Kapitel 1

In dem sie erwacht

Eventuell könnten wir im Laufe der Zeit an einen Ort gelangt sein, der uns zerbrochen hat.

241 N.TH. – 2639 N.CHR. – 13. UMBRUCH
21. & 22. JANUAR

Dahinschwebend im lichtleeren Raum kann nichts mehr an unseren Körpern kratzen, das von Bedeutung ist. Wenn Fleisch und Sinne sich zu einem wirren KnÀuel formen, das wir Leben nennen, verschwommen zwischen all den Himmelskörpern, die wie gesprenkelte Tupfer auf einer schwarzen Wand den Kosmos bilden. Zwischen ihnen finden wir die bunten Glasscherben, die einmal unser Leben waren. Zwischen ihnen finde ich Erkenntnis und die Weite unausgeschöpfter Gedanken.

Ich denke, es muss eine Ewigkeit vergangen sein, seitdem ich mich das letzte Mal auf die Liege gebettet, mich in die warmen Decken gehĂŒllt und auf den Morgen gewartet habe. Und als ich meine mĂŒden Glieder aus diesem Schlaf ziehe, mich aufhebe, um die frische Luft des neuen Tages in meine alten Lungen zu saugen, sehe ich das All und die Sterne vor dem Fenster meiner Kabine schimmern.

Abtrennung

»Drei Jahre«, hat mir mein Abbild im Spiegel zugemurmelt und ich habe meiner eigenen Stimme nicht geglaubt. Weder Ă€lter noch jĂŒnger, weder grĂ¶ĂŸer noch kleiner sehe ich aus, seitdem ich mich das letzte Mal betrachtet habe – mich das letzte Mal gespĂŒrt habe. Noch immer die feuerroten Locken, die sich lang um meine dĂŒnnen Schultern kringeln, noch immer die dunklen Ringe unter den eisblauen Augen, die die Last der Entscheidung in mein Gesicht gezeichnet hat. Und trotzdem sind drei Jahre vergangen, in denen sich zumindest fĂŒr mich nichts verĂ€ndert hat.

Wie alt bin ich? ZĂ€hlen die Jahre im kĂŒnstlichen Schlaf zu meinen wirklichen Lebensjahren oder bin ich noch genauso alt wie zu dem Zeitpunkt, zu dem ich einschlief? Ich bin mir im Klaren darĂŒber, dass ich es wissen mĂŒsste, dass man mir all das beigebracht hat, aber vieles, das einmal war, liegt nun im dĂŒsteren Schatten des Vergessens. Er ist das Einzige, das mich tatsĂ€chlich spĂŒren lĂ€sst, wie viel Zeit seit meinem letzten Wachsein vergangen ist.

Es hat vermutlich weitere drei Jahre gedauert, bis ich es geschafft habe, mich einzukleiden. Der raue Stoff schmiegt sich fast unangenehm dicht an diese Haut, die so lange nichts mehr fĂŒhlen, nichts mehr spĂŒren konnte, das wirklich ist, und doch mag ich das weiche Material, das mich so perfekt temperiert kleidet. Ich habe mir die dunkle Jacke aus meiner alten Heimat ĂŒbergezogen, die im Gegensatz zu der engen Hose viel zu groß ist und nur locker ĂŒber meinen Armen hĂ€ngt, sodass ich sie immer wieder hinaufschieben muss.

Und so taste ich mich fast blind durch die viel zu hellen GĂ€nge des Schiffs und versuche jede Struktur, jede Kerbe in der Wand in mich aufzunehmen, zu verinnerlichen, als könnte ich so die Leere fĂŒllen, die die traumlose Zeit im Nichts mir gebracht hat.
Ich möchte sehen können.

