von meinem Aussehen.

»Was bedeuten diese Linien?«, frage ich noch einmal mit erhobener Stimme und greife etwas betäubt nach der Kleidung, die der Arzt gerade auf die Ablage neben dem Waschbecken drapiert hat, vor dem ich stehe. Er hat sich diskret hinter der Tür verborgen, wofür ich ihm dankbar bin.

»Das sind Energielinien«, ringt er sich nach einer Weile doch zu erklären ab, während ich den viel zu weiten Mantel von meinen Schultern gleiten lasse und mich rasch erst in die weiche Unterwäsche und dann in die perfekt an meinen Körper angepasste Kleidung hülle.

»Energielinien?« Die schwarze Leggins schmiegt sich eng an meine Haut, aber noch immer schimmern die goldenen Muster auf meinen Beinen hindurch. Das ebenso enge, hellgraue Oberteil ist etwas länger als gewöhnlich, hat kurze Ärmel und ist recht weit ausgeschnitten. Es dauert eine Weile, bis ich es so zurecht gezogen habe, dass ich mich darin auch wohl fühle, denn das Material ist so dünn und weich, dass ich den Stoff auf der Haut kaum spüre; eher wie eine wärmende Luftschicht schmiegt er sich an meinen Körper.

»Das erkläre ich dir später, wenn entschieden ist, was wir mit dir tun.«

»Wie aufmunternd«, seufze ich. Am Ende bin ich erleichtert darüber, dass die dünne, weiße Jacke, die ich zuletzt überstreife, recht locker sitzt, auch wenn ich mich in dieser Kleidung noch immer ungewohnt und fremd fühle. »Ich bin fertig«, verkünde ich dann, mustere mich aber weiterhin stirnrunzelnd im großen Spiegel mir gegenüber. Dem Mann hinter mir scheint meine Unzufriedenheit nicht entgangen zu sein, denn er kommt auf mich zu und unsere Blicke treffen sich indirekt.

»Keine Sorge, mit deinen Haaren werden wir demnächst etwas unternehmen, wenn du dich so unwohl fühlst. Du musst so nicht bleiben, wenn du nicht willst.«

»Demnächst?« Das klingt so, als würde er erwarten, dass ich mich hier häuslich einrichte.

»Wie gesagt, sprich erst mal mit Cjou. Den Rest entscheiden wir dann.«

Und ich kann vermutlich nicht einmal mehr vor mir selbst verbergen, dass ich mich etwas davor fürchte, mit diesem Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, male mir ihn in dunkelsten Bildern aus, während der Arzt mich vorsichtig vor sich herschiebt, durch das Bad, auf eine Tür zu, die ich unsicher öffne, um dann in einen halbrunden Gang zu treten.

Einige Menschen tummeln sich hier, gehüllt in überraschend gewöhnliche aussehende Kleidung, wie ich sie auch trage. Und sie alle haben diese Verzierungen, diese Tattoos auf der Haut – meist in schwarz oder rot. Tatsächlich sehe ich niemanden außer mir, der auch goldene Male trägt. Viele der Menschen hier haben ebenfalls keine Haare und vielleicht schon allein deswegen fühle ich mich bereits nach den ersten Augenblicken wie in einer anderen Welt.

Etwas zögerlich trete ich in den Korridor, der durch an den Wänden angebrachte Rohre in Weiß und einem weichen Rot beleuchtet wird. Die Menschen, die uns entgegenkommen, scheinen mich gar nicht zu beachten. Trotzdem stocke ich und bleibe stehen, als mir klar wird, was hinter den Glaswänden des Ganges liegt.

»Sind das …«, setze ich an, spreche jedoch nicht weiter, als ich mich durch die umhereilenden Personen dränge, um näher an die Wand zu gelangen. Bräunliches Wasser wirbelt hinter ihr; und darin treibend die roten und orangefarbenen Körper der Quallen, nur träge und willenlos. »Wir sind unter Wasser?«, frage ich und Apryl folgt mir. Nun spüre ich doch, dass einige Blicke mich streifen und weiche unangenehm berührt vor den Fremden zurück.

