Kapitel 10

In dem ihr ein Lied von Welten und Wurzeln gesungen wird

Im Licht der Sonne spiegeln sich alte Welten in deinen Augen. Im Hoffnungsland ewiger Träume zieht selbst das Meer der Kälte sich zurück. Sieh, auf unserer Türschwelle liegen Blumen und Enden. Ich möchte beides aufsammeln und mein Lager auf ihnen einrichten.

241 N.TH. – 2639 N.CHR. – DIE QUALLENPHASE – 13. UMBRUCH
10. & 11. FEBRUAR

Morgens ist die Sonne am schönsten. Wenn sie noch nicht ganz um den Rand der Welt geschlüpft ist und die Atmosphäre in warmen Tönen schimmern lässt. In diesen wenigen Momenten, in denen sich das Licht nur in einem schmalen Streifen um die Wölbung der Erde legt, wirken die Wolken unter ihnen wie verlorene Schafe auf einer blauen Weide. In allen Farben schimmern sie dann manchmal, als sängen sie ein stilles, buntes Lied zur Begrüßung des Tages.

Leo liebt diese Stunde. Sie liebt sie so sehr, dass sie nur dasitzt und aus dem Fenster starrt, hinüber zur Sonne, dann hinab auf die Welt, über der sie schweben, und wieder zurück. Worte sind in diesen Augenblicken nur fahl nachhallende Nichtigkeiten, dumpf drückendes Rauschen im Hintergrund. Sie könnte sich ebenso allein in dem dunklen Raum mit den großen Fenstern aufhalten. Zu dieser Stunde macht das keinen Unterschied.

›Leo? Leo, hörst du mir überhaupt zu?‹

Der Morgen ist wie eine Geburt, denkt sie. Wie der Beginn eines neuen Lebens, nachdem wir die Nacht ausgehalten haben. Der Morgen ist – wie die Geburt – nicht nur der Anfang, sondern auch das Ende eines Spiels. Erlebst du ihn, hast du bereits gewonnen.

›Leo?‹

›Ich liebe die Wolken.‹

›W-was?‹

›Ich liebe die Wolken‹, wiederholt sie. ›Die Bäume und die Quallen lieben sie auch.‹ Das glasklare Material, als dem das Fenster besteht, spiegelt nicht und hat zumindest in ihrem Sichtfeld keine Kanten und Ränder. Das in den Boden eingelassene Polster, auf dem sie sich im Schneidersitz niedergelassen hat, ist so weich, dass der Eindruck, durch das All zu schweben, nur noch intensiviert wird. ›Kannst du dich noch daran erinnern?‹, setzt sie nach langen Momenten des stillen Hinausschauens wieder an. ›An die Zeit, als wir noch Wolken waren, meine ich.‹

›Verschwommen.‹ Die Antwort ihrer Mutter kommt verzögert und leise. Als hätte sie erst darüber nachdenken müssen, ob sie überhaupt auf die Frage reagieren soll. Aber sie befinden sich beide allein in der geräumigen Wohnung, weswegen niemand einschreiten und ihr das Gespräch abnehmen kann, wie sonst so oft.

›Das ist doch traurig, oder?‹ Leos Worte sind kaum mehr als ein Flüstern, das die Stille des Raums nur wie ein Windhauch vertreibt. ›Ich meine … wir waren einmal genau wie sie. Und jetzt nehmen wir sie kaum mehr wahr. Als wären sie ein gewöhnlicher Teil dieser Welt … und nicht die Hüllen, in denen wir einmal gelebt haben.‹ Sie sieht nicht, wie Theia hinter ihr auf und ab geht, hört nur ihre leisen Schritte durch das Zimmer klingen.

›Ich denke … du unterhältst dich zu viel mit den Bäumen‹, kommentiert sie vorsichtig. ›Hast du mir überhaupt zugehört?‹

Leo nickt und löst zum ersten Mal seit Minuten ihre Augen von dem Schauspiel vor dem Fenster, um ihre Gesprächspartnerin anzusehen, die einige Meter von ihr entfernt stehen geblieben ist. Bis auf den ersten Sonnenschimmer wird der Raum von nichts erhellt, sodass die hinteren Winkel und Ecken vollkommen in Schatten getaucht sind.

›Ja, ich habe dir zugehört‹, antwortet Leo ruhig. ›Aber ich kann dir nicht helfen, Mutter.‹ Sie weiß nicht einmal, ob sie das möchte. Ob sie jetzt noch versuchen möchte, die Lage zu retten, nachdem sich Theia so lange geweigert hat, ihren Ratschlägen und Anmerkungen auch nur Gehör zu schenken.

Und Theia stemmt beide Hände in die Hüften, bevor sie geräuschvoll die Luft aus ihren Lungen entweichen lässt und damit fortfährt, unruhig durch die Wohnung zu streifen.

›Du weißt, dass du die Einzige bist, die mir helfen kann‹, murmelt sie und Leo lehnt sich zurück, stützt sich auf ihre Arme und blinzelt stirnrunzelnd nach oben. Die Spiegeldecke über ihnen offenbart nur allzu deutlich die dunklen Schatten unter ihren hellblauen Augen und auch die Haare, die ihr in einem geraden Pony über die Stirn fallen, vermögen es nicht, ihren düsteren Gesichtsausdruck zu verbergen. ›Ich brauche deine Hilfe. Du bist die Einzige, die jetzt noch auf das lauschen kann, was dort unten vor sich geht.‹

›Ja.‹ Das weiß Leo nur allzu gut. Seitdem der Kernstaub die unsichtbare Barriere zwischen ihnen und den Erdenmenschen geschaffen hat, funktioniert die Hälfte der Technik nicht mehr. Sie können nicht mehr abhören, nicht mehr sehen und nicht mehr angreifen. Nun müssen sie sich auf jene Macht verlassen, die schon vor der Technologie und vor den Menschen existierte. Auf Leos Verbindung zu den schlafenden Seelen. ›Aber ich habe dir schon erklärt, dass ich nichts hören kann. Zumindest nichts, das für dich von Belang wäre.‹ Genau genommen ist sie froh, wenn sie das ewige Lied ausblenden kann, das die Quallen über ihr Sterben singen; driftend in den giftigen Weltmeeren, vom Kern ans Leben gefesselt, selbst wenn ihre kleinen Körper schon zerfleddert durch die braune Suppe treiben, die sich kaum mehr Wasser nennen kann. ›Der sterbende Wald über der Raumstation macht es nicht besser.‹ Die Bäume, die der Kernstaub dort geschaffen hat, sind nicht richtig, nicht echt wie andere Bäume. Aber sprechen können sie wie alle anderen. Leiden ebenso. Die Schreie klingen wie die der Quallen. Die Seelen in ihnen winden sich, tanzen einen schmerzvollen Tanz mit dem Tod.

›Ich wünschte, ich könnte dir das ersparen.‹ Theias Stimme ist weich, als sie sich endlich in einiger Entfernung von ihrer Tochter auf ein Polster im Boden gleiten lässt und unruhig mit den Fingern über das glatte Material streift. ›Aber diese ganze Sache macht mich … unruhig.‹

›Ich weiß.‹ Das muss sie kaum zweimal sagen, denn jeder, der Theia kennt, muss sehen, wie ruhelos sie seit … dem Vorfall ist. ›Aber das Kernstaub-Mädchen hat ihre Macht wieder verloren. Wie gesagt.‹ In einer schwerfälligen Bewegung streicht sich Leo das hellblonde Haar aus dem Sichtfeld und sinniert über einen Weg, ihrer Mutter möglichst glaubhaft ihren Standpunkt zu vermitteln. Sie möchte einfach nur aus dieser Sache herausgehalten werden.

›Trotzdem wissen wir nicht, was sie planen.‹ Die Präsidentin der oberen Welt reibt die schmalen Finger aneinander, streicht dann über ihre Augenlider, als könne sie sich damit selbst beruhigen. Die Brille, die sie normalerweise trägt, scheint sie zusammen mit ihrer Tageskleidung im Schlafzimmer gelassen zu haben, denn bis jetzt ist sie nur in einen dünnen Morgenmantel gehüllt. Ihr karamellbraunes Haar hängt noch wirr über ihren Schultern, als hätte sie sich nicht einmal die Mühe gemacht, in den Spiegel zu schauen, bevor sie Leo zu sich beordert hat.