ZurĂŒckgespult endet mein Tag bei meinem Erwachen. Bei warmem Licht, das meinen fast wohnzimmerartigen Raum erfĂŒllt. Bei der herzlichen Stimme aus den WĂ€nden, die mir einen guten Morgen wĂŒnscht und mich darĂŒber informiert, dass jemand kommen wĂŒrde, um mich abzuholen. Beim Auf-dem-Bett-Sitzen und Warten. Bei der Einsicht, dass niemand kommen wird, bis ich mich mĂŒhevoll erhebe und ĂŒber den geheizten Boden in das schwarze und weiße Badezimmer schlurfe. Vor den Fenstern des Springers sehe ich nur die Dunkelheit des Alls und das Schimmern entfernter Sonnen, und doch fĂŒhle ich mich nicht unsicher oder einsam. GleichgĂŒltigkeit scheint sich mit dem Schlafmittel auf meine Sinne gelegt zu haben und nur langsam aus ihnen zu weichen.

Letzter Sprung in fĂŒnf Minuten.

ZurĂŒckgespult enden meine Gedanken genau hier, wo Kontraste alles benetzen. Die stechend rote Farbe meiner Kleidung lenkt meine Aufmerksamkeit immer wieder ungewollt auf sich, bis meine Finger wieder neue OberflĂ€chen an den WĂ€nden des halbrunden, hohen Korridors ertasten und ich mich ihnen zuwende. Weiße und blĂ€uliche Lampen mischen ihren indirekten Schein zu kaltem Licht, das den Weg meiner leisen Schritte durch den nahezu sterilen Gang erhellt, bis ich das verdunkelte TĂŒrfeld am Ende durchschreite und in eine schattenbefleckte Schummrigkeit trete. Eine dunkle Stimme und ein wenig Licht dringen aus einer TĂŒr am Ende eines nur behelfsmĂ€ĂŸig angelegten GerĂŒsts, das eine wackelig wirkende BrĂŒcke ĂŒber einen tieferen Abgrund zu bilden scheint. Dieser Korridor ist anders als die der gewöhnlichen Verbindungen, und ich nehme an, dass ich mich verlaufen habe. Aber die Faszination fĂŒr alles um mich herum ist zu groß, als dass ich mich auch nur kurz darĂŒber Ă€rgern könnte. Es wird sich schon ein Weg finden.

Letzter Sprung in einer Minute. Die bekannte Frauenstimme ertönt abermals aus allen Richtungen und mein Herz macht einen HĂŒpfer, weil ich nun weiß, dass wir wirklich so nah am Ziel unserer Reise sind. So nah an der neuen Welt.

Ein lautes Knacken ist hinter mir zu hören, als meine Augen ĂŒber die offenliegenden und nur leidlich befestigten Kabel und Verbindungen an den WĂ€nden schweifen.
Struktur. Ich glaube, dass ich Struktur, Worte und Gesichter brauche, um diese Leere zu fĂŒllen.
Letzter Sprung in dreißig Sekunden.

Ich trete mit meiner dĂŒnnen Sohle auf die schmale BrĂŒcke, die mich zu der TĂŒr fĂŒhrt, und liebe das GefĂŒhl, das durch meine FĂŒĂŸe kribbelt, als sie die kleinen Erhebungen im Metall spĂŒren.
Letzter Sprung in zwanzig Sekunden.

Es dauert lange, bis ich meinen Blick von den Untiefen unter mir abgewandt habe, die mitten in das Herz des Springers fĂŒhren. Irgendwo in der Ferne höre ich das regelmĂ€ĂŸige Klicken und Gurgeln der Reaktoren, das ich schon immer als so eigenartig organisch empfunden habe. Mein Atem geht ungewöhnlich langsam.

Letzter Sprung in zehn Sekunden.
Neun.
Acht.

»Hey!« Ich sehe von meinen HĂ€nden auf, als ein Schatten das aus der TĂŒr fallende Licht verdeckt und ein Mann sich in Windeseile aus dem Raum schĂ€lt, um auf mich zugelaufen zu kommen. »Scheiße, was machst du hier?«

FĂŒnf.
Vier.

Er packt mich grob am Arm und zerrt mich mit sich auf das Licht zu, in den Raum, wÀhrend die liebliche Stimme ruhig den Countdown weiter abzÀhlt.

Zwei.
Eins.

Und er stĂ¶ĂŸt mich mit einer solchen Wucht in das Zimmer, dass ich mich hart an dem Tisch in der Mitte stoße, zurĂŒcktaumle und fast falle, als alles beginnt, an mir zu zerren – und ich auseinanderreiße.