»Ja, genau«, bestätigt mein Begleiter und bedeutet im gleichen Zug den Vorübergehenden, weiterzugehen und sich normal zu verhalten.

»Wissen diese Menschen, wer ich bin?«, flüstere ich, als wir langsam weiter gehen und ich versuche, all denen auszuweichen, die mich so aufdringlich und überrascht ansehen, bis wir in einen kleinen Nebengang einbiegen, in dem wir bis auf einige andere wieder allein sind.

»Du musst deine Stimme nicht senken, hier versteht dich sowieso niemand.« Er macht eine Pause, in der ich seufze, mich noch immer in alle Richtungen umblicke und versuche, die Eindrücke, die hier auf mich einprasseln, in mir aufzusammeln und zu einem stimmigen Bild verschwimmen zu lassen. Die weiße Stadt kurz vor Gibraltar, die offensichtlich Ausläufer hat, die tief in das Meer hineinreichen, Energielinien und ein eigenartiger Anführer, der mich lieber verschleppt, als zu versuchen, in Ruhe mit mir zu sprechen, da er doch offensichtlich etwas von mir will.

Warum gerade dieser Cjou? Müssten sie mich nicht zu Theia bringen, um sie über mich entscheiden zu lassen? Ich dachte, sie wäre die Präsidentin der gesamten oberen Welt.

»Wie viele seid ihr hier?«, frage ich weiter, ohne dass er meine letzte Frage beantwortet hat, schaue zu ihm auf, doch inzwischen mit ernsterer Miene schüttelt er den Kopf.

»Später.«

»Wenn ich mit diesem Typen gesprochen habe, schon verstanden«, grummle ich ungehalten, knete jedoch gleichzeitig meine Finger, um meine Aufregung zu kompensieren. Recht zielgerichtet steuern wir auf die Tür direkt am Ende des Ganges zu und durch das trübe Wasser, das ihn umgibt, erkenne ich, dass eben diese Tür zu einer Kuppel führt, in dem sich aller Wahrscheinlichkeit nach unser Ziel befindet.

»Sicher, dass du vorher nicht noch etwas essen möchtest?«, erkundigt sich der Doktor, doch ich schüttle entschlossen meinen Kopf.

»Nein, essen kann ich auch später.« Außerdem habe ich keinen Hunger – auch wenn dieser Umstand innerhalb der letzten Wochen schon so sehr zur Normalität geworden ist, dass ich ihn nicht erwähne.

»Gut. Er erwartet dich bereits. Du solltest freundlich sein.«

»Das würde mir leichter fallen, wenn er mich nicht fast hätte umbringen lassen«, teile ich mich mit aufgeregt pochendem Herzen mit.

»Seine Methoden sind teilweise recht radikal. Aber genau deswegen solltest du vor ihm auf der Hut sein.« Wir bleiben vor der glasig hellblauen Tür stehen und ich atme kontrolliert ein oder aus. Wenn ich nur nicht so kindisch und verunsichert wäre. Wohin ist all das Selbstvertrauen verschwunden, das ich noch in meinem Herzen trug, als der Kernstaub meine Seele vereinnahmt hatte? Verschwunden ist es, gemeinsam mit der Allmacht und dem Wissen, dass niemand mir oder meinen Freunden etwas anhaben konnte.

»Das klingt fast, als wärst du mit seiner Vorgehensweise nicht einverstanden«, stelle ich fest, aber ein Blick zu ihm hinauf zeigt mir, dass ich etwas fatal Falsches gesagt haben muss, denn er hat seine Augenbrauen zusammengezogen und tiefe Falten graben sich nun in seine Stirn.