›Selbst wenn sie etwas planen, werden sie nie in der Lage sein, uns anzugreifen.‹ Das Mädchen dreht sich immer wieder zu dem Schauspiel hinter ihr um, wo die Sonne inzwischen über den Horizont und kühl schimmert. In wenigen Minuten wird die künstliche Atmosphäre das weiße Licht filtern und ihm eine erdähnlich warme Färbung verleihen. ›Sie wollten fliehen, als wir sie angegriffen haben. Ich denke nicht, dass sie irgendwelche Waffen haben, mit denen sie uns auch nur im Entferntesten schädigen könnten. Außerdem …‹ Leo stockt mitten in ihrem Gedankengang, bevor ihr Blick zum noch im Schatten liegenden Gesicht ihrer Mutter hinüber gleitet. So oft weiß sie nicht, was sie sagen, wie sie formulieren soll, wenn diese Stille in ihrem Geist herrscht. Wenn nicht das Wesen der Bäume ihr flüstert, wie sie sich verhalten soll.

›Außerdem was?‹

›Außerdem‹, setzt das Mädchen vorsichtig an, ›gehe ich noch immer davon aus, dass du sie mehr hasst als sie dich.‹

›Ich habe auch größeren Grund dazu!‹, fährt Theia lauter werdend auf, woraufhin Leo nur beschwichtigend die Hände hebt. Sie hasst es, wenn Menschen so unvorhergesehen aus ihrer Haut fahren. Aber noch mehr hasst sie unnötige Streits, deswegen rudert sie wieder zurück.

›Ja. Ja, das mag durchaus sein, aber … ich denke nicht, dass du deine persönliche Meinung … so sehr …‹

›Schon gut, schon gut.‹ Ihre Mutter schüttelt den Kopf, streicht ihren Mantel glatt und nimmt wieder eine entspanntere Haltung ein. ›Ich … ja, du hast recht. Du hast recht. Deswegen bist du ja hier.‹

›Ja.‹

›Weil du die Einzige bist, die mir das ins Gesicht sagen würde.‹

›Ich weiß, Mutter.‹ Sie schluckt angestrengt und wiegt ihren Kopf vorsichtig hin und her. ›Und wir können wirklich nichts unternehmen, um diesen Schutzwall zu durchbrechen? Denn abgesehen davon, Logyyn zu kontaktieren, ist das wirklich das Einzige, das mir einfällt.‹

›Wir haben es schon mit Logyyn versucht. Wie immer keine Reaktion.‹ Ihre Enttäuschung über diesen Umstand ist nur allzu deutlich aus ihrem Gesicht abzulesen. ›Und bei dem Schutzwall, den der Kernstaub erreicht hat: Bisher konnten wir ja nicht einmal ermitteln, woraus er besteht. Keine Ahnung, wie sie das angestellt hat.‹

›Dann kann ich nur wiederholen, was ich gestern gesagt habe‹, setzt Leo an, ihren Blick inzwischen wieder nach draußen gerichtet. ›Du solltest einfach mal dort unten nachfragen, was so los ist. Offenbar haben die es sich ja anders überlegt und wollen den Planeten gar nicht mehr verlassen. Vielleicht lässt sich ja doch irgendwie mit ihnen verhandeln.‹

›Oder sie warten nur noch auf etwas, planen einen Gegenschlag oder was weiß ich.‹

Unweigerlich tritt ein Lächeln auf Leos Lippen, auch wenn wenig Schadenfreude in ihren Gedanken liegt. Eher Faszination über den Umstand, dass ihre Mutter, die große Präsidentin der gesamten oberen Welt, plötzlich nicht mehr weiter weiß.

›Du hättest deine heilige Kontaktperson dort unten nicht hintergehen sollen. Dann sähe es jetzt vielleicht ganz anders aus.‹

›Ja. Vermutlich.‹

›Jetzt hast du niemanden mehr unten, der dich mit Informationen versorgen kann.‹

›Leo.‹ Theia atmet bemüht ein und aus und erst jetzt dreht ihre Adoptivtochter abermals den Kopf, um sie anzuschauen. ›Ich habe dich nicht hergeholt, um mir Vorwürfe anzuhören. Ich weiß, was ich getan habe.‹

›Und bereust du es?‹ Die Frage überrascht die Sprechende selbst, hat sie sich doch ganz unerwartet – nur einer kurzen Eingebung folgend – von ihren Lippen geschlichen. Doch kann Leo nicht leugnen, dass es sie interessiert, was in Theias Kopf vor sich geht. Sie kann nicht leugnen, dass sie nur schwerlich einschätzen kann, was ihre Mutter wohl denkt.

›Ob ich es bereue, die Erdenmenschen angegriffen zu haben?‹, hakt sie nach, woraufhin Leo bestätigend nickt. Und der Gesichtsausdruck der Präsidentin wandelt sich innerhalb weniger Momente von einem verlorenen Blick zu einem entschlossenen, bestimmten Stirnrunzeln. ›Nein. Nein, nicht im Geringsten. Wenn sie es geschafft hätten, die Erde wieder … zu heilen, wie sie es nennen, dann … Ja, dann wäre ich vielleicht bereit gewesen, ihnen zu vergeben, was damals geschehen ist.‹ Sie räuspert sich vernehmlich, dann richtet sie sich in einer ruckartigen Bewegung auf, um wieder ziellos durch den Raum zu streifen. ›Aber sie können nichts. Nur zerstören. Jeder von diesen dummen Menschen, die damals zu PandRa gehört haben, und jeder, der sich entschlossen hat, sich ihnen anzuschließen. Sie haben alles Leid der Erde mehr als verdient.‹

Leo schluckt, widersteht dem Drang, die Stirn zu kräuseln und setzt sich wieder etwas aufrechter hin, als würde ihr das dabei helfen, eine angemessenere Reaktion auf diese Worte zu finden. Sie kennt Theia erst seit den siebzehn Jahren, in denen sie lebt – was in Angesicht der Zeit, seit der die derzeitige Bevölkerung schon auf der Erde weilt, einem Wimpernschlag gleichkommt. Leo ist mit dem Wissen darum aufgewachsen, dass das große Zerwürfnis aus Zeiten des vierten Weltkrieges bereits seit mehr als 200 Jahren an den Nerven ihrer Adoptivmutter nagt. Und sie ist sich durchaus im Klaren darüber, dass die Zeit die Wunden in ihrem Fall nicht heilt; im Gegenteil, sie hatte den rissigen Spalt zwischen der Präsidentin und den Erdenmenschen nur noch brüchiger werden lassen, bis aus ihm eine Kluft entstand, die nun unüberwindbar scheint. Was also in aller Welt kann sie unternehmen, um diesen Umstand zu verändern?

›Ich fasse also zusammen‹, beginnt sie deswegen so distanziert wie möglich. ›Du hast Angst davor, was die da unten planen; vor allem mit der Kernstaub-Lady. Aber du bist gleichzeitig noch immer zu sauer auf PandRa, um mit ihnen in normalen, sittlichen Kontakt zu treten. Sehe ich das richtig?‹

Theia grummelt leise, was Leo als ein eindeutiges ›Ja‹ interpretiert.

›Und es gibt in deinen Augen keinen Weg, deinen … Hass oder was weiß ich … zu überwinden und Kontakt aufzunehmen?‹

›Ich habe in 200 Jahren nur einmal Kontakt aufgenommen‹, murmelt ihr Gegenüber. ›Und dann habe ich mit einer Waffe auf sie gefeuert, die ich von jemandem aus ihren eigenen Reihen habe konstruieren lassen. Was denkst du, was die sagen, wenn ich … mal nachfrage, was sie so treiben?‹

›Ich denke‹, antwortet Leo langsam, um ihren Worten Klarheit zu verleihen, ›noch immer – wie vorhin schon einmal gesagt – dass du sie mehr hasst als sie dich.‹

›Und ich wiederhole meine Antwort: Daran besteht kein Zweifel‹, murrt Theia grimmig und stemmt die Hände in die Hüften. ›Worauf willst du hinaus?‹

›Ich will nur wissen, ob du … eventuell einräumst, dass das Problem vor allem darin besteht, dass du deine politischen Schachzüge vollkommen von deinen Emotionen abhängig machst.‹

›Das mache ich schon immer so und bisher hat das uns sehr weit gebracht!‹ Die Präsidentin springt in einer ruckartigen Bewegung wieder von ihrem Sitzpolster auf.

›Du musst mich nicht anschreien.‹ Leo holt tief Luft, um ihre eigene Laune in den Griff zu bekommen; ihren Unwillen, dieses Gespräch auch nur noch eine weitere Minute fortzuführen.