Abtrennung

Ich denke, dass mir mein Kiefer aus dem Kopf gefallen sein muss, zusammen mit meiner Zunge, meinen Augen und allem anderen, denn ich spĂŒre nichts mehr, sehe nichts mehr, kann mich nicht mehr bewegen, den Mund nicht öffnen, um zu schreien.

Als das Bild sich ordnet, sind dort meine vor das Gesicht geschlagenen HĂ€nde, zitternde Finger und die sichere Hand des Fremden, der sie wieder herunterzieht. Alles ist eigenartig verschwommen, als trĂŒge jedes Ding einen Schleier aus bunten Scherben und Staub, der sich darum legt. Mein Blick flimmert, mein GegenĂŒber versucht, ihn einzufangen, aber ich bringe nur ein Stöhnen ĂŒber meine Lippen, schĂŒttle Mal fĂŒr Mal den Kopf, um alles irgendwie wieder an die richtige Stelle zu bringen. Worin habe ich mich hier nur verloren? FĂŒr lange Momente bin ich mir nicht einmal mehr sicher, wer ich bin und wo ich mich befinde, versuche mich zu beruhigen, zu schlucken, um alles wieder zu ordnen, aber es herrscht zu großes Chaos in meinen Gedanken.
Und das Zittern. Das Zittern hört nicht auf.

»Was war das?«, murmle ich und sehe mich in dem karg eingerichteten Raum um, der bis auf ein paar Nahrungszellen, die die ganze linke Wand ausfĂŒllen, nichts beherbergt. Die Front gegenĂŒber der TĂŒr bietet einen weitflĂ€chig offenen Blick auf das All und noch wĂ€hrend ich mich darĂŒber wundere, wie unglaublich fremd meine helle Stimme in meinen eigenen Ohren klingt, hat mein Blick sich nach dort draußen verirrt, wo er nicht viel sieht. Wo ist die Erde? Sollte sie nicht hier sein, nach dem angeblichen letzten Sprung? »Wo sind wir?«

»Gleich da. Unser Ziel liegt auf der anderen Seite des Schiffs.«

»Und was war das gerade?«

»Nun, meine Liebe«, setzt der Mann an und sucht meinen Blick abermals mit seinen tĂŒrkisfarbenen Augen, in denen sowohl Besorgnis als auch Vorwurf gefangen sind. »Das passiert, wenn man sich wĂ€hrend des Sprungs nicht innerhalb eines gesicherten Bereiches befindet. Ich konnte das TĂŒrfeld nicht mehr rechtzeitig verriegeln.«

»Oh.«

»Was hast du ĂŒberhaupt da draußen getrieben?«

Ich bin dankbar, als er seine Hand auf meinen RĂŒcken legt und mich vorsichtig zu einer der farbenfrohen Schwebeschalen schiebt, in die ich mich gleiten lasse. Das Licht innerhalb des Raumes ist gedimmt und sammelt sich nur in einigen Ecken, wo es nicht blenden kann.

»Ich bin aufgewacht«, erklĂ€re ich, wĂ€hrend ich den Fremden aufmerksam dabei beobachte, wie er mit wenigen Schritten durch den fĂŒr Crewmitglieder angelegten Pausenraum zu einer der Pilou-Zellen geht, um uns scheinbar ein paar heiße GetrĂ€nke zu generieren. Er hat mir den RĂŒcken zugewandt, deswegen kann ich es nicht genau erkennen. Die schwarze Uniform mit den weiß-leuchtenden SĂ€umen, die er trĂ€gt, deutet auf einen sehr hohen Rang hin.

»Man hat mir gesagt, es wĂŒrde jemand kommen, um mich abzuholen. Aber es kam niemand.«

»Vielleicht wegen des Sprungs. Dann scheint dein Stu nicht richtig programmiert gewesen zu sein, darĂŒber hĂ€tte er dich nĂ€mlich informieren mĂŒssen. Das solltest du beim Auschecken unbedingt einem Crewmitglied melden.«

»Hm«, mache ich mangels der Worte, die ich noch sagen könnte, und betrachte stattdessen interessiert, wie er mit den beiden hohen Bechern wiederkehrt und mir einen davon in die Hand drĂŒckt, der eine angenehme WĂ€rme ausstrahlt.