»Wenn ich das nicht wäre, wäre ich nicht hier.« Seine Stimme ist tiefer, als noch vor wenigen Momenten, und wirkt dadurch so bedrohlich, dass ich einen Schritt von ihm wegtrete. Er legt seine Hand auf den Öffner der Tür, schaut mich jedoch fortwährend an. »Es gibt Faktoren, die du und deine Freunde in eurer Kleingeistigkeit nicht gesehen habt. Faktoren, die das System beeinflussen und die ihr nie in eure Überlegungen miteinbezogen habt. Das ist nicht weiter schlimm, weil wir da waren, um uns ihnen zu widmen. Aber ich rate dir, nicht vorschnell zu urteilen. Die Motivation und die Überzeugungen der Menschen in dieser Stadt sind vermutlich ehrlicher und reiner als die aller Personen, die du kennst.« Er macht eine Pause und fährt mit den Fingern über die Schaltfläche. Die Tür schiebt sich zur Seite auf und er nickt mir zu. »Daran solltest du denken, wenn du mit ihm und uns sprichst.«

Ich nicke, noch weiter verunsichert ob dieser kryptischen Ansprache, habe jedoch bereits kaum mehr Ohren für seine Worte, als er meint, ich solle mich nach dem Gespräch bei ihm melden – und ich eintrete.

Wie bereits von außen erahnt, betrete ich einen großen, kuppelförmigen Raum, der den Blick auf die Quallenkörper, die schwach durch das schmutzige Wasser treiben, nach allen Seiten hin freigibt. In der Mitte des Raumes steht ein breiter Schreibtisch auf einem bunten Teppich, der die Linien und Zeichen fortsetzt, die auf dem Boden gemalt sind. Der ganze Raum scheint ein abgestimmtes Kunstwerk zu sein, in dem sich Rot, Weiß und Blau abwechseln. Einige niedrige, weiße Schränke drücken sich an die Wände und schmiegen sich eigenartig harmonisch in das Muster aus Ranken und Kreisen. Alles ist unerwartet unordentlich. Die Regale sind vollgestellt mit Bildern, Fotoprojektionen, Büchern, Unterlagen und ebenso wie auf dem Boden tummeln sich hier Hunderte von kleinen, bunten Gegenständen, die ich noch nie gesehen habe.

Ich trete einen weiteren Schritt nach vorn und erst jetzt schließt sich die Tür vernehmlich hinter mir, gleichzeitig beginnt die Stelle, auf die ich meinen Fuß setze, zu leuchten, bis ich sie wieder entlaste und mein Gewicht auf den anderen Fuß verlagere, der seinerseits auch ein bläuliches Leuchten erzeugt.

Was ist das alles hier?

Namenlose Gegenstände, Stoffe, Spielzeug, all das häuft sich in regelmäßigen Formen auf dem Teppich und ich muss darauf achten, wohin ich in diesem geordneten Chaos trete.

›Ah, Kernstaub. Ich habe dich erwartet.‹ Es ist tatsächlich schwer, den glatzköpfigen Mann mit den durch und durch roten Tätowierungen und der dunklen Haut in dieser Anhäufung von Kuriositäten auszumachen. Wie er dort über seinen Schreibtisch gebeugt sitzt und sich erst jetzt langsam regt, zu mir aufsieht. ›Du siehst besser aus, ohne Haare.‹

›Darüber lässt sich streiten‹, entgegne ich irritiert von diesem Gesprächseinstieg und mustere die hellblauen Wolfsaugen meines Gegenüber.

Er erhebt sich und schlendert gemächlich um seinen Tisch herum, muss scheinbar nicht darauf achten, wohin er tritt, als beherrsche er die Karte seines Bodens schon auswendig. Der Ausdruck auf seinem Gesicht steht in vollkommenem Gegensatz zu seinem einschüchternden Äußeren, von seiner Größe bis zu den Muskeln, die scheinbar seinen gesamten Körper definieren. Seine hellblauen Augen jedoch sind vor allem interessiert und wachsam, keineswegs feindselig – anders, als ich es erwartet hatte.