›Tut mir leid, ich … Ich …‹ Und offenbar wieder verunsichert, fährt sich Theia durch das lange Haar, hält sich den Kopf und schließt die Augen, bis ihr Atem sich wieder verlangsamt. ›Du weißt, dass ich deine Meinung über alles andere schätze, Leo‹, beginnt sie von Neuem, leise. ›Ich weiß auch, dass du nicht sonderlich gern mit mir redest. Aber ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass ich deiner Einschätzung mehr trauen kann als jeder anderen.‹ Sie schluckt und nickt vor sich hin, als wolle sie ihren Gedankengang noch einmal vor sich selbst absegnen. ›Du weißt, was meine Gründe und Motivationen sind. Du lebst noch nicht halb so lange wie ich und alle anderen in dieser Welt und hast deswegen einen unvoreingenommenen Standpunkt. Und gleichzeitig bist du weiser und besonnener als viele der anderen Menschen hier. Was … was also denkst du, soll ich tun? Ganz ehrlich.‹ Ihr Blick wird weich, während sie spricht. Nun steht Theia fast energielos im Raum, verlassen und klein. Das passt nicht mit einer Faser zu der Aura, die sie sonst umgibt, denkt Leo. Nicht im Geringsten.

›Lass mich … darüber nachdenken, ja?‹, bittet sie nach einigen Momenten und schaut von dem flachen Tisch vor ihr wieder zu Theia auf. ›Morgen liefere ich dir deine Antwort. Oder zumindest … meine Einschätzung.‹

Theias lautloses Seufzen entgeht ihr nicht. Trotzdem erhebt sie sich, um deutlich zu machen, dass dies in ihren Augen das Ende des Gespräches ist – und ihre Mutter akzeptiert es mit einem sachten Nicken.

›Gut. Gut, dann morgen.‹

Abtrennung

Die Stadt ist bereits erwacht, als Leo sich auf dem großen Platz im Zentrum wiederfindet. Hinter vorgehaltener Hand gähnt sie herzhaft, kann sich nicht mehr daran erinnern, in den letzten Wochen auch nur einmal so früh aufgestanden zu sein; weswegen es sie nun umso mehr verwundert, dass bereits so reges Treiben in den Gassen und Straßen herrscht.

Auch hier ist die Sonne schon aufgegangen – wenn auch nur in Form der warmen Kunstlichtstrahler, die sich an der weit über ihnen liegenden Decke und einigen Wänden der Häuser befinden. Leo nimmt die indirekten Quellen der frühlingshaft morgendlichen Beleuchtung nur noch selten bewusst wahr; so wie jetzt, während sie die Arme dehnend steckt und die frische Luft tief in die Lungen saugt. Vermutlich würden sie ihr überhaupt nicht auffallen, wenn nicht die Bäume so oft über sie murmeln würden. Über die Lichter hier unten und darüber, wie sehr sie sich nach den Strahlen der echten Sonne sehnen. Nach den Geschichten, die sie erzählt und den Liedern, die sie singt.

Zwei vorübereilende Kinder grüßen Leo, bevor sie auf der Wiese und hinter Häuserecken verschwinden. Noch während das Mädchen ihnen hinterherschaut, klingelt sie ein lachender Fahrradfahrer aus dem Weg, sodass sie etwas ziellos hinunter von der glatt gepflasterten Straße taumelt. Geschäftige Rufe erfüllen die Luft. Unter der großen Eiche in der Mitte des von der künstlichen Morgensonne beschienen Platzes öffnet gerade Orion, der Besitzer des kleinen Restaurants, seine Türen für Gäste. Vogelgezwitscher dringt von den Zweigen herab und die dunkle Stimme des Baumes lockt Leo auf die Wiese, wo sie barfuß durch das taufrische Gras streift.

Es ist warm in der Tempelstadt, egal, wohin man kommt. Lange oder dicke Kleidung ist deswegen nur notwendig, wenn man in andere Phi-Zentren reist. Leo selbst trägt heute nur eine kurze Hose und ein lockeres, ärmelloses Shirt, die – im Gegensatz zu der Kleidung anderer Städte – in natürlichen, dunklen Farben gehalten sind.

Nach ihrem frühen Erwachen und dem Beobachten des Sonnenaufgangs vor den Fenstern wirkt heute alles etwas magischer, etwas romantischer als sonst. Das schattenspendende Blätterdach der Eiche, dem die Brise ein vorsichtiges Flüstern entlockt, raschelt etwas lebhafter, das Licht dringt etwas freundlicher durch das Grün und benetzt das Gras. Das Lachen der Kinder, die zwischen den pastellfarbenen Fassaden der Häuser umhertollen, verirrt sich zwischen Wurzeln und der Größe der Stadt. Bis zu der mehrere Kilometer über ihnen liegenden Decke der Stadt reicht jedes der Gebäude. Von dort aus schlingen sich die knorrigen Wurzeln der alten Bäume der Oberfläche um die Außenwände, als würden sie ihnen Halt geben und gleichzeitig von ihnen zehren wollen. Bis herab zum Boden hat der Tanz aus Gebäuden und knorriger Rinde inzwischen geführt; einige der Häuser sind so dicht umschlossen von dem Gehölz, dass es scheint, als wären sie selbst zu Bäumen geworden.

Ja, heute wirkt alles wie neu. Heute wirkt alles wie frisch geschaffen, nachdem die Träume der letzten Nacht überwunden sind und nun der Tag auf Ereignisse wartet.

Leo streift einen der tiefhängenden Zweige der Eiche, als sie vorübergeht, um sich dann an einen der kleinen Holztische zu setzen, die vor dem Lokal auf Gäste warten. Sie ist so müde, dass sie die Augen schließt, den Kopf in die Hände stützt und darüber nachdenkt, noch einmal in ihre Wohnung zu gehen, um etwas Schlaf nachzuholen. Aber noch bevor sie weiter über diesen verlockenden Gedanken nachsinnen kann, vernimmt sie sich nähernde Schritte, und der Baum, dessen Schatten den kleinen Platz umhüllt, flüstert ihr, dass Orion sich nähert.

›Guten Morgen, Lelou‹, grüßt er sie, als sie es noch nicht einmal geschafft hat, ihre schweren Lider wieder zu heben. ›Schön, dich hier so früh zu treffen!‹ Sie öffnet gerade die Augen, als der ältere Mann mit dem dunklen Bart sich ihr gegenüber niederlässt. ›Wie geht’s deiner Mutter?‹

›Den Umständen entsprechend.‹ Wahrscheinlich war es ein Fehler, diesen Platz zu wählen, denn nun kann sie sich der ungewollten Konversation nur noch schwerlich entziehen. Sich mit Menschen zu unterhalten ist so unendlich mühselig.

›Ja, verständlich. Ist denn schon klar, welchen Schritt sie als nächstes plant?‹

Leo meidet den Blickkontakt, während sie wortlos den Kopf schüttelt. Stattdessen fährt sie gespielt interessiert die verschlungene Maserung des Tisches nach.

›Ja, da gibt es noch einiges zu überlegen, hm?‹ Orions Stimmlage signalisiert, dass er recht genau zu wissen scheint, dass Leo nicht das geringste Interesse an der Fortsetzung dieses Gespräches hegt. Sie fragt sich, warum er nicht einfach zum Punkt kommt.

›Auf jeden Fall, ähm … Kann ich dir was zum Essen bringen?‹ Und schon macht er wieder Anstalten, sich zu erheben, dabei hatte Leo fest mit der Frage nach Manhattan gerechnet – der Frau, auf die er ein Auge geworfen hatte und von der er fälschlicherweise annahm, sie wäre eine Art Freundin von Leo.

›Ja, das wäre lieb‹, antwortet sie trotzdem rasch, ist froh darüber, diesem Gespräch unerwartet schnell entkommen zu sein. ›Ein einfaches Frühstück, bitte.‹

›Gern.‹ Sein Tonfall ist auf einmal distanziert und recht geschäftig. Leo vermutet, dass er sie nun für ihr Desinteresse an dem Gespräch strafen will, aber das lässt sie kalt. Orion kennt sie schon lange genug, um zu wissen, dass sie kein großes Interesse an Menschen hat.

Der bullige Mann hat sich gerade von Leo abgewendet, als ein Flackern ihr Sichtfeld für einen kurzen Moment trübt – und noch bevor sie sich fragen kann, was wohl geschehen ist, fällt das Licht aus und sie findet sich in kompletter Dunkelheit wieder.