»Und du gehörst zum Team?«, frage ich, weil die Stille plötzlich, als er sich neben mich setzt, so unangenehm und drĂŒckend wird.

»Genau. Normalerweise treibe ich mich aber nicht hier hinten herum, du hast also GlĂŒck, dass du mich getroffen hast.« Und plötzlich grinst er so breit und vielsagend, dass es mich irritiert.

»Aha«, mache ich unsicher, starre nur in meine Tasse, ohne etwas zu trinken, sein amĂŒsiertes Lachen in meinen Ohren.

»Und mit wem habe ich die Ehre?«, möchte er dann wissen. Ich muss tatsĂ€chlich kurz ĂŒber meinen eigenen Namen nachdenken.

»Mara«, sage ich dann und schmunzle sogar ĂŒber mich selbst.

»Und was suchst du auf der Erde, Mara?«, fragt er und betont meinen Namen eigenartig stark. »Behryu V soll doch ganz schön sein.«

»Ich will meine Erinnerungen an den Slot verkaufen«, erklĂ€re ich und schaue wieder zu ihm hoch, erfreue mich fast unmerklich an seinem ĂŒberraschten und anerkennenden Gesicht.

»Ah, dann habe ich es also mit einer kĂŒnftigen MilliardĂ€rin zu tun.«

»So ungefĂ€hr«, bestĂ€tige ich abwesend, noch immer verwirrt von einfach allem um mich herum; als hĂ€tte mein Gehirn in den letzten drei Jahren verlernt, EindrĂŒcke richtig zu verarbeiten. »Und wer bist du?«

Er wendet sich beschwingt mit seiner Schale so zu mir um, dass wir uns gegenĂŒber sitzen und reicht mir die Hand, die ich etwas konfus schĂŒttle.

»JuniorkapitÀn Davenport«, stellt er sich förmlich vor. »Aber du kannst mich gern Juan nennen.«

Abtrennung

Nach dem letzten Sprung treiben wir um die Erde und aus vielen der weiten Fenster kann man diesen unglaublich blauen Planeten beobachten. Bewundernd habe ich meine Finger an die kĂŒhle Außenscheibe gelegt, nachdem ich mich auf einer der weichen BĂ€nke des Beobachtungsraums niedergelassen habe, um die letzten Minuten und Stunden vor der Landung in Ruhe zu fristen und mich selbst zu sammeln.

Eigenartig fern ist nun alles, das ich kenne – nicht nur in meiner Vorstellung, sondern auch im Raum. Hunderttausende Lichtjahre trennen mich nun von meiner kalten Heimat, meinen Eltern, Freunden und allen, die ich je kannte. Vor meiner Abreise habe ich viele Sprach- und Orientierungskurse nehmen mĂŒssen, aber nun, da ich hier bin, habe ich nicht das GefĂŒhl, auch nur im Ansatz auf das vorbereitet zu sein, was mich erwartet. Sehr warm soll es sein, auf diesem wundersamen Planeten, den ich bisher nur aus Berichten und von Bildern kenne. Der ewige Schnee meiner Heimat soll hier flĂŒssig vom Himmel tröpfeln, auf saubere, plastikartige StĂ€dte, ewige Lichter und in endlose Meere. Die Sonne soll gelb sein, und so nah, dass man ihre Strahlen auf der Haut spĂŒren kann. Und obwohl ich sie noch nicht sehe, obwohl wir im Schatten der Erde treiben, kann ich die wĂ€rmenden Strahlen bereits fast erahnen.

Und nun bin ich also hier und kann es nicht fassen, kann kaum mehr die Entscheidungen nachvollziehen, die mich dazu gefĂŒhrt haben, an diesen Ort zu kommen, meine geliebte Heimat zu verlassen. Am Ende ging es wohl nur um Geld. Und um Leben, irgendwie. Und vielleicht auch um meinen Bruder, der vor bereits so vielen Jahren Behryu verließ und mich nun erwartet.