›Also, hier bin ich‹, versuche ich mich daran, mit fester Stimme zu beginnen, als er seinen Schreibtisch umrundet hat und sich vorsichtig dagegen lehnt, den Blick unverwandt auf mich gerichtet. ›Was möchtest du?‹

›Du kommst gleich zur Sache‹, stellt er in seiner dunklen Stimme lächelnd fest. Er wirkt nicht abschätzend oder aggressiv, eher auf eine gewisse Weise weich, was etwas die Anspannung aus meinem Körper und meinen Gedanken nimmt. ›Zuerst einmal möchte ich mich dafür entschuldigen, dass meine Männer dich an der Oberfläche so grob behandelt haben.‹

›Findest du nicht, dass das eine Untertreibung ist?‹, hake ich ernsthaft und mit gerunzelter Stirn nach. ›Sie haben mich praktisch auseinandergenommen.‹ Es liegt nicht in meiner Absicht, ihn zu provozieren, aber ich habe auch nicht das Gefühl, diesen Angriff einfach mit einigen netten Begrüßungen abtun zu können.

Das Lächeln verschwindet aus seinen Zügen und weicht einem nachdenklichen Ausdruck, als er ganz offenbar zu ergründen versucht, was er von mir halten soll.

›Mehr als dafür entschuldigen kann ich mich nicht‹, fährt er sehr bedacht fort.

Die Art seiner Ruhe erinnert mich an einen Lehrer, der versucht, seinem aufbrausenden Schüler Dinge zu erklären, die er noch nicht verstehen kann. Und da ich hier bin, um Antworten zu bekommen, entschließe ich mich dazu, diese Weise willkommen zu heißen und mich darauf einzulassen.

›Ja, ist gut‹, murmele ich deshalb und nehme eine etwas lockerere Haltung ein. Ich kann meinen Blick kaum auf ihn fixieren, weil all das bunte Flimmern und Schimmern der Gegenstände um uns herum mich so ablenkt.

›Im Grunde war es Zufall, dass wir dich hier angetroffen und aufgelesen haben‹, erklärt Cjou, die Hände gelassen vor dem Körper ineinander verschränkt. Wie eigenartig hell seine Augen sich selbst aus einigen Metern Entfernung von seiner dunklen Haut abheben und wie durchdringend sie mich selbst auf diese Distanz mustern können, ist mir ein Rätsel. Er spricht wie ein weiser Lehrmeister, doch seine Worte scheinen mir abermals eigenartig falsch gewählt. Angetroffen und aufgelesen. Was für nette Umschreibungen für aufgespürt und niedergeschlagen.

›Du sagtest, ihr hättet meine Qualle‹, stelle ich trocken fest und tatsächlich spüre ich bereits seit meinem Eintreten das Ziehen in meiner Brust weniger intensiv und reißend. Vielleicht ist er also in der Nähe – vielleicht aber auch so weit fort, dass ich ihn nicht mehr spüren kann.

›Tatsächlich haben wir das.‹

Meine Augen weiten sich, als er ein paar Unterlagen von seinem vollgestellten Arbeitstisch nimmt und eine Schaltfläche betätigt, woraufhin sich eine kleine Luke öffnet und ein bläulich beleuchtetes Glas mit klarem Wasser darin zum Vorschein kommt.

Und inmitten des zylinderförmigen Behältnisses schwimmt eine hellblaue Qualle – weder eine der farblosen, noch eine der roten. Diese hier wirkt viel filigraner, ihr Schirm ist kaum größer als meine Handfläche. Nur die ungewöhnlich langen und wirren Tentakel unter ihrem Körper lassen sie beeindruckend groß und majestätisch erscheinen.