›Verflucht, nicht schon wieder!‹, grummelt der Gastwirt aus einigen Metern Entfernung, als auch aus allen anderen Richtungen Stimmen und Flüche laut werden. Als könnte es ihr ihre Sehkraft in dieser vollkommenen Dunkelheit wiedergeben, blinzelt Leo einige Male, aber die Schwärze, die das Licht hinterlassen hat, ist vollkommen.

›Diese verdammten Ausfälle ruinieren das ganze Essen!‹ Leo hört nur, wie Orion sich grummelnd und zeternd weiter auf den Eingang des Lokals zutastet, während sie selbst ruhig am Tisch sitzen bliebt, um die Rückkehr der Energie abzuwarten, denn für gewöhnlich dauern die Unterbrechungen nur wenige Minuten an.

›Lelou, hilf hier mal!‹, ruft Orion bereits aus dem Inneren des Hauses, woraufhin sie sich doch aufrappelt und ihm mit sicheren Schritten hinterhereilt. Die Eiche kann ihr den Weg weisen. Bäume brauchen Licht zwar zum Leben, aber nicht zum Sehen und Spüren.

Dem Gepolter folgend, wendet sich Leo nach dem Eintreten durch die offene Tür erst nach rechts, dann tastet sie sich vorsichtig an einigen Tischen und Stühlen entlang, hindurch zu Orion, der den Geräuschen zufolge recht umständlich damit beschäftigt ist, die Essensplatten von den Kochflächen zu hieven.

›Hilf mir mal rasch, das ganze Zeug auf die Tische zu stellen. Wenn wir Glück haben, erstarrt es wieder. Ich kann’s mir nicht leisten, wenn nochmal alles zerfällt.‹

›Klar‹, murmelt Leo, schluckt angestrengt und versucht, allein über ihren Tastsinn auszumachen, wo sich die großen Tabletts befinden, auf denen Orion das Frühstück für seine Stammkunden wohl schon bereitgestellt hatte.

›Diese verfluchten Ausfälle haben mir in den letzten Tagen viel zu viel Essen zunichtegemacht. Können die nicht endlich was unternehmen, damit das wieder geregelter vonstattengeht?‹ Seine Beschwerden machen Leo fast ein schlechtes Gewissen – immerhin wäre es an ihrer Mutter, sich um das Energieproblem zu kümmern. Das Kernstaub-Mädchen hat mit ihrem unsichtbaren Schutzwall den ganzen Plan zum Kippen gebracht.

›Die Blauphasen-Verschiebung verschlingt einfach zu viel Energie‹, pflichtet sie ihm bei. ›Aber wir sollten froh sein, dass wir nicht abstürzen.‹ Leo hebt ein weiteres Tablett an, dreht sich langsam, um es dann umsichtig auf den Tisch zu stellen, mit einer Hand tastend darauf bedacht, keine der anderen Platten zu streifen.

›Das kommt bestimmt als nächstes. Und dann gehen wir alle drauf, wenn die Wilden da unten uns in die Finger bekommen.‹

›Hm.‹ Sie kann seine Sorge durchaus verstehen, auch wenn sie nicht abstreiten kann, dass sie es überaus interessant finden würde, die Fremden auf der Erde einmal kennenzulernen. Zumindest zu sehen und zu beobachten. Sie hat kein großes Interesse an Interaktion – trotzdem sitzt das Wissen um ihre Herkunft noch immer tief in ihren Gedanken. Wie gern sie zumindest einmal einen Blick auf diejenigen werfen würde, denen sie ihr Leben verdankt.

Abtrennung

Von der tiefsten Wurzel bis hin zum höchsten Blatt tragen Bäume das Wissen der Welt. Die konservierten Seelen in ihnen schlafen, aber das Bewusstsein ist wach. Dieses endlose Wesen aller Existenz, das aus ihren stillen Hüllen spricht. Dieses Wesen, das sich ganz anders anfühlt als der Kern und alles andere im System, und doch ein unbestreitbarer Teil davon ist – ein unbestreitbar mächtiger und weiser Teil.

Die Welt der Bäume ist wie eine autarke Landschaft der Magie, voll von Wissen und Wundern, von Märchen und Magie. Nur hier findet Leo jene Ruhe, in der sie die Endlosigkeit der Gedanken ausschöpfen kann.

Die Phi-Zentren – die Städte der Thermosphäre – sind halbkugelförmig. Während sich im runden unteren Teil die Besiedlungsgebiete befinden, die bis zu 40.000 Menschen beherbergen können, befinden sich an der Oberfläche weitflächige Landschaften, die je nach Temperierung des Zentrums verschiedenen klimatischen Gebieten der Erde entsprechen – Wüsten oder Polarregionen, Wäldern oder endlosen Wiesenflächen und allem, was dazwischen liegt. So beherbergt diese Stadt einen dichten Urwald, der eine nahezu unerschöpfliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren birgt.

Die künstliche Atmosphäre fängt tagsüber blendend das kühle Licht ein, das sonst nahezu ungefiltert durch das All auf sie herabschimmert. Sie wandelt es in einen warmen Schein, wie man ihn von der Erde aus kennt, hat sich Leo sagen lassen. Sie selbst war nie auf der Erde; oder zumindest kann sie sich nicht mehr daran erinnern.

Der blaue Himmel ist durch das dichte Blätterdach über ihr nur selten zu sehen. Die Bäume hier an der Oberfläche reichen so weit in den Himmel hinein, dass man einige ihrer Kronen nur erkennen kann, wenn man seinen Kopf weit in den Nacken legt. Während von den tiefer liegenden Blättern und Gewächsen noch die Tropfen des letzten Sommerregens perlen, riecht der warme Boden nach Erde und Humus. So graben sich die Zehen bei jedem Schritt tief in die weiche Mischung aus lockerer Erde und verschiedenen Moosarten hinein.

Leo liebt dieses Gefühl der Freiheit, der Verbundenheit mit der Natur, wenn sich die Gerüche des Waldes mit dem Summen der Insekten und dem Flüstern der Tiere vereinen.

Der heutige Ausfall der Energie dauert länger an als sonst. Als Leo die Stadt über die große Wendeltreppe hinauf verließ, herrschte bereits seit zwei Stunden vollkommene Finsternis. Inzwischen ist die Sonne vollends aufgegangen und schimmert in sanften Fäden durch die wenigen Lücken im Blätterdach. Die künstliche Atmosphäre wird bei sämtlichen Energieausfällen weiterhin instandgehalten, aber ihre Mutter hat Leo schon oft erklärt, dass dieser Zustand nicht ewig zu erhalten ist. Dass das Cron, das sie auf dem Jupitermond abbauen, knapp wird und den enormen Energieverbrauch der Blauphasen-Verschiebung nicht mehr decken kann. Tatsächlich waren sie schon kurz vor dem Absturz, bevor die Ausbreitung des unsichtbaren Netzes um die Welt initiiert wurde, mit dem aus der Bewegung sterbender Seelen Energie gewonnen werden kann. Wenn bisher auch noch nicht genug.

Warum kannst du die schweren Gedanken nicht einfach fallen lassen?

Ja, warum kann sie nicht? Sie besucht die Bäume, um Ruhe und Gelassenheit zu finden, nicht, um sie mit ihren Sorgen zu belasten.

Du solltest dich zurücklehnen und ausruhen.

Ja, das sollte sie. Sie sollte die Augen schließen, Schlaf nachholen und später über die Probleme nachdenken, die man ihr aufgelastet hat.

Wer bist du schon, die Probleme deiner Welt zu lösen?

Wer ist sie schon? Irgendein Experiment der unteren Welt. Irgendein künstliches Ding, halb Mensch, halb … wie auch immer sie es nennen. Eine Anomalie. Wie Logyyn. Wie nur wenige andere. Und trotzdem ist sie niemand, der die Probleme dieser Welt beseitigen könnte. Dieser Welt, die so viel älter ist als sie selbst.

Die Bäume flüstern zustimmend. Und noch bevor Leo es bemerkt, ist sie von dem schmalen Pfad abgekommen und findet sich mitten im Unterholz wieder, wo Wurzel auf Wurzel trifft und all das Leben sich zu dichten Knäulen aus Gewächsen, Erde und Holz vermengt. Ihre Finger streifen Rinden verschiedener Beschaffenheit – weich und knorrig, robust und glatt, rissig und alt. Sie alle fühlen sich anders an. Sie alle empfinden anders und doch haben die Bäume etwas, das den Menschen fehlt: eine gemeinsame Stimme. Ein kollektives Bewusstsein, das zu ihr spricht.