»Du musst nicht zurĂŒck in dein Zimmer, um deine Sachen zu holen. Das wird alles fĂŒr dich erledigt«, hat der junge KapitĂ€n gesagt und mich in einen schöneren Bereich des Springers geleitet, der fĂŒr ruhige Momente des Denkens vorgesehen ist. In einer Kuppel aus durchsichtigem Material gibt es von der oberen Decke bis zum Boden nur das All zu sehen. Sterne in jeder Richtung und diesen eigenartig einsamen Mond, der wie ein stiller Begleiter neben der Erde treibt.

Information, beginnt nach einer kleinen Ewigkeit die angenehme Frauenstimme aus unbestimmter Quelle zu sprechen, als ich in Gedanken versunken ĂŒber das strukturlose Material der schwarzen Sitzgelegenheiten streiche, das die Sterne am Himmel widerspiegelt. Die Landung auf der Erde erfolgt in zehn Minuten. Bitte halten Sie sich dazu in sprunggeschĂŒtzen Bereichen auf, die als solche gekennzeichnet sind. Der Ausgang befindet sich in Ebene 24, Sektor C, in der Mitte des Schiffs. Wir bitten Sie, Ruhe zu bewahren, da Sie nach der Ankunft alle einer intensiven Ă€rztlichen Untersuchung unterzogen werden und Ihren IdentitĂ€tschip erhalten. Die Crewmitglieder werden Sie dazu zu den entsprechenden Bereichen der Auffangstation begleiten. JuniorkapitĂ€n Davenport und Reisende 489 Diguo melden sich bitte umgehend in Sektor C, Bereich 66.

Es dauert eine Weile, bis mir aufgeht, dass die Reisenummer, die genannt wurde, meine eigene ist, und ich ĂŒberlege einen weiteren Moment, einfach nicht zu gehen, hier sitzen zu bleiben und die letzten verbleibenden Minuten in diesem angenehm leeren Raum zu verbringen. Als jedoch nach wenigen Minuten die Durchsage mit der Aufforderung noch einmal wiederholt wird, richte ich mich schwerfĂ€llig auf, lasse meine Augen ein letztes Mal ĂŒber den blauen Planeten schweifen, der von nun an meine Heimat sein wird, und wende ihm mit einem Seufzen den RĂŒcken zu, um durch das TĂŒrfeld in einen hellen Zwischengang zu treten, auf dem viele geschĂ€ftig wirkende Menschen unterwegs sind, deren Strom ich fĂŒr einige Meter folge.

Im Gegensatz zu den kĂŒhlen, blauen GĂ€ngen, die die Zimmer der Schlafenden sĂ€umen, sind die Hauptkorridore in der Mitte des Springers sehr hoch und in warmen Rot- und Beigetönen gehalten. Die Außenwand stellt eine komplette Fensterfront dar, hinter der die Erde noch breitflĂ€chiger und beeindruckender zu sehen ist als vom Beobachtungsraum aus, und das Licht, das aus unbestimmten Quellen indirekt verbreitet wird, schafft gleichzeitig einen gemĂŒtlichen und doch sehr edlen Eindruck.

Der Boden unter meinen FĂŒĂŸen, wie auch die Wand zu meiner Linken, sind eigenartig weich und federnd, als wollten sie jeder Form von Sturz oder Anstoßen vorbeugen.

Die Gedanken ĂŒber diese und andere Belanglosigkeiten beschĂ€ftigen mich so lange, dass mir erst nach vielen Minuten auffĂ€llt, dass ich keine Ahnung habe, wohin ich gehe und in welche Richtung ich ĂŒberhaupt muss, sodass ich stehen bleibe und mich etwas irritiert nach Hinweisen umschaue.