Ich öffne den Mund, trete einen Schritt nach vorn, weil es für mich keine Überlegungen gibt, keine Zweifel daran, dass er es ist, dass seine Seele in diesem seltenen Geschöpf konservierte wurde. Doch Cjoubrick hebt seine Hand und gebietet mir mit einer nur subtilen, aber deutlichen Geste, nicht noch näher zu kommen. Ich gehorche, ohne darüber nachzudenken.

›Das ist er, oder?‹, möchte er wissen und ich nicke heftig.

›Ja.‹

›Und du willst ihn wiederhaben, hm?‹, fragt er weiter.

Eine Falte bildet sich auf meiner Stirn, als ich ihn forschend ansehe.

›Selbstverständlich.‹

›Dann wäre es eventuell praktisch, wenn wir zusammenarbeiten.‹

Ich hole kurz Luft, um etwas zu erwidern, halte aber doch noch fĂĽr einen Moment inne, um darĂĽber nachzudenken, ob ich ihn auch richtig verstehe.

›Ist das … so eine Art Erpressung?‹, hake ich deswegen skeptisch nach, auch wenn seine Wortwahl – so zaghaft auch gewählt – eigentlich keinen Zweifel daran lässt.

›Nicht unbedingt. Du solltest dir erst einmal mein Angebot anhören, denn wenn du etwas für uns tust und wir etwas für dich, dann werden wir am Ende alle glücklich.‹

Ich atme tief ein und langsam wieder aus, um mich zu beruhigen. Cjou beherrscht diese Situation, eindeutig. Seine besonnene Art ist mir schon nach den wenigen Sätzen, die ich mit ihm ausgetauscht habe, unwohler als vieles andere es sein könnte. Schreien und diskutieren wäre mir lieber als diese stille Macht, die er ausstahlt.

›Und was soll das für ein Angebot sein?‹ Ich hasse es bereits jetzt, mir die Blöße geben zu müssen, ihm jede Information aus der Nase zu ziehen.

›Ich möchte, dass du uns deine Kraft als Kernstaub leihst‹, sagt er frei heraus und abermals blicke ich ihn ungläubig an.

›Meine …‹

›Ja, genau. Wir haben sehr lange darauf gewartet, dass du in unsere Welt kommst. Und nun, wo du hier bist, ist es deine Aufgabe, ihr auch zu helfen.‹ Der Blick, den er meiner Qualle zuwirft, ist unmissverständlich. Als würde er mir ins Gedächtnis reden wollen, keinen unsinnigen Liebschaften hinterherzuhängen und stattdessen etwas Sinnvolles zu tun.

Um Sachlichkeit bemĂĽht, atme ich abermals einige Male aus und ein, um nichts Falsches ĂĽber meine Lippen kommen zu lassen.

›Ich befürchte, dass ich dir sagen muss, dass ich meine Kraft als Kernstaub nicht mehr habe‹, erkläre ich ruhig, auch wenn ich das Zittern in meiner Stimme nur allzu deutlich vernehme. Cjou auch?

Doch vor allem ist es nun an ihm, verwundert dreinzublicken, offenbar von meiner Offenbarung aus dem Konzept gebracht. Ich trete von einem Fuß auf den anderen, während ich versuche, mögliche Reaktionen von ihm durchzuspielen, doch erstaunlich schnell fängt er sich wieder und neigt den Kopf zur Seite.

›Ist das so?‹ Seine Worte sind eher eine Feststellung als eine Frage und ich denke, aus seiner Stimme nun etwas mehr Härte hören zu können, während seine Eisaugen sich leicht verengen.

›Natürlich‹, murmle ich fast knurrend. ›Sonst hätte ich deine Leute und dein Schiff in Staub verwandelt und mir die Qualle einfach mit meinen Gedanken aus dem Meer gezogen. Aber wie du sicher weißt, habe ich den ganzen Tag mit Fangnetzen in einem Boot verbracht und mich von deinen Männern in der Luft zerreißen lassen. Ich habe …‹

›Willst du deine Qualle wiederhaben?‹, unterbricht er mich mitten im Satz und ich stocke perplex.