›Erzählt mir etwas‹, bittet sie leise. Sie liebt die Geschichten der Welt, die sie nie kennengelernt hat. Der Welt vor den Phi-Zentren und vor den Kriegen.

Doch heute berichten die Bäume über anderes.

Lass uns dir vom Kernstaub erzählen.

Und Leo hält inne.

›Darüber habt ihr sonst stets geschwiegen.‹ Wie ein Geheimnis haben sie bisher alles gehütet, das mit diesem mysteriösen Wesen in Zusammenhang steht. Nur wenige Einzelheiten sind Leo deswegen über den Kernstaub bekannt.

Du wirst das Wissen um sie und ihre Reise bald benötigen. Je nachdem zumindest, wie du dich entscheidest.

Warum sind sie nun so bereitwillig, darüber zu sprechen? Denn bisher war es Leo erschienen, als hütete das Wesen der Bäume das Wissen um den Kernstaub wie ein Relikt. Wie ein Liebender, der nie über seine Angebetete spricht, aus Angst, sie durch das Teilen seiner Gefühle zu verlieren.

›Dann sprecht‹, flüstert sie andächtig und lässt sich dort nieder, wo sie sich befindet. Zwischen breiten, knorrigen Wurzeln, im weichen Moos.

Abtrennung

Die Geschichte des Kernstaubs ist eine unerwartet traurige. Die Bäume erzählen sie, als hätten sie selbst das endlose Leid dieses durch die Zeit reisenden Wesens getragen. Als hätten sie selbst all dies erlebt.

Am Ende weiß Leo selbst nicht mehr, was sie denken soll, als sich ihr bisheriges Bild vom Kernstaub und seiner Macht so bedeutend geändert hat, dass sie es selbst kaum fassen kann. Kein allmächtiges, machtsüchtiges Wesen, keine größenwahnsinnige Person, deren Existenz sie fürchten müssen. Der Kernstaub ist ein bemitleidenswertes Geschöpf, dem es nie erlaubt wurde zu leben – das für Sünden bestraft werden soll, die es nicht begangen hat. Und dieser Gedanke behagt Leo ganz und gar nicht. Tatsächlich behagt er ihr so wenig, dass sie das Ausmaß ihres Mitleides und ihrer gleichzeitigen Faszination mit keinem Gedanken erfassen kann.

›Es ist sicher unglaublich interessant, jemanden zu treffen, der alle Zeiten der Welt gesehen hat.‹

Wir haben auch alle Zeiten gesehen.

Und Leo stockt in ihrem Gedankengang, um sich zurückzulehnen, tief in die Wurzeln hinein, um dem alten Wesen über ihr näher zu sein.

›Natürlich‹, murmelt sie. ›Ich wollte euch nicht beleidigen.‹ Tatsächlich muss den Bäumen doch klar sein, dass es nichts in dieser Welt gibt, das mehr Harmonie in ihr Herz sät als die Anwesenheit des Waldes. Dass sie die Anwesenheit jedes Baumes der eines Menschen hundertmal vorziehen würde.

Das hast du nicht.

Sind sie etwa eifersüchtig? Was für eine eigenartig menschliche Emotion.

›Was denkt ihr, was ich tun soll? Wofür ich mich entscheiden soll, meine ich.‹

Du weißt, dass es nur eine richtige Entscheidung gibt.

Ja, das weiß sie. Das wusste sie im Grunde vom ersten Moment an.

Das Problem ist nur, sie deiner Mutter glaubwürdig zu verkaufen.

›Und habt ihr eine Idee, wie ich das anstellen kann?‹

Benutze das, von dem wir dir gerade berichtet haben. Zusammen mit deinen eigenen Worten, wird das reichen.

›Hm.‹ Würde es reichen? Und was genau bringt ihr die Geschichte des Kernstaubs bei der Argumentation mit ihrer Mutter? Nein, sie hat noch nicht das Gefühl, schlauer geworden zu sein. Sicherer. Sie muss noch über all das nachdenken.

›Ich werde wohl in den Tempel gehen‹, sagt sie leise zu sich selbst. Vielleicht bringt ihr die Arbeit dort Zerstreuung.

Eine gute Idee. Kallisto ist heute ganz allein.

›Und was werdet ihr heute tun?‹

Warten. Und versuchen, den Bäumen auf der Erde Erlösung zu verschaffen.

›Könnt ihr das?‹

Wir können es versuchen.

Abtrennung

Auf ihrem Weg durch den alten Wald begegnet Leo vielen bunten Vögeln und einem Goldaugen-Tiger. Die Tiere hier sind so friedlich wie die Menschen, die sich die Zeit nehmen, durch das Gehölz zu streifen. Viele ihrer Mitbewohner in den Phi-Zentren verrichten den ganzen Tag lang ihre Aufgaben und kommen erst später in den Tempel oder setzen sich an die Quellen zwischen all den Gewächsen. Leo kennt niemanden, der den Wald nicht lieben würde – wenn auch niemand ihn so sehr liebt wie sie.

In einem Wald wurde sie geboren; einem der letzten, die es auf der Erde noch gibt. Pandora nennen sie den Ort, in dem sie künstlich gezeugt und mit einer gestohlenen Seele belebt wurde. Teuflisch nennen alle hier die Machenschaften der unteren Welt; dabei bedenken sie nicht, dass das Leben und die Organisation ihrer eigenen Welt wohl auch auf Messers Schneide stünde, wenn Forschung und Experimente an Seelen nicht existent wären.

Plage dich doch nicht mit so schweren Gedanken.

Die Bäume haben recht. Für gewöhnlich verbringt sie ihre Tage nicht mit dem Philosophieren über Menschen und Welten. Wie kann es sein, dass eine einzige Aufgabe nun ihr gesamtes Denken zum Schwanken bringt?

Die Arbeit im Tempel wird ihr Zerstreuung verschaffen.

Nach einiger Zeit trifft sie im Unterholz wieder auf den Weg, der sich wie ein breiter, natürlicher Pfad durch das schier endlose Meer aus Grün rankt. Sie folgt ihm eine ganze Weile durch flache Bäche und über kleine Mooshügel hinweg, bis sich das Blätterdach so weit verdichtet hat, dass nur noch selten ein Lichtstahl seinen Weg bis auf den Boden hinab findet.

Das Summen der Insekten ist an dieser Stelle des Waldes etwas lauter als in anderen, weil sich in der Nähe eine Höhle befindet, in der Bienen ihr Nest eingerichtet haben. Schaut man nach oben, kann man viele von ihnen dabei beobachten, wie sie auf ihrer Nahrungssuche durch die Lüfte streifen.

Der Weg führt Leo über eine kleine Brücke. Am sandigen Ufer des Bächleins rastet ein Meer aus Schmetterlingen, die den Boden mit ihren bunten Flügeln in ein Farbengewirr verwandeln.

Je näher man dem Tempel kommt, umso magischer scheint die Wahrnehmung zu werden; selbst die Bäume sagen das. Das Wesen der Welt scheint sich in diesem Ort zu konzentrieren.

Schon als die ersten weißen Steine durch das Blätterwerk schimmern, fährt Leo der wohlige Schauer unter die Haut, der sie hier stets willkommen heißt.

Dieser Ort hat dich vermisst.

Dabei war sie nicht einmal lange fort. Und doch nimmt sie selbst auch jede Abwesenheit von diesem Bereich der Stadt als Entzug wahr.

Willkommen daheim.

Das schimmernd weiße Material, aus dem das gewaltige Gebäude errichtet wurde, hebt sich so deutlich von der Natur um es herum ab, als stamme es aus einer vollkommen anderen Welt. Trotzdem hat die Natur es bereits in sich aufgenommen: An allen Ecken ranken sich Blumen und Wurzeln empor, sind teilweise so eng mit dem Stein verschlungen, dass man kaum mehr zwischen dem einen und dem anderen unterscheiden kann. Aus den Eingängen und Fenstern wachsen Bäume, die erst wie Wasserfälle ihre Wurzeln und Rinden über Treppenstufen und Simse gelegt haben, um sich dann in verschlungenen Mustern in die Höhen zu erheben.

Die Architektur des Tempels hat nichts mit der nahezu kühl berechneten Baukunst zu tun, die im Zentrum zu finden ist. Die hohen Säulen, die von verspielten Mustern und feinen Reliefs geprägt sind, lassen ihn eher wie eine prunkvolle Kirche aus alter Zeit wirken. Leo weiß, dass dieses Bild sich in den hellen, offenen Gängen und dem geräumigen Innenhof des Gebäudes fortsetzt. Wie ein beabsichtigt platziertes Teilabbild aus den Geschichten der alten Welt, die man sich ab und an erzählt, wirkt er auf sie. Als hätte man mit ihm zumindest einen winzigen Splitter der Geschichte mit in den Himmel nehmen wollen.