»Entschuldigung«, spreche ich nach kurzer Überwindung zwei jĂŒngere MĂ€nner an, die auf mich zukommen und deren rötliche Uniform sie als Hilfsmitglieder ausweist. Der Vordere hat mich schon vorher offensichtlich gemustert und nun schaut er mich so aufdringlich interessiert an, dass es fast unangenehm ist. »Können Sie mir sagen, wie ich in Sektor C, Bereich 66 komme?«

»Ah, dann bist du die kleine Diguo?«, möchte derjenige wissen, der mir nĂ€her ist, und sie bleiben vor mir stehen. Ich mustere die intensiv schwarzen Haare, die auch der KapitĂ€n vorhin schon besaß und die meinen Blick auf sich ziehen. So etwas habe ich auf meinem Planeten nie gesehen.

»Genau«, bestĂ€tige ich, auch wenn mir das Wort »klein« eher ĂŒbel aufstĂ¶ĂŸt. »Gerade kam eine Durchsage, dass  «

»Ja, genau, du musst noch eine Sondergenehmigung unterzeichnen, weil es beim letzten Sprung Komplikationen gab.«

»Okay?«, stelle ich etwas verwundert fest. Ich bin sicher, dass ich vor meinem Start mit dem Schiff ĂŒber die Probleme gelesen habe, die wĂ€hrend eines Sprungs auftreten können, aber ich kann mich beim bestem Willen nicht daran erinnern, was genau das gewesen sein kann. »Und wie komme ich nun in diesen Raum?«

»Nimm einfach die Schleuse«, erklĂ€rt der hintere Mann mit dem blonden Haar und den knabenhaften ZĂŒgen und deutet auf eine in die Wand eingelassene Zelle. Noch bevor ich jedoch auch nur einen Schritt darauf zusetzen kann, stĂ¶ĂŸt der Vordere ihm seine Hand leicht in den Oberarm.

»Unsinn!«, schimpft er und schĂŒttelt heftig den Kopf. »Wie soll sie die Schleuse benutzen, wenn sie noch keinen Chip hat?« Dann wendet er sich wieder in ruhiger Tonlage an mich. »Du warst doch noch nie auf der Erde, oder?«, erkundigt er sich und ich bestĂ€tige das. »Dann  « Er ĂŒberlegt kurz und zieht ein kleines GerĂ€t aus der Tasche seines kittelartigen Umhangs. »Ja, gut, ich werde dich bringen. NaeĂ©, kĂŒmmere du dich schon mal um Cogg-Sektor 9, ja? Ich komme gleich nach.«

»Ist gut.«

Abtrennung

»So sieht man sich wieder«, empfĂ€ngt mich mein zweifelhafter Retter in der Not von heute Morgen grinsend vor dem TĂŒrfeld des Bereiches, zu dem auch ich beordert wurde. Der Helfer, der mich schweigend den ganzen Weg ĂŒber begleitet hat, grĂŒĂŸt den Mann kurz, dann verabschiedet er sich mit einem etwas angespannten HandschĂŒtteln von mir und noch bevor mir einfĂ€llt, dass ich mich bedanken sollte, ist er bereits verschwunden. »Mir war vorhin noch nicht klar, dass du die Diguo bist«, reißt mich der KapitĂ€n namens Juan wieder aus meinen Gedanken und als ich mich ihm zuwende, hat er sich bereits locker mit der Schulter gegen die weiche, beigefarbene Wand gelehnt, um mich so von oben bis unten zu mustern.

»Das mag daran liegen, dass ich lieber mit meinem Vornamen angesprochen werde«, witzle ich und er lacht.

»Kann sein. Auf jeden Fall kenne ich deinen Bruder«, erklĂ€rt er sich dann und ich hebe ĂŒberrascht meine Augenbrauen, denke darĂŒber nach, wie er in eine ebenso gelassene Haltung umzuschwenken, entschließe mich am Ende aber dazu, so angespannt stehen zu bleiben, wie ich bin.

»Oh, aha«, mache ich und endlich nimmt er seine Augen von mir und sieht sich etwas gedankenverloren im Gang um.
Ein Vermerk innerhalb des verdunkelten Feldes weist den Raum, vor dem wir stehen, als eine Art Behandlungszimmer aus.

Die Landung erfolgt in 20 Sekunden, verkĂŒndet die Computerstimme und synchron sehen wir auf.