›Was?‹

›Ob du deinen kleinen Freund wiederhaben möchtest, frage ich.‹ Er spricht mit harter Stimme, sein plötzlich harter Blick scheint mir nahezu die Luft abzuschnüren, das Blut in meinen Adern zu gefrieren.

›Natürlich‹, murmle ich eingeschüchtert und trotzdem noch in dem vergeblichen Versuch, nicht ängstlich zu wirken.
›Dann arbeite mit uns zusammen.‹

Und ich begreife nicht, was er von mir möchte – ob er mir tatsächlich nicht glaubt oder ob er seinen Plan bereits so schnell ändern konnte, Kernstaub-Macht hin oder her.

›Ich sagte schon, ich habe meine Kräfte verloren. Das habe …‹

›Und wie konnte das geschehen?‹ Sein Tonfall ist so hart, dass ich mir sicher bin, er möchte eigentlich überhaupt keine Antwort hören. Trotzdem steht er unverändert an seinem Schreibtisch, noch immer in der halb entspannten und doch aufrechten Position. Jede seiner Emotionen äußert sich nur durch Stimme und Mimik.

›Der Kern hat mich berührt.‹ Oder habe ich ihn berührt? Ich habe es nur noch so verschwommen in Erinnerung.
›Der Kern?‹ Nun scheint er sehr hellhörig geworden zu sein, denn er regt sich leicht, spannt seine ineinander verschränkten Finger an.

›Wie kommt es, dass ihr alles über uns wisst, aber das Wichtigste nicht?‹ Ich frage nicht aus Hohn, sondern weil es mich tatsächlich verwundert.

Und es dauert lange, bis er antwortet. Eine lange Zeit, in der er mich einfach nur ansieht. Dann faltet er seine Hände, geht gemächlich um den Schreibtisch herum und lässt sich wieder auf seinem Stuhl nieder, woraufhin ich mich etwas entspanne. So hinter seinem Tisch sitzend wirkt er nicht mehr ganz so bedrohlich.

›Es ist nicht so, dass wir alles wissen.‹ Die belehrende und weiche Stimme hat wieder Einzug in seine Worte gehalten, als er mich nicht direkt ansieht, sondern tatsächlich beginnt, die kleinen, bunten Gegenstände auf seinem Tisch in andere Muster zu legen. Wie ein Kind, das Labyrinthe aus Spielsteinen baut. ›Wir wissen nur das, was … das System uns sagt. Dass der Kern hier war, erklärt einige unserer Messungen der letzten Wochen. Es gab einen erheblichen negativen Ausschlag der Energien, auch wenn wir …‹

Er stockt plötzlich, auch in seiner Bewegung, als er sich offenbar dabei ertappt, laut zu denken. Ich blinzle einige Male über seine Worte, weil ich erwarte, er würde weiter ausholen, um sie zu erläutern. Doch er schweigt und lässt mich nachfragen.

›Ihr … wisst nur, was das System euch sagt?‹, wiederhole ich, schaue mich nach rechts und links um, suche nach einem Stuhl oder einer anderen Sitzgelegenheit, auf der ich mich niederlassen könnte, weil es sich so unangenehm anfühlt, wie auf dem Präsentierteller vor ihm zu stehen. Doch es gibt einfach nichts in diesem Chaos.

›Ja‹, antwortet er nach einer kleinen Pause und beginnt wieder, die Gegenstände mit den Fingerspitzen zurecht zu schiebem. ›Durch Energielinien können wir indirekten Kontakt zu einer gewissen Präsenz aufnehmen. Von ihr beziehen wir Informationen.‹ Wieder sieht er mich forschend an und nur unter größter Anstrengung kann ich mein Stirnrunzeln verbergen.