Ist sie zuvor schon nicht schnell gegangen, verlangsamt das Mädchen ihr Tempo noch weiter, um sich nach anderen Menschen umzuschauen. Denn lauter Kinder tummeln sich für gewöhnlich tagsüber hier, freiwillige Helfer, die Kallisto dabei unterstützen, seine täglichen Arbeiten zu verrichten, und Menschen, die einfach nur kommen, um Ruhe zu finden und zu entspannen.

Doch heute ist alles still und leer. Ob alle wegen des Energieausfalls in ihren Wohnungen geblieben sind? Wahrscheinlich haben sie keine Lust, die ewig langen Treppen nach oben zu steigen, können sie sich doch sonst mit nur einem Wimpernschlag durch die Blauphase nach oben bewegen.

So früh sind selten Menschen hier, erklären die Bäume. Aber heute ist es besonders ruhig, pflichten sie dann bei.

Der Stein ist glatt und kühl. Leo spürt es unter ihren Fersen, als sie den ersten Fuß auf die Treppe setzt. Und im gleichen Moment dringt das Wesen der Bäume viel tiefer in ihre Gedanken ein; wie immer, wenn sie diesen heiligen Ort betritt. Diesen heiligen Ort, in dem nichts Bestimmtes verehrt wird – nur die Natur und die Natürlichkeit. Elektronik, Technologie und die Blauphase gibt es hier nicht. Hier können sich die Menschen wieder daran erinnern, wer und was sie sind. Selbst die Abbilder haben Zutritt, auch wenn viele der Seelenträger der Ansicht sind, dass ebenjenen der Besuch sowieso nichts erbringen könnte. Geduldet wird ihre Anwesenheit trotzdem von den meisten.

Nachdem Leo das offene Eingangstor zum ersten Innenraum durchschritten hat, legt sie einen der dunkelroten Umhänge an, die für Gäste an der Wand bereithängen. Danach wäscht sie sich die Füße an einer der Quellen, die wie natürliche Becken in den Boden eingelassen sind. Ihr sprudelndes Wasser glitzert golden im hereinfallenden Sonnenlicht.

Der Eingangsbereich des Tempels ist von einer Helligkeit durchzogen, die der dichte Wald vor den Fenstern und Türen nie vermuten ließe. Aber das einfallende Licht spiegelt sich an den hellen Wänden, flirrt über die Wasseroberflächen und flimmert in tausenden Mustern durch die großräumige Halle.

Leo liebt die Stille, die hier herrscht. Sie ist – anders als in ihrer Wohnung – einträchtig und harmonisch, durchbrochen vom Gesang der Vögel und dem sanften Rascheln der Blätter im Wind.

Nachdem sie sich ausreichend gesäubert hat, streift sie eine ganze Weile durch die kühlen, breiten Steingänge des Tempels. Der Innenhof ist so groß, dass man an einigen Stellen durch die Baumstämme hindurch das andere Ende nicht einmal mehr erahnen kann. Außerdem ist er so verwinkelt, dass er an die meisten der Räume und Gänge des Tempels angrenzt, wodurch sein Licht und seine Natur in alles eindringen können. An einigen Tagen tanzen die durch die Baumkronen einfallenden Sonnenstrahlen so magisch über die Gemälde an den Wänden, dass es scheint, als erwachten sie zum Leben. Was nicht möglich ist, denn sie sind nicht digital, sondern nach uralter Tradition mit Farbe und vielen Pinselstrichen unter größter Mühe und in jahrelanger Arbeit angebracht worden. Sie zeigen Szenen aus der Vergangenheit der Erde, aus den goldenen Zeitaltern, vor den großen Kriegen.

Wenn Leo stehen bleibt, um die Gemälde zu mustern, wird ihr ganz anders ums Herz – ganz schwer, weil sie sich plötzlich so klein und so distanziert von allem fühlt.

Der Tempel ist der einzige Ort innerhalb der Zentren, der Vergangenheit zulässt. Kallisto, der Hüter dieser Gemäuer, ist die einzige Person, die bereitwillig und oft über die Zeit vor den Himmelsstädten spricht. Alle anderen hier haben einen solchen Hass zu ihrer eigenen Geschichte aufgebaut, dass sie nichts mehr davon wissen wollen.

Dabei würde Leo so gern nur ein einziges Mal ihren Fuß auf echte Erde setzen, mit ihren Fingern einen der uralten Bäume berühren, die es dort unten noch in ganz abgelegenen Winkeln gibt. Manchmal hört sie ihr Flüstern. Ihre ungehörten Rufe nach der Wiederkehr des Lebens, die sie sich so sehnlich wünschen.

Die in den Himmel ragenden Gebäude, die dichten Urwälder, die Wüsten, die endlosen Wiesen, die Berge, die Vulkane und das Meer. Sie können vieles davon mit künstlichem Wetter nachbilden, aber Leo hatte schon immer das Gefühl, nicht die Vollkommenheit dieser Natur auskosten zu können. Hier oben hängt alles nur von Technologie und künstlichen Vorgängen ab. Kappt man die Energie, stirbt alles mit der Zeit. So sind Natur, Vegetation und Klimazonen hier einerseits stabiler, weil alles von außen gesteuert und reguliert ist – andererseits aber auch zerbrechlicher.
Was Leo sehen möchte ist die Echtheit der Welt. Das aus der Erde heraus entstandene Wunder des Lebens. Auch wenn nicht mehr viel davon übrig ist.

›Grübelst du wieder, Lelou?‹

Das Mädchen zuckt sogar etwas zusammen, als sie die Stimme des Hüters unerwartet nah hinter sich vernimmt. Er hat sich lautlos genähert und legt nun schmunzelnd seinen Kopf schief, während Leo sich ein Lächeln abzuringen versucht.

›Ich grüble nicht‹, versucht sie sich zu verteidigen, während sie den stechend grauen Augen des Mannes ausweicht. Er ist der einzige Seelenträger, den sie kennt, der seinen Kopf vollkommen von Haaren befreit hat. Die Glatze kennzeichnet normalerweise nur die Abbilder – Personen, die exakt dem Vorbild ihrer Schöpfer entsprechen und deren einziger Unterschied zu ihnen meist das Fehlen der Haare ist.

›Hast du dir schon wieder die alten Gemälde angesehen?‹

Leo nickt und mustert das Bild der Pyramiden, in dem sie sich gerade verloren hatte. Auch Kallisto überwindet die letzten Schritte zu ihr, um es kurz versonnen zu mustern. Er muss dieses Gemälde und Hunderte andere seiner Art schon unzählige Male betrachtet haben. Trotzdem scheint er nie müde zu werden, sich von den detaillierten Pinselstrichen gefangen nehmen und ihre Geschichten wieder in sich aufleben zu lassen.

Sein Gewand trägt heute eine natürliche Sandfarbe; wie immer hat er es gekonnt um den Körper gebunden, sodass die goldenen Tätowierungen auf seiner gebräunten Haut von Schultern bis zu den Füßen hin verdeckt sind.

›Bist du hier, um weitere Geschichten aus vergangenen Zeiten zu hören?‹, fragt er in seiner ruhigen Stimme, doch Leo lächelt nur kopfschüttelnd.

›Nein. Ich möchte dir gern bei der Arbeit helfen. In der Stadt ist die Energie ausgefallen und es wird sicher noch eine Weile dauern, bis die ersten anderen hier eintreffen.‹

Und Kallisto erwidert ihr Lächeln.

›Wie nett von dir. Dann lass uns gleich anfangen.‹

Abtrennung

Die nächsten Stunden verbringt Leo schweigend damit, die Blumen im Innenhof mit einer großen Kanne zu bewässern, die Gänge der offenen Galerie zu kehren und die Futternäpfe der Vögel und Kleintiere aufzufüllen. Sie liebt diese Arbeiten, denn sie liebt es, nicht nachdenken zu müssen. Viele der Menschen, die hierher kommen – ob Seelenträger oder nicht – suchen genau nach diesem Zustand, der nur noch durch so wenig zu erreichen ist.