»Scheiße«, grummelt Juan und schaut verdrossen drein. »Da gammelt man drei Jahre auf einem beschissenen Springer rum und dann kann man bei der Landung nicht dabei sein.«

»Warum  «, setze ich an, als die Frauenstimme beginnt, die letzten zehn Sekunden herunterzuzĂ€hlen und meine Worte ĂŒbertönt, also stocke ich und warte ab.

Sind wir hier in einem geschĂŒtzten Bereich? Ich schaue mich um, aber ich kenne das Zeichen nicht mehr, das eben diese Bereiche innerhalb des Schiffs voneinander abgrenzt, auch wenn ich einige Symbole rund um uns herum erkennen kann.

FĂŒnf.
Vier.

»Hey, pass auf!«, ruft mir Juan zu, ĂŒberall um uns herum ist wieder dieses Klicken zu vernehmen und ich schaue mich irritiert um.

Zwei.
Eins.

Und dieses Mal ist es eher ein dumpfes Zerren hinter meiner Stirn, als der Sprung vollzogen wird, und bereits wenige Sekunden spÀter scheint sich alles wieder normalisiert zu haben. Ich versuche, tief ein- und auszuatmen.

Fenster. Warum gibt es in diesem Gang keine Fenster, durch die ich hinausschauen kann, um den ersten Blick auf meine neue Welt zu erhaschen? Warum muss ich vor diesem seltsamen Raum stehen, wĂ€hrend alle anderen bereits nach draußen in die frische Luft strömen können?

»Was genau mĂŒssen wir hier eigentlich tun?«, will ich wissen, um mich abzulenken. »Der Kerl von gerade meinte, wir mĂŒssten noch irgendeine Spezialgenehmigung unterschreiben?«

»Ja, wegen des Sprungs.« Juan streicht seinen Mantel nach hinten und schiebt die HĂ€nde in die Taschen seiner Hosen. »Vorhin, meine ich. Wenn man sich wĂ€hrend eines Sprungs nicht innerhalb eines gesicherten Bereichs befindet, kann der IdentitĂ€tschip nicht sofort angekoppelt werden und du brauchst eine Spezialgenehmigung fĂŒr den Aufenthalt auf der Erde.« Er macht eine recht leidvolle Pause. »Ich ĂŒbrigens auch, obwohl ich den beschissenen Chip schon hab. Aber vermutlich liegt der jetzt fĂŒr zwei oder mehr Wochen brach.«

»Oh«, mache ich und lege die Stirn in Falten, als mir einfÀllt, dass ich tatsÀchlich vor dem Abflug einen Lehrgang zu diesem Thema hatte.

»Kein Problem«, beschwichtigt mich mein GegenĂŒber, als hĂ€tte er meine Gedanken gelesen. »Es ist vollkommen normal, dass man in den ersten Tagen nach dem Aufwachen keine wirklichen Erinnerungen an alles kurz vor dem Abflug hat.«

»Beruhigend«, bestÀtige ich trocken, auch wenn mich diese ErklÀrung nicht wirklich zufriedenstellt.

»Sei nicht so schlecht gelaunt, SĂŒĂŸe«, grinst er und ich funkle ihn dĂŒster an. »Immerhin hĂ€tte ich dich auch draußen lassen können.«

»HĂ€ttest du machen können. WĂ€re fĂŒr mich dasselbe herausgekommen.«

»Aber leider habe ich versucht, den Helden zu spielen.«

»Und dabei klÀglich versagt.«

»Ja«, lacht er. »Aber auf jeden Fall bin ich nur wegen dir hier, also bin ich der verdammt Einzige, der ein Recht darauf hat, angearscht zu sein.«

Und abermals ziehe ich meine Augenbrauen in die Höhe, sehe dann aber ein, dass er recht hat und ich einfach meinen Mund halten und mir jede Erwiderung verkneifen sollte, wenn ich mich schon nicht dazu durchringen kann, mich bei ihm zu bedanken.

»Okay, verstehe ich«, gestehe ich also und er grinst wieder vor sich hin. Ich fĂŒhle mich einen seltsamen Moment lang dazu hingerissen, es ihm gleichzutun.