›Eine Präsenz?‹

›Wir nennen sie den alten Gott. Auch wenn wir sicher sind, dass die Bezeichnung weit an dem vorbeigeht, was dieses Wesen … wirklich ist. Aber dass da etwas ist, ist unbestreitbar.‹

›Hm‹, mache ich, aber Cjou lacht leise.

›Ich habe nicht erwartet, dass du mir glaubst.‹

›Das … ist es nicht. Aber …‹ So viel habe ich bisher über den Kern und das System erfahren, so viel hat mir Glen damals darüber berichtet; aber noch nie habe ich etwas so Esoterisches oder … Religiöses gehört.

›Es passt nicht in deine bisherige Vorstellung von dem, was unser System ausmacht, nicht wahr?‹, stellt er richtig fest und lehnt sich langsam in seinen Stuhl zurück. ›Das ist nicht weiter schlimm und das erwarte ich auch nicht. Nur, dass du mir erklärst, wie der Kern dich berührt hat.‹

Ich stehe etwas verloren dort, die Hände aneinander gelegt und vorsichtig vor- und zurückwippend. Ich fühle mich so nackt ohne die blassen Locken, die sich um mein Gesicht kringeln und meine Stirn hinter sich verstecken. Nun liegt alles seltsam offen und ich habe nicht mehr das Gefühl, irgendeine Emotion vor den hellen Wolfsaugen dieses Mannes verbergen zu können.

›Es war durch das Nebelecho‹, antworte ich langsam.

›Gut. Und hast du auch mit ihm gesprochen?‹

›Ja. Er kam, um mich zu holen.‹

›Und warum hat er es dann nicht getan?‹

›Das weiß ich nicht.‹ Was soll ich ihm als Erklärung für diese wirre Situation bieten? Dass ich versucht habe, ihn – den Kern – und das ganze System mit ihm aufzulösen? In meiner Angst, allein zu gehen, verschwimmt alles andere, auch jetzt; vermutlich immer. Ich will lieber alles mit mir in den Tod reißen, als zu wissen, dass das Leben nach mir weiterhin besteht. Dies ist mein unerträglichster Gedanke.

Nach einigem Zögern strecke ich meine Handflächen nach vorn aus, damit er das Zeichen, das ich seitdem trage, sehen kann. Erst jetzt fällt mir auf, dass mein rechter Arm, der erst vor Kurzem durch einen echten Arm ersetzt wurde, auch den blutroten Kreis trägt. Als hätte er sich von selbst dort erschaffen.

Mit einer knappen Geste bedeutet Cjou mir, näherzukommen. Mein Herz macht einen Hüpfer, als ich die Qualle wieder in mein Blickfeld schließe und nur noch sie ansehe, während ich mich durch all das Geröll zur Mitte des Raumes kämpfe.

So vorsichtig dass es kitzelt, berĂĽhrt er mit den Fingerkuppen die Male.

›Sie sind also von ihm?‹

›Ja. Seitdem ich sie trage, bin ich nicht mehr …‹

›Allmächtig.‹

Ich nicke, ziehe meine Arme zurĂĽck, schiebe mich einen Schritt von ihm fort.

›Warum hast du die Welt nicht wiederhergestellt, als du es noch warst?‹, fragt er unvermittelt. Und tatsächlich habe ich eine Antwort darauf, denn ich habe unendlich lange über diese Frage nachgedacht.

›Ich war mir noch zu unsicher mit allem. Denn … nur, weil ich alles kann, bedeutet das nicht, dass ich alles weiß.‹

›Was meinst du damit?‹

›Ich …‹ Ich senke den Blick zu meinen Füßen, um zu überlegen, wie ich ihm all die Gedanken dazu gebündelt und verständlich zusammenfassen kann. ›Die Welt besteht aus so vielen Dingen. Ich kenne längst nicht alle Tiere und Pflanzen, ich kenne nicht die exakte Beschaffenheit des menschlichen Körpers und auch, wenn ich etwas hätte schaffen können, das ihm gleichen würde, hieße das nicht, dass er auf ewig funktionieren könnte. Ich kenne mich zu wenig mit Wirtschaft und Kultur und Gesellschaft und Technik aus, um ein funktionierendes System aus allem einfach aus dem Nichts schaffen zu können.‹

›Hm.‹

›Es klang so, als hättest du bereits einen allumfassenden Plan‹, stelle ich etwas enttäuscht fest, als auf seinem Gesicht ganz eindeutig zu lesen ist, dass er damit nicht gerechnet hat.