Das Licht innerhalb der hellen Gemäuer ist warm. Die Pflanzen und Bäume im Hof ranken sich um viele kleine Wasserquellen und steinerne Denkmäler, in die Worte vieler hundert Sprachen eingemeißelt sind, von denen Leo nicht eine einzige lesen kann. Selbst als sich später immer mehr Menschen in den Gängen des Tempels sammeln, um bei den täglichen Arbeiten zu helfen oder zu entspannen, bleibt es ruhig. Nur die Bäume flüstern und die Vögel zwitschern ununterbrochen ihre fröhlichen Lieder.

Ein rötliches Licht erfüllt den späten Abend, als das Mädchen den Besen und den Futtereimer in die dafür vorgesehene Kammer bringt, um sich dann an einer der Quellen im Hof gründlich zu reinigen. Selbst ihr langes Haar wäscht sie dieses Mal, dann hüllt sie es in die Kapuze des weiten Umhangs und legt sich zurück ins Gras. Der Himmel hat die wundersame Farbe des Abends, wenn sie Sonne hinter den Rand der Welt gefallen ist, aber die Ahnung ihres Scheins noch schwer an allem hängt.

Am Ende des Tages versammeln sich viele der Menschen im goldenen Saal, um gemeinsam ihr Abendbrot einzunehmen. Im Tempel gibt es nur Nahrungsmittel, die selbst auf dem großen Feld an der Westseite angebaut wurden. Nach uraltem Brauch werden Samen gesät, verschiedene Getreidefelder angelegt und zur Reifezeit geerntet. Dann werden die Körner zu Mehl gemahlen, aus dem man später frisches Brot und vieles andere herstellen kann.

Im Grunde – das muss wohl jeder eingestehen – steht die künstlich erzeugte Nahrung ihrem realen Vorbild geschmacklich in nichts nach. Aber viele, die hierherkommen, lieben das Gefühl, mit ihren eigenen Händen zu schaffen und die Früchte ihrer Arbeit dann selbst zu ernten. Leo liebt es auch. Nur heute ist sie zu erschöpft. Heute hat sie schon so viel von den reifen Früchten im Garten genascht, dass sie überhaupt keinen Hunger mehr verspürt. Stattdessen verschränkt sie die Arme hinter dem Kopf, lässt ihre Füße im kleinen Bach baumeln und schaut in den Himmel, hinter dessen künstlicher Atmosphäre sich inzwischen langsam die Sterne abbilden.

Kallisto hat oft berichtet, dass die künstliche Atmosphäre nur einen winzigen Teil der Schönheit des Himmels abbilden könne, wie er von der Erde aus zu sehen ist. Aber für diesen Moment reicht ihr der Anblick, der sich ihr jetzt bietet, aus. Für einen wunderbaren, langen, ruhigen Moment.

Abtrennung

Leben ist wie ein Märchenschloss mit offenstehendem Tor. Mit unbewachter Brücke, sodass der Pöbel der Realität Tag für Tag hineinströmen kann. Wie eine Welle spült er so das meiste an Magie heraus, treibt Zauber und Fabelwesen in die letzten, dunklen Winkel zurück, wo sie ein Leben im Schatten führen. Was wäre ein Leben wie im Traum? Ohne Realität?

Gleichsam gäbe es keine Magie ohne sie. Märchenwelt und Realität stünden auf einer Stufe der Normalität, würden sie beide nur in ihren begrenzten, abgeschlossenen Kosmen verharren. So wäre Magie für den Zauberer ebenso nur ein Werkzeug wie ein Hammer für den Handwerker, gäbe es niemanden dort, um sich ihrer Wunder zu erfreuen.

Reden wir also von einem perfekten Leben in Traumwelten, vergessen wir, dass Schnittpunkte der Schlüssel zu allem sind. Wenn das Märchen erst wundersam wird, weil das Schloss seine Tore aufsperrt und die Menschen in ihrer Sterblichkeit hereinlässt. Wenn Realität auf Magie trifft und alle es Wunder nennen.

Was das Leben zu einem Wunder macht ist, dass wir es nicht verstehen. Das Geheimnis seines Sinns ist der Raum im Schloss, den zu betreten uns immer verwehrt blieb. Wir können nur vor der Tür stehen und darüber spekulieren, ob sich dahinter wohl Magie oder Logik verbirgt. Oder eine Mischung aus beidem, die wir noch nicht begreifen können.

Dass der Kern der Sinn der Existenz sein soll, kann der Kernstaub nicht begreifen. Ebenso wie alle anderen Wesen, die noch nie mit dem Zentrum des Systems in Berührung kamen. Und doch strebt der Staub – wie alles andere – unaufhörlich auf die Antworten zu, die der Kern verspricht; immer in Gedanken, dass der Kern nicht der Sinn sein muss. Vielleicht ist er nur der Einzige, der ihn kennt.

Verschwommen zeichnet sich ein Bild vor dem inneren Auge, wenn man nur lange genug wagt, den Bäumen bei diesem Thema zu lauschen. Wahrheit ist, dass die Bäume aller Seelen nicht teilen. Sie sehen nicht den Kern als Gott und den Staub als Teufel. Vielmehr verkörpert in ihrer Anschauung der Kern die Realität und der Kernstaub die Magie. Das Märchen. Aus seiner endlosen Unberechenbarkeit erst entstehen die Wunder der Existenz. All die Gründe, das Leben zu leben, ohne seinen Sinn zu kennen.

Der Kernstaub ist dementsprechend Bedrohung und Segen zugleich. Das Risiko, das den Tag lebenswert macht.

In den Augen der Bäume muss das Gleichgewicht gewahrt werden. In den Augen der Bäume darf weder der Kern noch der Kernstaub die Überhand gewinnen, denn ihr Zusammenspiel definiert dieses Leben. In den Augen der Bäume sind deshalb der Kernstaub – und alle, die zu ihm stehen – diejenigen, denen die Sympathie der Seelen gelten sollte, denn er ist allein, geschwächt und verletzlich.

Die Zeit des Rückzugs muss enden. Die Zeit der Beobachtungen und der kalten Kriege zwischen Menschen, während das System vor weitaus wichtigeren Entscheidungen steht.

Die Welt ist gespalten. Die Ankunft des Staubs sollte sie wieder einen, denn mit ihm ist das vielleicht letzte Stück Märchenland zurückgekehrt. Und wer, wenn nicht sie – die Freiheitskämpfer und Friedenshüter – sollte dazu bestimmt sein die Erde mit ihm zusammen in ein goldenes Zeitalter zu führen?

Abtrennung

Ein kühler Schleier feuchter Luft liegt auf Leos Haut, als sie aus einer wirren Traumwelt erwacht, aus einer lebendigen Vision, deren Stimme ihr noch immer in Gedanken hängt und ihr für viele Momente den Atem raubt. Vor ihren Augen flirren die Glühwürmchen durch das junge Licht des Morgens. Zwischen Bäumen und Sträuchern schimmern die blauen und weißen Blüten der Nachtblumen und leuchten frühen Wanderern den Weg.

Sie muss vor Erschöpfung im Innenhof des Tempels eingeschlafen sein. Nun bricht schon der frühe Morgen an, aber es ist noch nicht zu spät, sich in ihre Wohnung zu begeben und die letzten Stunden der Nacht in ihrem Bett zu verbringen.

Zwei Gründe jedoch sprechen dagegen. Erstens liebt sie das Moosbett mehr als ihre Liege. Und zweitens könnte nichts in der Welt sie wieder zum Schlafen bewegen, denn nun weiß sie, was ihre Mutter davon überzeugen kann, sich für das Richtige zu entscheiden. Was sie selbst dazu bewegt.

Das Märchen rappelt sich also auf, streicht seine Kleidung glatt und richtet dann das Gras, auf dem es die Nacht über lag, etwas auf. Ein Blinzeln und sie befindet sich in der Wohnung ihrer Mutter, von deren breiter Fensterwand aus sie die Erde sieht. Nordlichter wabern oft um diese Uhrzeit um das Phasen-Zentrum herum. Auch jetzt erfüllt ihr Licht den Raum mit seinen bunt leuchtenden Farben, sodass es Leo schwerfällt, ihren Blick nicht darauf zu fokussieren.

Durch die einen Spalt offenstehenden Tür zu Theias Arbeitszimmer brennt das warme Licht einer Halo-Leuchte. Geräusche dringen jedoch nicht daraus hervor, sodass Leo davon ausgeht, dass ihre Mutter einmal wieder über der Arbeit eingeschlafen ist.

›Mutter?‹ Leo hat ihre Stimme gesenkt und tritt einige Schritte auf die Tür zu. Doch noch bevor sie ihre Finger ausstrecken kann, um sie vorsichtig aufzuschieben, steckt Theia ihren Kopf dahinter hervor und blinzelt fragend.