»Und dann können wir ja zusammen was essen gehen«, schlÀgt er nach einigen Momenten vor.

»Was?«

»Na ja, ich kenne wie gesagt deinen Bruder und wenn ich es richtig gesehen habe, ist er dein eingegebener Einweiser. WÀre doch praktisch, oder?«

»Hm«, mache ich nachdenkend und versuche, meine Abendplanung, die eigentlich nur meinen Bruder und mich beinhaltete, ĂŒber den Haufen zu werfen. Sie ist vermutlich sowieso schon hinĂŒber. »Klar, warum nicht?«, seufze ich also und er nickt etwas versonnen.

»Na, dann habe ich ja wenigstens eine Sache, auf die ich mich freuen kann.«

37 Wolkengedanken zu “Kapitel 1

  1. Hallo alle zusammen, klasse, dass ihr mitlesen wollt und Willkommen zu Kapitel 1! Dieses Kapitel ist etwas ganz Besonderes, denn es ist sicher ganz anders als erwartet – und leitet eine vollkommen neue Facette des Kernstaub-Universums ein. Ich hoffe, es gefĂ€llt euch ♄Reference

  2. “intensive Ă€rztliche Untersuchung” wĂ€re mir auch etwas unheimlich. WĂ€re ja dumm, wenn man nach so einer langen Reise wieder zurĂŒckgeschickt wird, weil irgendwas doch nicht passt.Reference

  3. Das ist ja mal ein Zufall. Da ist die alte Gruppe also wieder vereint, in Àhnlichen Konstellationen. Ich frage mich ja, ob Maras Freundin und Juans Schwester auch da ist?Reference

  4. Arme Mara, ich kann verstehen, dass sie ihren Bruder gerne allein erneut kennen lernen wĂŒrde, das letzte Treffen muss ja lange zurĂŒckliegen. Und Juan torpediert das einfach so.Reference

  5. Hahaha. Dass es keine ZufĂ€lle bei Kernstaub gibt, hĂ€tte ich mir auch denken können…. dachte ich mir auch am Ende. Es ist unglaublich, wie schnell man wieder in den “Kernstaub-Flow” kommt. Ich kann mich noch nicht ganz mit dem Juan anfreunden, aber ich bin auf jeden Fall gespannt!!! Mal sehen, wie Maras Bruder so ist und ich freue mich schon, die anderen auch irgendwann “wiederzusehen” ♄

    1. Hach, wie klasse! Es freut mich natĂŒrlich total, dass du direkt wieder im Flow bist ♄ Hach, das bedeutet mir echt viel. Dass du dich erst mal mit dem neuen Juan anfreunden musst, das ist ja ganz normal. Er ist immerhin anders als der Juan/A’en, den wir kennen. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich “eure Beziehung” entwickeln wird und … hach ja. Wenn es nach mir ginge, könnte ich gleich das nĂ€chste Kapitel posten, so aufgeregt bin ich! :)

      ♄

  6. OMG :D ich musste es erst einmal zweimal lesen bevor ich mir sicher war und wuuuh. *-* da bin ich ja gleich ganz glĂŒcklich :DReference

  7. Verwirrend :D Ich hab eine ganze Weile gebraucht, um in das Kapitel reinzufinden. Eine neue Mara? Eine zweite Mara? Ein neuer Juan? Mit Eltern, Geschwistern, Freunden auf einem anderen Planeten. Unsere Mara kann es ja kaum sein, da diese hier drei Jahre geschlafen hat und es trotzdem das gleiche Jahr ist wie am Ende von Kernstaub. Ich bin so gespannt, wie es weitergeht und was aus Ngaja geworden ist.

    1. Hi Anna,
      wow, nicht schlecht, deine Kombination mit dem Jahr. Auf die Idee ist bisher noch niemand gekommen und ich denke, das verrÀt schon einiges. Oder auch nicht?
      “Verwirrend” beschreibt das Kapitel am Ende sicherlich am besten. Ich hoffe, dass es trotzdem Spaß zu Lesen gemacht hat und bin super gespannt darauf, was du spĂ€ter so fĂŒr Theorien dazu hast :)

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