›Es klang so, als stünde deiner Allmacht nicht deine Unwissenheit im Weg‹, stellt er nüchtern – weder provokant noch enttäuscht – in den Raum und trotzdem verziehe ich das Gesicht zu einer ungehaltenen Grimasse.

›Kann ich jetzt meine Qualle haben?‹, frage ich gereizt, stemme die Hände in die Hüften und vernehme das vorsichtige Lächeln auf seinen dunklen Lippen, das mich nur noch aufgebrachter werden lässt.

›Nein‹, sagt er frei heraus. ›Selbst wenn du deine Macht nicht mehr hast, können wir dein Mitwirken noch in vielen anderen Dingen benötigen.‹

›Wohl kaum. Ich …‹

›Ich meine nicht das, was du denkst‹, fährt er mir etwas lauter dazwischen und erhebt sich abermals, betätigt den Knopf direkt neben seiner Hand und die Qualle fährt langsam in den Schreibtisch hinein.

Mit schneller werdendem Atem sehe ich ihr hinterher, bis sie verschwunden ist, dann ruckt mein Kopf zu Cjou, der währenddessen erneut um seinen Schreibtisch getreten ist.

›Wir haben dir deine Tattoos nicht umsonst verliehen‹, offenbart er, doch ich schüttle abermals trotzig meinen Kopf, durch seine ruhige Art nur noch mehr dazu ermutigt, ihm Konter zu bieten.

›Lass mich gehen‹, fordere ich und selbst, als er schon einige Schritte voraus, in Richtung der einzigen Tür innerhalb des Raumes, gegangen ist, bleibe ich stehen, balle meine Hände zu Fäusten. Jetzt, in diesem Moment, würde es sich um so vieles besser anfühlen, die Gelenke des schweren Metalls knacken zu hören.

Unbeeindruckt dreht er sich halb zu mir herum und fokussiert mich aus dem Augenwinkel.

›Du gehst, wenn ich es sage. Du musst nichts befürchten, weder vor mir noch vor den anderen Menschen der Stadt. Aber ich dulde keine Wiederworte und keine Fluchtversuche.‹

›Ich habe bessere Dinge zu tun, als mich mit euren Energielinien-Wahnvorstellungen zu beschäftigen‹, knurre ich, was ihn nun doch aus der Fassung zu bringen scheint, denn in einigen großen Schritten kommt er auf mich zu, packt mich grob an meinem Arm und zerrt mich quer durch den Raum, als würde ich überhaupt nichts wiegen. Und jeder Versuch, den Griff seiner großen Finger zu lockern, die sich mit Leichtigkeit wie ein Schraubstock um meinen Oberarm geschlungen haben, bleibt vergebens.

›Das kannst du nicht machen!‹, rufe ich außer mir und stemme mich mit all meiner Kraft gegen ihn.
Cjou lässt sich nicht zu einer Antwort herab und öffnet die Tür, vor der bereits einige Menschen warten und uns in Empfang nehmen. Er stößt mich unsanft in die Menge und eine Frau fängt mich ab.

›Du wirst jetzt etwas essen und dich ausruhen‹, gibt Cjou Anweisung. ›Apryl und Hecate berichten dir alles über das weitere Vorgehen.‹ Er sieht die anderen bedeutungsschwer an. ›In drei Tagen will ich die Sache am Laufen haben.‹ Und mit diesen Worten verschwindet er wieder in seinem Arbeitszimmer.

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