›Was machst du denn so spät hier?‹, fragt sie und stellt sich etwas aufrechter hin. Die dunklen Ringe unter ihren Augen sind nicht zu übersehen, ebenso wie die wirren Haare und die etwas schief auf der Nase sitzende Brille, die sie sich etwas zerstreut zurechtrückt.

›So früh, meinst du‹, verbessert Leo, während sie selbst versucht, ihre müden, brennenden Augen durch mehrfaches Blinzeln zu beruhigen. ›Ich habe im Tempel übernachtet und bin etwas früh aufgewacht.‹

›Oh.‹

›Arbeitest du noch immer?‹

›Ja, ich … ja. Ein wenig. Aber ich wollte bald ins Bett gehen. Ich arbeite dann an anderer Stelle weiter.‹

›Das klingt nach einem guten Plan‹, bestätigt Leo schmunzelnd, weil sie weiß, dass Theia vermutlich sowieso nicht vor dem Morgen ins Bett gehen würde. Und danach erst recht nicht. ›Ich bin hier, weil ich mit dir reden muss. Wegen der Antwort, die ich dir noch schuldig bin.‹

Und ihre Mutter horcht offensichtlich auf, zieht die Augenbrauen in die Höhe, um dann einige Schritte in den Raum hineinzutreten und ihrer Adoptivtochter zu bedeuten, ihr zu folgen.
›Gut, dann nimm Platz. Ich bin gespannt.‹

Leo folgt der Aufforderung und wirft nur einen kurzen Blick durch den Raum. Als sie noch klein war, war es ihr immer verboten gewesen, das kleine Arbeitszimmer zu betreten, weil es voll von geheimen Dokumenten und teils innovativen, sehr zerbrechlichen technischen Erfindungen war, die hier unter anderem konstruiert und durchdacht wurden. Deswegen haftete dem Raum schon seit jeher etwas Verbotenes an, das das Mädchen auch jetzt noch immer spürt.

Auf einer Schwebeschale vor dem transparenten Schreibtisch lässt sie sich nieder, während Theia einige Karten von einem altmodischen Holzstuhl sammelt, um dort Platz zu nehmen.
›Ich bin der festen Meinung, dass wir mit Nero und den Kolonien der Erde Kontakt aufnehmen sollten‹, beginnt Leo frei heraus. ›Ich denke, das Klügste wäre, mit ihnen zusammenzuarbeiten.‹

›Das denkst du tatsächlich?‹ Ihre Mutter zieht die Augenbrauen in die Höhe, als wäre sie nicht vollkommen zufrieden mit der Antwort. Als hätte sie insgeheim darauf gehofft, ihre Tochter wäre auf eine andere Lösung gekommen, die weder sie noch ihre Berater bedacht hatten.

›Ja. Sie haben Glen. Und Glen hat die Sympathie des Kernstaubs gewonnen. Wenn wir uns weiterhin hier oben versteckt halten, können wir nicht wissen, was sie mit seiner Macht vorhaben. Es könnte in einer Katastrophe enden, wie schon vor 400 Jahren – weil eine Partei eine zu große Macht hat, die sie allein kontrollieren will. Senden wir Nero und den Kolonien ein Friedensangebot, ist das unsere einzige Chance auf ein Mitspracherecht. Auf ein Mitbestimmungsrecht. Das ist – in meinen Augen – die Bestimmung unseres Volkes.‹ Es fällt ihr nicht schwer, die Worte auszusprechen, weil es sich anfühlt, als hätte ihr das Wesen der Bäume bereits alles in ihrem Kopf zurechtgelegt, ihre Meinung geordnet und verfeinert.

›Hm.‹ Macht Theia. ›Du hast nicht zufällig mit Ilias über dieses Thema gesprochen?‹

Leo ringt sich ein irritiertes Stirnrunzeln ab, denn tatsächlich hat sie eine etwas andere Reaktion auf ihre Worte erwartet.

›Nein, habe ich nicht. Warum?‹

›Er hat im Rat etwas Ähnliches gesagt. Er ist auch der Meinung, dass wir um des Kernstaubs willen Kontakt aufnehmen sollten. Dass Ngaja nie auf unsere Seite wechseln würde, weil sie Glen und A’en bei sich haben … und dass daraus folgend unsere einzige Möglichkeit ein erneuter Frieden ist.‹

Leo räuspert sich vorsichtig nickend und denkt kurz über die Worte nach.

›Ja. Ja, der Meinung bin ich auch.‹

›Hm.‹ Die wiederholt zurückhaltende Reaktion ihrer Mutter lässt das Mädchen abermals stutzen.

›Du bist also nicht überzeugt?‹

›Ich … weiß auch nicht.‹ Theias Gesichtszüge spiegeln eine Mischung aus Enttäuschung und Nachdenklichkeit wider.

›Du hattest gehofft, dass ich mit einer Lösung aufwarte, die der Rat noch nicht in Erwägung gezogen hat, oder?‹

›So in der Richtung, ja.‹

›Aber meine Meinung ist die Meinung der Bäume.‹ Leo beobachtet jede Veränderung in der Mimik ihrer Adoptivmutter und hofft darauf, eine Regung darin zu finden, als sie diesen Umstand ausspricht. Immerhin muss das Wesen der Bäume einfach Eindruck auf Theia machen. Doch auch jetzt hüllt sie sich in sanfte Undurchschaubarkeit, gepaart mit einem Hauch Unentschlossenheit, der ihren Zügen anhaftet.

Leo rappelt sich auf und bemerkt nun, da die erste Aufregung verschwunden ist, doch sehr deutlich, wie müde sie ist.

›Du solltest auf die Bäume hören‹, murmelt sie, weil sie nicht weiß, was sie sonst noch sagen kann. Weil sie realisiert, dass egal was sie gesagt hätte, ihre Mutter nie zufrieden gewesen wäre. ›Sie wissen alles.‹ Und noch bevor Theia darauf antworten kann, verschwindet ihre Tochter mit einem Blinzeln aus der Wohnung.

2 Wolkengedanken zu “Kapitel 10

  1. Wie schön, endlich etwas Genaueres über die Himmelsstädte und das Leben dort zu erfahren. Die Beschreibung der Natur dort fand ich wunderschön.
    Theia wirkt in diesem Kapitel viel menschlicher auf mich.
    Leo, ihre Adoptivtochter, wurde also auf der Erde in Pandora “hergestellt” und ist eine Anomalie. Was war der Plan ihrer Schaffer und wie hat es sie in die Himmelsstadt verschlagen? Ihre Gespräche mit den Bäumen und sowieso das Wesen der Bäume fand ich total interessant, besonders die Sicht der Bäume auf den Kernstaub.
    So langsam erfährt man auch immer mehr über die Ereignisse, die zum Zerwürfnis zwischen Oben und Unten geführt haben. Etwas, das Glen Ngaja ja nie so ganz erklärt hat.
    Ich bin gespannt, ob Theia auf Leo hört und Kontakt mit der Erde aufnimmt und wie Glen und Nero darauf reagieren.

    1. Hey Anna! Mensch, du bist ja schneller als die Polizei erlaubt :D Ich hatte das Kapitel noch nicht einmal richtig formatiert, als du kommentiert hast. Ich freue mich riesig, dass du dich so mit Feuereifer auf jedes neue Kapitel stürzt – und dass es dir dann auch noch so zusagen konnte.

      Die Natur hat für Leo einfach einen riesig großen Stellenwert. Deswegen kommt sie in diesem Kapitel auch so zur Geltung. Jemand, der sich mehr für Bäume als für Menschen interessiert, nimmt seine Umgebung vollkommen anders wahr. Deswegen liebe ich es unter anderem auch so sehr, aus Leos Perspektive zu schreiben ♥

      Auch Theia erscheint hier in einem anderen Licht, das ist wahr. Hier ist die unter Ihresgleichen. Und wenn ich schon mal etwas verraten darf: Wir werden in Weltasche noch tiefer in Theia hineingehen! Denn ihre Geschichte ist viel umfangreicher, als man bisher annehmen mag. Ich bin schon so gespannt auf die Reaktionen darauf! Hach :)

      Tausend Dank, dass du mir wieder deine Gedanken mitgeteilt hast. Mein Herz macht jedes Mal einen kleinen Hüpfer, wenn hier auf dem Blog ein neuer Kommentar auftaucht. Juhu! :)

      Liebe Grüße
      deine Marie

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